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Felix Mendelssohn Bartholdy zum 200. Geburtstag

Verdunkelter Nachruhm

Als »schöner Zwischenfall der deutschen Musik« sah ihn Friedrich Nietzsche. Und Heine empfahl jedem Mendelssohnhörer »feine Eidechsenohren« und »zarte Fühlhörner«. Doch Wagners absurdantisemitische Schmährede vom »Judentum in der Musik« legte sich wie ein Mehltau über die Wahrnehmung des Komponisten. Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums und selbst ein Nachfahre des Philosophen, über den Streit um das »Jüdische« im Werk von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde zu Lebzeiten als großer Komponist gefeiert, aber über seinem Nachruhm liegen Schatten. Das hängt teilweise mit der sich verändernden musikästhetischen Auffassung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zusammen, in der zur Maxime erklärt wurde, dass »ein Komponist in Werk und Person im idealistischen Sinne einheitlich strukturiert« sein sollte. Einer solchen »einheitlichen Zuordnung« entzieht sich ein Komponist wie Mendelssohn, dessen Werk die gesamte Bandbreite zwischen »Salonmusik« und großen Konzertwerken umfasst. In seinem Standardwerk »Geschichte der Musik seit Beethoven« konstatierte Hugo Riemann diesbezüglich eine nahezu triviale »Hinneigung zur Sentimentalität « im Mendelssohn’schen Werk und fällte damit ein Urteil, das die Rezeptionsgeschichte bis heute nachhaltig beeinflusst hat.
Erschwerend kommen antisemitische Diffamierungen hinzu, die bereits zu Felix Mendelssohns Lebzeiten erhoben wurden. Nicht unwesentlich trug dazu Richard Wagner bei, der zunächst die Mendelssohns devot umschmeichelt hatte, nach Felix’ Tod aus seinem Hass diesem gegenüber aber keinen Hehl mehr machte – und das, obgleich Mendelssohn Wagner gefördert und beispielsweise dessen »Tannhäuser«-Ouvertüre im Gewandhaus zur Aufführung hatte bringen lassen. Dem Konzert war allerdings kein Erfolg beschieden, was Wagner später einer falschen Mendelssohn’schen Programmgestaltung angelastet hat. Das war genauso ungerecht wie seine Behauptung, Mendelssohn hätte sich nie für ihn eingesetzt. Bezeichnend ist allerdings, dass Wagner zu Lebzeiten Mendelssohns sich mit seinen Attacken zurückhielt und erst nach dessen Tod zu offener Schmähkritik überging.
In seinem 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank erschienenen Pamphlet »Das Judentum in der Musik« sprach Wagner Mendelssohn zwar Talentfülle, Bildung und Ehrgefühl zu, bezweifelte aber, dass dieser Herz und Seele der Deutschen ansprechen könne. Das Fehlen von Herzensempfindungen, das Wagner Juden unterstellte, konstatierte er auch bei Mendelssohn, den er trotz seines christlichen Bekenntnisses für einen Juden hielt, der alles getan hätte, um die Musik der Zeit aus den einmal erreichten Höhen wieder herunterzuholen. Obwohl die deutsche Musikwissenschaft Wagners Unterstellungen nicht grundsätzlich folgte und sich beispielsweise auch der Musikhistoriker Hugo Riemann davon distanzierte und sie als »überscharfe und ungerechte« Kritik bezeichnete, haben diese antisemitischen Angriffe das Mendelssohnbild in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in starkem Maße geprägt. Man sah in ihm damals nicht den »erzprotestantischen Komponisten«, sondern in erster Linie den Juden, dessen Musik man für flach und sentimental hielt. Es hieß, sie passe keinesfalls zur »Seele der Deutschen«, die Ludwig van Beethoven und Richard Wagner in ihrer Musik sehr viel besser verkörpern würden. Die völkische Musikwissenschaft vor und nach 1933 wies immer wieder auf das »Jüdische« im Werk Mendelssohns hin. Dieses »Jüdische« glaubte man beispielsweise in seinem »Paulus«, insbesondere aber im »Elias« und in »Die erste Walpurgisnacht« erkennen zu können. Bis heute gibt es Mendelssohnkritiker, die der Ansicht sind, sie könnten »jüdische« Spuren in Mendelssohns Werk belegen. Manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, in Mendelssohns Kirchenkompositionen ließe sich etwas »formalistisch Distanziertes« – sprich Undeutsches – nachweisen. Trotz der Ablehnung, die Felix Mendelssohn Bartholdy erfahren hat, gehört er heute zu den meistgespielten romantischen Komponisten.

Es scheint also, dass die Rezeptionsgeschichte Felix Mendelssohn rund 150 Jahre nach seinem Tod langsam Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Der oft wiederholte Vorwurf von der »Glätte« und »Gleichförmigkeit« der Mendelssohn’schen Musik ist inzwischen einer breiten Anerkennung gewichen, die ihr ein hohes ästhetisches Niveau bescheinigt, gerade weil sie »ihren eigenen Ton wahrt, auch wo sie sich verändert«. Es scheint also, dass die Rezeptionsgeschichte Felix Mendelssohn rund 150 Jahre nach seinem Tod langsam Gerechtigkeit widerfahren lässt. Seine jüdischen Wurzeln hat Mendelssohn trotz der Hinwendung zum Protestantismus nicht verleugnet. In seinem Werk finden sich durchaus Hinweise auf eine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Der mit ihm befreundete Komponist Ferdinand von Hiller zum Beispiel, wie Mendelssohn jüdischer Herkunft und wie dieser getauft, widmete ihm das im Winter 1839/40 in Leipzig uraufgeführte Oratorium »Die Zerstörung Jerusalems«, womit er vermutlich zum Ausdruck bringen wollte, Künstler wie er selbst und Mendelssohn sollten sich ihrer jüdischen Herkunft nicht schämen, sondern sich zu ihr bekennen.
Der Text des Oratoriums stammte von dem Philosophen und Schriftsteller Salomon Ludwig Steinheim (1789–1866). Vermutlich wollte Hiller, indem er das Werk eines »jüdischen« Philosophen und Schriftstellers vertonte und seinem Freunde Mendelssohn widmete, dem Werk symbolische Bedeutung verleihen und damit zeigen, dass man sich zum Judentum und zu jüdischen Traditionen bekennen könne, selbst dann, wenn man, wie er und Mendelssohn, die Taufe genommen habe. Bestärkt wurde er in dieser Ansicht durch Steinheim, der eine explizit jüdische Position vertrat und vermutlich auch von Hiller angenommen hat, er sei wie er selbst ebenfalls fest in der jüdischen Tradition verwurzelt. In dem Brief, den Steinheim nach der Leipziger Aufführung des Oratoriums am 6. April 1840 an Hiller schrieb, heißt es: »Es macht mir zwiefache Freude, daß auf dem Boden alt- auch echtjüdischer Kultur endlich einmal ein ernsteres Werk zustande gekommen ist. Wir haben die Aufgabe, uns vor der Welt, die uns so feindlich behandelt hat, mit Glanz zu rechtfertigen.«
Beide, Hiller wie Mendelssohn, hat ihre jüdische Herkunft zeit ihres Lebens stark beschäftigt. Das Christentum war für sie Bekenntnis, aber es bedeutete nicht, dass sie durch ihre Konversion zum Christentum zu Gegnern des Judentums geworden wären. Was sie, jeder auf seine Weise, in ihrer Person verkörperten, war die Sichtweise und Gefühlswelt des getauften Juden, für den das Judentum nach wie vor ein wichtiger Teil seiner Identität bleibt. Die Mendelssohns wie auch die Mitglieder einer Anzahl anderer getaufter Familien in Berlin sahen oder begriffen sich selbst als Christen, mussten aber die bittere Erfahrung machen, dass ihr Christentum mit Argwohn betrachtet wurde.

Buchtipp:

Julius H. Schoeps: Das Erbe der Mendelssohns

Fischer Verlag

Julius H. Schoeps, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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