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Konrad Junghänel und Cantus Cölln

Man höre und staune

Cantus Cölln feierte 20. Geburtstag – und da dieses Vokalensemble für Alte Musik keinen Alltag kennt, ist das nächste, außergewöhnliche Projekt schon im Kasten. Es hat seinen Ursprung in Rom.

Natürlich kann Konrad Junghänel stolz darauf sein, was er in den letzten 20 Jahren auf die Beine gestellt hat. Mit schöner Regelmäßigkeit pickt er sich mit seinem Vokalensemble Cantus Cölln oftmals gänzlich vergessene Partituren des 16. und 17. Jahrhunderts heraus – und wird dafür stets mit Höchstnoten der Kritik und mit Branchenpreisen belohnt. Doch eine Stimme aus den Jubelchören hat es ihm besonders angetan: »In einer englischen Rezension las ich einmal, dass Cantus Cölln eigentlich auch das Telefonbuch singen könnte – man würde immer Cantus Cölln erkennen.« Homogenität bei Wahrung der Individualität – damit ließe sich vielleicht grob das Phänomen und auch das »Markenprodukt« Cantus Cölln beschreiben. Das Erstaunlichste dabei aber ist, dass dieser klangästhetische Fingerabdruck schon von Anbeginn an erkennbar war – als Junghänel nämlich seine Karriere als weltberühmter Lautenist an den Nagel hängte, um mit fünf Sängern und Sängerinnen ein solistisches Vokalensemble zu gründen. Während seine Alte- Musik-Kollegen quer durch die europäischen Musiklandschaften reisen, hält Junghänel an der auf Deutschland und Italien ausgerichteten Werkauswahl fest: »Ich gehe bei meinen Interpretationen sehr von der Sprache aus. Von dem Sprachfluss und dem Sprachduktus. Wenn ich allein an Heinrich Schütz denke, wo es nicht nur um Sätze und Worte geht, sondern um Silben und Buchstaben – da kann man als Nicht-Muttersprachler gar nicht so tief vordringen. Weshalb ich auch umgekehrt französische Vokalmusik mit meinen deutschen Sängern nicht wirklich befriedigend darstellen kann.« Arbeitslos wird Junghänel deswegen noch lange nicht. Die deutschen und italienischen Notenarchive sind bestens gefüllt. Und auf welche Perlen Junghänel mit seiner ausgesprochenen Trüffelnase dabei weiterhin stößt, beweist er nun mit einer »Marienvesper« eines gewissen Virgilio Mazzocchi (1597–1646). Mit dem Bruder des Römers, mit Domenico Mazzocchi, war der Operndirigent Junghänel bereits vertraut. Mit Virgilio, der als Kapellmeister der Cappella Giulia am Petersdom Nachfolger von Palestrina war, betritt Junghänel dagegen nun wieder absolutes Neuland. Und auch mit diesem komponierenden Wanderer zwischen der prima pratica und des stile nuovo löst Cantus Cölln garantiert wieder eine ganz bestimmte Reaktion aus: Man höre – und staune.

Neu erschienen:

Mazzocchi

Vespro della Beata Vergine

Konrad Junghänel, Cantus Cölln

harmonia mundi

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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