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Marc-André Hamelin

Da staunt der Fachmann

Bei seinen famosen Klaviereinspielungen hat man nicht selten den Eindruck, da werde nicht zwei-, sondern mindestens vierhändig gespielt. Die Rede ist von Marc-André Hamelin, der, unauffällig im Äußeren, eher an einen Beamten erinnert als an den derzeit wohl virtuosesten, in jedem Fall aber vielfältigsten Pianisten unserer Zeit.

Natürlich hat man sie vor dem Treffen parat, die Bilder vom Tastenlöwen und Supervirtuosen, der einen noch das pure Staunen lehrt. Natürlich wartet Hamelin auf die Klischeefragen nach den schwersten Stücken und Ähnliches. Und natürlich hält er nichts von der gängigen Unterscheidung: hier der brillante, aber tumbe Virtuose, dort der tiefsinnige Analytiker oder subjektivistische Gefühlsdarsteller. Geschmeichelt nimmt er die Komplimente entgegen, er führe nicht nur diese Typisierung ganz offensichtlich ad absurdum. Auch die recht deutsche, bildungsbürgerliche Schubladendummheit der »U«- und »E«- Musik widerlege er so überzeugend wie kaum ein anderer. Denn wer reüssiert schon derart kunstfertig sowohl bei den Jazzapologeten Gulda, Kapustin, Weissenberg und Antheil (in seinem jetzt mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Album »In a State of Jazz«) wie beim klassischen Repertoire? Beim klassischen Repertoire?! Zwar weist Hamelins riesige Diskografie inzwischen ein paar Schumann- und Brahmseinspielungen auf, doch die nehmen sich zahlenmäßig eher bescheiden aus. Von einer Vernachlässigung der Klassiker will er allerdings nichts wissen, denn fortwährend spiele er sie in Konzerten. Die von seinem Label Hyperion favorisierte CD-Repertoire-Politik hat Hamelin offenbar das einseitige Etikett des Exoten eingetragen. Was ihn einerseits ein wenig ärgert, andererseits mit Preisen überhäuft. Im Übrigen steht er aber zu seinen »Exoten« (im Mozartjahr hat er denn auch keinen Mozart gespielt!). Dass jene (spät-)romantischen Pianistenkomponisten derartig Anspruchsvolles und auch zweifellos Effektvoll-Brillantes zu Papier gebracht haben, war dem Kanadier – man glaubt es ihm aufs Wort – kein Anreiz zur Selbstdarstellung, sondern Dienst an vergessenen Partituren. Wie diese Bescheidenheit aussieht, lässt sich auch auf You- Tube erleben: Wie er sich nach der irrwitzigen zweiten Ungarischen Rhapsodie von Liszt verbeugt, während das Publikum das pianistische Wundertier frenetisch beklatscht, das ähnelt paradoxerweise einem, der gerade eine Aktennotiz erledigt hat. Begeisterung für Partituren zeigte schon der Jugendliche, den der Vater, ein begabter Amateurpianist und Notensammler, für das Klavier motivierte. Was der Vater nicht fertigbrachte, sollte der Sohn erfüllen?! Wer da einen neurotischen Selbstfindungsprozess vermutet, liegt völlig falsch. Vielmehr ist Hamelin dankbar, dass der vor einigen Jahren verstorbene Vater den einzigartigen Erfolg seines Sohnes noch miterleben konnte.
Trotz so viel bescheidener Natürlichkeit wollen die Bilder vom übermenschlich begabten Tastentitanen nicht aus dem Kopf. Gerade im Moment gibt er dem Klischee neue Nahrung: Denn wer außer Hamelin würde ein Interview eine Stunde vor einem Soloabend geben – zu einem Zeitpunkt, wo die meisten Kollegen unzurechenbar bzw. ungenießbar sind? Hier aber sitzt der weltbeste Pianist, plaudert bei einem Imbiss und trinkt Kaffee. Wie er sagt, um gleich im Anschluss etwas im Magen zu haben. Als ob alles andere Nebensache wäre.

Neu erschienen:

Chopin

Sonaten Nr. 2 u. 3 u. a.

Marc-André Hamelin

Hyperion/Codaex

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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