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Elīna Garanča

Die Wandelbare

Die lettische Mezzosopranistin kennt beide Seiten der Medaille des Daseins – die glanzvolle und die dunkle. Zu Sowjetzeiten musste sie sogar putzen gehen, damit die Familie genug zu essen hatte. Ihre Karriere begann sie mit der beschwerlichen, aber lehrreichen Ochsentour durch die Provinz. Heute hat sie es allen Kritikern gezeigt, die sie für ein schnell verglühendes Sternchen hielten.

Carmen erscheint pünktlich. Doch wie wenig gleicht sie jenem Bild, das wir uns im Oktober vorvergangenen Jahres bei der Premiere von Bizets magisch glühendem Opus gleichen Namens von ihr machen durften: als sie – auf der Bühne der Lettischen Nationaloper zu Riga – wie ein erotischer Orkan durch die bürgerlich-katholische Welt brauste, auf der sehend-sehnenden Suche nach dem wahren, schönen, guten Leben. Nein, es kann nicht sein. Carmen ist gar nicht Carmen. Und weder Sesto noch Oktavian, weder Dorabella noch Rosina, weder Charlotte noch Adalgisa, weder Cenerentola noch Cherubino.
Es ist Elīna Garanča selbst. Die Garanča. Und kaum eine Minute sitzen wir, da steht unumstößlich fest: Diese Frau weiß, was sie will, wie sie es will, wann und warum. Wohin man das Gespräch auch lenkt, sie hat eine passende Antwort. Eine Schnelldenkerin, klug, reflektiert, aufmerksam. Eine, die das Leben nicht als Ansammlung von Sachertorten begreift, in die man nach Herzenslust hineinbeißen kann. Ganz im Gegenteil. Diese junge Sängerin von 32 Jahren, um die sich die Musikwelt schon seit Längerem reißt, kennt sehr wohl beide Seiten der Medaille »Dasein«, die lichtvolle wie die dunkle.
Um das zu verstehen, muss man eine kleine Reise mit ihr machen. Erneut geht es nach Riga. Nur ist es das Riga der Achtzigerjahre. Ein Ort also, dessen Bewohner nicht wirklich zu beneiden sind. Die Sowjets haben ihre Finger im Spiel. Und sie bestimmen die Regeln dieses Spiels. Keiner kann sich davon freimachen. Auch nicht die Familie Garanča. Wenngleich daheim die Musik regiert – die Mutter ist Sängerin und Gesangspädagogin, der Vater Chordirigent, beide an der Lettischen Nationaloper – so spürt man doch jederzeit die bleierne Schwere der Existenz. Manchmal hätte sie, erzählt Elīna, sogar putzen gehen müssen, einfach um etwas zu essen zu haben. Für sie war das normal. Und sie hat es nicht vergessen, auch nicht in den Zeiten des (auch finanziell lukrativen) Bejubelt-Werdens: »Wissen Sie, meine Großmutter hat immer gesagt: ›Ein Stückchen Brot hat immer auch eine Rinde.‹ Und das muss man wissen. Wenn man diese Einstellung zum Leben hat, dann fällt vieles leichter. Oder man kann, wenn das nicht der Fall ist, die Schwierigkeiten viel leichter ertragen.«
Hübsche, einstudierte Worte? Der das sagt, weiß nicht, wie arm manche Länder Europas waren (und noch sind) und weiß auch nicht, dass diese Sängerin nicht mal eben so vom lieben Gott mit Manna bestreut wurde und wie ein unschuldiger Engel zur Erde fuhr. Elīna Garanča hat die ganz gewöhnliche Ochsentour hinter sich. Und das war nicht immer leicht. Mit Beginn der Saison 1999/2000 wurde sie Ensemblemitglied des Südthüringischen Staatstheaters Meiningen. Tiefe Provinz. Sie kam dorthin, ohne mehr als fünf, sechs Worte Deutsch zu sprechen, aber mit der romantischen Idee, alles würde schön werden. Heute denkt sie an diese Zeit, wie sie selbst sagt, mit einem leisen Lächeln. »Wie naiv kann man eigentlich mit 21, 22 Jahren sein, wo andere schon Kinder kriegen, und den Opernbetrieb für etwas halten, wo es nur tolle Kostüme gibt und schöne Perücken, und wo man dann stattdessen auf die Realität des deutschen Regietheaters trifft?«

Was nach Angst vor dem deutschen Regietheater klingt, ist ihrer Ansicht nach nicht mehr als eine professionelle Erkenntnis. »Ich treffe immer noch wahnsinnig tolle Leute wie Martin Kušej, Christof Loy oder auch Bartlett Sher, mit dem ich an der Metropolitan Opera New York Rossinis ›Barbiere di Siviglia‹ gemacht habe. Das sind Sternstunden, das sind jene glücklichen Momente, wo der Traum von einem Theater, wie ich ihn mir wünsche, weiter existiert.« Fragt man sie, ob sie befürchte, dass ihr dieser Traum abhanden komme, antwortet Elīna differenziert, wie es ihre Art ist: »Nein, ich habe diesen Traum nicht aufgegeben und ich werde ihn nicht aufgeben, und genau deswegen mache ich meinen Beruf. Aber manchmal ist die Realität schon anders, als man sich das als junge Frau vorgestellt hat. Oder sagen wir es so: Manchmal kann diese Realität so sein.«
Und manchmal ist das auch gut so. Denn inzwischen ist die wandelbare Mezzosopranistin der entschiedenen Meinung, dass es gut war, 2001 nur Finalistin beim BBC-Wettbewerb »Singer of the World« gewesen zu sein, obwohl damals viele Leute der Meinung waren, sie hätte ihn gewinnen müssen. Warum sie das gut findet? Ganz einfach: »Ich bin darüber glücklich, dass ich diesen Wettbewerb nicht gewonnen habe, weil es zum damaligen Zeitpunkt für mich alles andere als gut gewesen wäre, in diese Maschinerie hineingedrängt zu werden. Noch heute fällt es mir manchmal nicht leicht, diesen Druck zu verspüren, ein Star zu sein. Ich mag diese Art der Last nicht besonders. In dem Moment, wo ich auf der Bühne stehe, ist es mir herzlich egal, wie bekannt oder nicht bekannt ich bin. Mein Herz zittert genauso wie beim ersten Mal. Und auch die Vorbereitung ist die gleiche wie vor zehn Jahren. Ich studiere meine Rolle ein und dann beginnen irgendwann die Bühnenproben.« Der feine Unterschied? »Manchmal muss ich einen Text im Flugzeug oder im Auto auswendig lernen, weil ich nicht zu Hause bin.«

Neu erschienen:

Bellini, Donizetti, Rossini

Bel canto

Elīna Garanča, Filharmonia del Teatro Comunale di Bologna, Roberto Abbado

DG/Universal


Was ist Belcanto?

Frédéric Chopin habe, so wird erzählt, eine wichtige Inspiration für seine Klaviermusik aus dem Operngesang seiner Zeit erhalten: Eine Melodielinie, die über einer einfachen Begleitung große Bögen spannt und, z.B. im Falle von Wiederholungen einzelner Abschnitte, mehr und mehr expressiv verziert wird, gehört zu den Merkmalen vieler seiner Klavierstücke, und gleichzeitig ist sie das Hauptmerkmal zahlloser Opernarien jener Zeit, komponiert etwa vom berühmten Belcanto-Dreigestirn Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti. Die Faszinationskraft solcher der Machart nach vergleichsweise einfacher Vokalmusik ist unmittelbar verknüpft mit einem Bündel stimmlicher Fähigkeiten und Tugenden des interpretierenden Gesangssolisten: Ein großer Atem, ein ausnehmend schönes Timbre, genügend Kraft und Intensität zur ausdrucksstarken Ausgestaltung langer Kantilenen sind notwendig, gleichzeitig ein hohes Maß an Flexibilität für die allenthalben zu erwartenden schnellen Verzierungen sowie darüber hinaus ausreichend Dezenz und Geschmack, diese Fähigkeiten in den Dienst der Musik zu stellen und nicht ins Fahrwasser eitler Selbstdarstellung zu geraten. Gerade letztere Balance ist nicht ganz leicht zu finden, hängt doch in einer Belcanto-Arie tatsächlich alles allein am Gesangssolisten: Die Orchesterbegleitung ist nichts, rein gar nichts ohne die Kantilene, die über ihr schwebt, und selbst diese Kantilene als solche ist nichts, wird sie nicht in der oben skizzierten Weise vorgetragen. Auf ihrer neuen Belcanto-CD zelebriert Elīna Garanča Arien und Romanzen wie »Al mio core« (Donizetti, »L’assedio di Calais«) oder »Dopo l’oscuro nembo« (Bellini, »Adelson e Salvini«) auf der Basis ihres angenehm dunklen, fast verhangenen Timbres geschmackvoll und unprätentiös. Geschmeidiger Wohlklang scheint für sie im Vordergrund zu stehen, sie gibt sich ganz der Musik hin und lässt sich von den Kantilenen führen. Auch Chopin hätte womöglich seine Freude an solchem Gesang gehabt.


Tom Persich, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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