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Retro-Diskothek

»Das Neue ist selten das Gute«, meinte Schopenhauer, »weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.« Aus der Fülle der Wiederveröffentlichungen auf CD stellt Michael Wersin in seiner »Retro-Diskothek« die besten der guten alten Scheiben vor.

Eine kleine animierte Löwenpuppe im niederländischen Fernsehen – vergleichbar mit den deutschen Mainzelmännchen – gab einer der berühmtesten kammermusikalischen Formationen der letzten Jahrzehnte den Namen: »Loeki de Leeuw« stand 1978 in einem Moment studentischen Herumalberns während einer Ensemblestunde in der Musikhochschule Pate für das »Amsterdam Loeki Stardust Quartet«. Die Erfolgsgeschichte des Blockflötenquartetts begann schon im selben Jahr beim Festival Musica Antiqua Brugge, wo die Musiker für einen Skandal sorgten, weil sie sich mit einem Song von Stevie Wonder präsentierten. Die nach wie vor staunenswerte Perfektion der vier Flötisten kann man auf dem Doppelalbum »The Loeki Files« (CD + DVD, Channel Classics/harmonia mundi CCS 5208) zum 30-jährigen Jubiläum erleben: Präsentiert werden Auskopplungen aus verschiedenen CDs und eine Reihe unterschiedlicher Videodokumente unter anderem von Konzertauftritten.

Die südländische Sonne schien über dem frühneuzeitlichen Nürnberg aufzugehen, als Plácido Domingo im Jahre 1976 die Partie des Walther von Stolzing übernahm. Mehr als nur einen Hauch von Tapas und Tequila schmuggelte Domingo in die Partitur des Bayreuther Meisters: Mit so viel Schmelz ist das Preislied des letzten Aktes wohl selten zuvor ins Publikum auf der Festwiese geschleudert worden. Mit der deutschen Sprache freilich nimmt es Domingo nicht allzu genau (das hat sich bis heute, einige Wagnerpartien später, noch immer nicht geändert). Ganz im Gegensatz dazu sein Bühnenschwiegervater in spe, Dietrich Fischer-Dieskau: Er zelebriert als Hans-Sachs-Debütant gekonnt das Wagner’sche Wort, aber die Kantilenen entströmen seiner Kehle nicht annähernd so holperfrei wie derjenigen des spanisch-mexikanischen Kollegen. Insofern eine durchaus spannungsreiche Produktion, die der altersweise Eugen Jochum 1976 in Berlin für die Schallplatte dokumentierte – eine denkwürdige allzumal. Die Einspielung kommt nun in der »Originals«-Reihe der Deutschen Grammophon auf den Markt (DG/Universal 477 755-9).

Als der große Richard Tauber 1948 im Londoner Exil starb, war er ein armer Mann. Er hinterließ Steuerschulden in Höhe von etwa 750.000 Mark – sein einstiges sagenhaftes Luxusleben lag schon lange hinter ihm. Der Grund dafür war nicht allein seine Flucht aus Nazideutschland (er war jüdischer Abstammung), sondern auch die Tatsache, dass Tauber für seine zahlreichen Schallplattenaufnahmen in der Regel einmalige Honorare verlangte, nicht aber Tantiemenverträge abschloss. Die Honorare mögen recht hoch gewesen sein, aber im Vergleich zu dem, was er tatsächlich hätte verdienen können, waren sie wohl doch nur ein Taschengeld. Und so darf man Aufnahmen wie die Lehár-Lieder und -Arien auf der vorliegenden Raritäten-CD (entstanden zwischen 1927 und 1933, liebevoll remastered von dem englischen Spezialisten Michael J. Dutton), in denen Tauber mit der vollen Glut und Leidenschaft seiner einzigartigen Stimme unter anderem die »Vilja« oder das »Röslein auf der Heide« besingt, immer mit einer gewissen Wehmut hören: Sie bescherten Tauber den wohlverdienten aberwitzigen Ruhm und füllten zunächst sein Portemonnaie mit erheblichen Barmitteln, aber sie konnte sein bitteres Ende in Armut nicht verhindern. (Richard Tauber Sings Lehár. Dutton/harmonia mundi CDEA 1912)

Der Konzertsaal ist ei-ne Arena. Einsam an einem Flügel vor einem erwartungsvollen Publikum in einem der großen Säle der Welt zu sitzen und etwas präsentieren zu müssen, das zumindest mit den eigenen CDs konkurrieren kann, die im Foyer verkauft werden – dieser Gedanke hat durchaus etwas Beunruhigendes.
Arturo Benedetti Michelangeli, der stets mit
eigenem Flügel und eigenem Klavierstimmer reiste, sagte bei kleinsten Störungen und Irritationen ab, ohne mit der Wimper zu zucken. Er musste stets wie ein rohes Ei behandelt werden und trotzdem ging’s oft schief. Spinnerei? Allenfalls teilweise: Welche Konzentration aufgebracht werden muss, um interpretatorische Meisterleistungen wie auf der 1971 im Studio eingespielten Chopin-Schallplatte, die jetzt bei den »Originals« wiederveröffentlicht wird (DG/Universal 477 756-3), auch live zu erbringen, ist kaum zu ermessen. So mancher, der für Michelangeli eine lange Reise unternommen hatte, erfuhr erst am Ort des Geschehens, dass der Meister längst wieder abgereist war. Schallplatten wie diese vermögen für solche Unbill zu entschädigen.

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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