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Respighi-Erstaufführung an der Deutschen Oper Berlin

Eine Frage der Moral

Ihre Reihe mit spektakulären Wiederentdeckungen brachte der Deutschen Oper Berlin viel Renommee und Anerkennung ein. Am 9. April steht die deutsche Erstaufführung von Ottorino Respighis Oper »Marie Victoire« auf dem Spielplan – ein wunderbares Meisterwerk, das 89 Jahre lang zu Unrecht in der Schublade schlummerte – wie RONDO-Autor Jürgen Otten findet …

Beschaut man die Lage, wie sie ist, kommt man kaum umhin, einige Fragen mitten in den Raum zu stellen: Ist das alles? Hat die Musikgeschichte nicht mehr zu bieten als diesen doch sehr überschaubaren Kanon an Bühnenwerken, die man landauf, landab immer wieder sieht und hört? Gibt es nicht in etlichen verborgenen Winkeln Schöpfungen, die es wert sind, ans Licht der Öffentlichkeit geholt zu werden? Kurzum: Muss nicht endlich jener Entdeckergeist wieder in die Opernwelt eintreten, der die Musikgeschichte einst so hoffnungsfroh nach vorne blicken ließ?
Manchmal ist es gut, zu diesem Zweck das Radio anzustellen. Andreas K. W. Meyer hat das getan, an einem kalten Wintertag 2004, als er beim Durchstöbern der Programme auf eine Liveübertragung aus dem Teatro dell’Opera zu Rom stieß, die den Status des Ungewöhnlichen trug. An diesem 27. Januar 2004 nämlich wurde ein Werk aus der Taufe gehoben, das fast 90 Jahre lang unbeachtet in den Schubladen lag: die Oper »Marie Victoire « von Ottorino Respighi auf ein Libretto von Edmond Guiraud. In Respighis Nachlass findet sich neben der Oper »Il mundo« eben auch das Autograf der »Marie Victoire«, deren Nichtaufführung zu Lebzeiten Respighis wohl dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschuldet war.
Meyer, Chefdramaturg der Deutschen Oper Berlin, hörte den Vierakter und war sich auf der Stelle sicher: Dieses famose Stück musste er ans Haus holen und seiner Intendantin auf den Tisch legen, damit sie es sähe und lieben lerne. Eine große Oper im französischen Stil der Zeit, mit einer bezaubernden, dicht gewebten, an Farben wie Stimmungen reichen Musik und mit einer Geschichte, wie sie spannender kaum sein könnte, in deren Zentrum eine Frage von hohem moralisch-ethischen Stellenwert steht: Darf ein Mensch im Angesicht des nahenden Todes eine Handlung begehen, die er unter »normalen« Umständen nicht einmal in Erwägung ziehen würde? Meyer war sich sicher: Alles in allem handelte es sich bei »Marie Victoire« um ein wunderbares Werk.
Die Geschichte spielt inmitten der Wirren der Französischen Revolution sowie in der Zeit danach. Am Anfang eine Traumlandschaft, mittendrin die Adelskinder Marie und Maurice, glücklich, liebend vereint. Man züchtet Blumen und Pläne. Doch dann bricht die Revolution in dieses Idyll hinein und entreißt der Geliebten den Märchenprinzen. Der zweite Akt zeigt die Titelheldin, die zu diesem Zeitpunkt aber immer noch Marie de Lanjallay heißt (erst im Finalakt erhält sie ihren zweifelsohne ironischen, titelgebenden Namen), in einer zum Gefangenenlager umfunktionierten Klosterkirche. Das Revolutionsgericht verurteilt sie zum Tode, und ausgerechnet der treue Diener Cloteau muss den Henkersbefehl überbringen. An dieser Schwelle stehend und vom Tod des Geliebten überzeugt, von dem sie seit Jahren kein Lebenszeichen empfangen hat, gibt Marie dem Werben eines (wie sie selbst zum Tode verurteilten) Mitgefangenen, des Chevalier de Clorivière, nach.
Kaum ist der Liebesakt vollbracht, frisst die Revolution weitere Kinder. Diesmal erwischt es Robespierre und seine Leute. Für Marie, den Chevalier und die anderen zum Tode Verurteilten bedeutet dies, dass sie frei sind. Das wäre eine gute Nachricht, würde nicht, sechs Jahre nach diesen Geschehnissen, die Pointe folgen: Im letzten Akt – Marie führt einen Laden, in dem Cloteau wieder an ihrer Seite ist, und hat einen Sohn von gut fünf (!) Jahren – kulminiert das Geschehen: Maurice taucht auf, und der Chevalier will sein Kind ein letztes Mal sehen, bevor er auswandert (was nicht stimmt, er plant und vollführt ein Attentat auf Bonaparte), Marie steht, völlig hilflos, mittendrin.
Wie es ausgeht? Am 9. April 2009, 97 Jahre nach Entstehung dieses atemberaubenden Musiktheaters, wird man es wissen. An diesem Abend hebt sich der Vorgang zu »Marie Victoire«. Und eines ist sicher: Andreas K. W. Meyer wird nicht am Radio sitzen. Sondern mit stolzfeuchten Augen in der Deutschen Oper Berlin ...

Jürgen Otten, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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