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Musikstadt

Halle

»Die schönste Stadt Deutschlands« hat die in Halle lebende Pianistin Ragna Schirmer ihre Wahlheimat genannt. Dieter David Scholz berichtet, wie die Stadt von den Nachwendejahren profitierte und heute trotz der allgemeinen Finanzmisere eine ganz erstaunliche musikalische Vielfalt zu bieten hat.

Die von den Romantikern viel besungene Saale war zu DDR-Zeiten ein streckenweise schwarzer, stinkiger Fluss mit Schaumbergen. Heute blüht das Leben wieder in der »Herberge der Romantik«, in der sich Goethe, Eichendorff, Jean Paul, Novalis, Tieck und Achim von Arnim trafen. Auch Halle, das Eichendorff in seinem Lied von der Burg Giebichenstein besang, profitierte durch die deutsche Wiedervereinigung von einer erfreulichen Rückbesinnung auf ihre einstige Schönheit und kulturelle Bedeutung. Viele denkmalgeschützte Bauwerke wurden restauriert. Man setzt auf Kultur, insbesondere Musikkultur, die zurückreicht bis zu den Zeiten des Minnesängers Heinrich von Giebichenstein. Aber auch Stadtpfeifer, Organisten, Hofkapellen, Hofkantoreien und die Oper prägten die lange und reiche Musikgeschichte Halles. Halle kann auf mehr als 350 Jahre Oper zurückblicken. 1654, im Todesjahr Samuel Scheidts, gründete Herzog August von Sachsen die Hofoper. Für sie komponierten Philipp Stolle, David Pohle und Johann Philipp Krieger. Der Pietist August Hermann Francke, dem die Stadt die Franckeschen Stiftungen verdankt, setzte ein Theaterverbot durch. Das beispielhaft sanierte, historische Fachwerk-Gebäudeensemble enthält heute neben Schulen, Kindergärten und Universitätsinstituten ein Museum, eine Wunderkammer, eine Bibliothek und einen hervorragenden Konzertsaal, der vor allem für Liedrezitals geschätzt wird.
Dann kam Goethe nach Halle, bzw. nach Bad Lauchstädt, ein kleiner Kurort 15 km südwestlich der Stadt. Dort ließ er ein noch heute erhaltenes Theater mit barocker Bühnenmaschinerie errichten und eröffnete mit seiner Weimarer Hoftheatertruppe das Bad Lauchstädter Sommertheater – und zwar mit Mozarts Oper »Titus«. Es war der Beginn einer bis heute andauernden engen Bindung Halles an das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt. Sowohl die Händel-Festspiele, als auch das Opernhaus Halle haben dort partielles Hausrecht.
Das von Heinrich Seeling erbaute gründerzeitliche Stadttheater Halle wurde schnell zur Talentschmiede und Tourneebühne. Das Wagnersüchtige Halle wurde bald schon »Klein-Bayreuth« genannt. 1914 gab man dort einen »Parsifal« in kompletter Bayreuther Besetzung. 1945 fiel das Stadttheater in Schutt und Asche, 1951 wurde es – im Innern mit dem diskreten Charme des DDR-Geschmacks renoviert – wiedereröffnet. Die Dirigenten Kurt Masur, Klaus Tennstedt und Olaf Koch begannen in ihm ihre Karrieren. Ein Jahr später wurden dort auch die Händel-Festspiele gegründet. Bis heute erfreut sich das 1992 als Opernhaus Halle in die Eigenständigkeit entlassene Musiktheater – im inzwischen bestens sanierten Gebäude – großer Popularität. Man spielt ein breites Repertoire von Opern, Musicals und Operetten. Intendant Klaus Froboese hat es in seiner Amtszeit von 1991 bis 2007 zu einem der erfolgreichsten des Landes Sachsen-Anhalt gemacht, nicht nur in Sachen Händelaufführungen. Aus dem Opernhausorchester bildete sich 1993 übrigens ein eigenes Händelfestspielorchester heraus, das auf alten Instrumenten spielt – wo gibt es das sonst?

Leider überschatten heute große Finanzprobleme das Haus wie auch die Kultur der Stadt insgesamt. 2003 fusionierte man zwar das Opernhausorchester mit der Halleschen Philharmonie zur Staatskapelle Halle, doch vor allem mit deren neu errichteter Spielstätte, der Georg-Friedrich-Händel- Halle unterhalb des Marktplatzes, hat sich die Stadt offenbar übernommen. Der im April 2008 bestallte GMD der Staatskapelle, Karl-Heinz Steffens, ehemals Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, wird es nicht leicht haben.
Im Mittelalter gelangte Halle durch Salz zu Reichtum. Die historische Architektur der Altstadt bezeugt es. Bemerkenswert sind die vielen großen Hallenkirchen der Stadt. Die Ulrichskirche wird als Konzerthalle genutzt, aber auch die gewaltige Marktkirche mit ihren zwei Orgeln, auf denen schon Friedrich Wilhelm Zachow und sein Schüler Georg Friedrich Händel gespielt haben. Auch Wilhelm Friedemann, der älteste Sohn Johann Sebastian Bachs war von 1746-1764 Organist in der Marktkirche. Der berühmteste Sohn der Stadt, Georg Friedrich Händel, dessen 250. Todestag man in diesem Jahr mit vielen musikalischen Events und einer neuen Dauerausstellung »Händel – der Europäer« im Händel-Haus (dem Geburtshaus des Komponisten) feiert, wird mit den jährlich stattfindenden, internationalen Händel-Festspielen Anfang Juni geehrt. Sein Geburtshaus, in dem eine bedeutende Musikinstrumentensammlung untergebracht ist, hat sich zum Zentrum der internationalen Händelforschung entwickelt. Der Händelpflege widmen sich aber auch der Stadtsingechor und die Robert-Franz- Singakademie. Der Stadtsingechor ist der älteste Chor der Stadt und kann seine Geschichte bis ins Jahr 1116 zurückverfolgen. Heute hat er seinen Sitz in den Franckeschen Stiftungen, ebenso wie das Landesgymnasium Latina August Hermann Francke, eine auf die Förderung musikalisch Hochbegabter spezialisierte Schule, die aufs Musikstudium vorbereitet. Der Kinderchor der Stadt Halle lädt jährlich im Mai zum Internationalen Kinderchorfestival ein. Auch die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unterhält ein Akademisches Orchester und verschiedene Chöre. Ohne Zweifel ist Halle damit eine der traditionsreichsten und aktivsten Musikstädte Mitteldeutschlands.


Dschi Eff Äidsch

»Was glauben Sie, kann es Inspirierenderes geben, als in dieser Stadt, in der Händel geboren und aufgewachsen ist, sein Werk zu studieren und auf CD einzuspielen?«, fragt die Pianistin Ragna Schirmer …

Da steht er. Groß, majestätisch, erhaben. Das rechte Bein leicht angewinkelt, gestützt auf den Notenständer. Entspannt wirkt er, doch voller Energie. So kennen wir ihn, die wir ihm täglich begegnen. Und so mögen wir ihn. Während zu seinen Füßen die Marktschreier lautstark die besten Produkte der Regionen Börde und Saalkreis anpreisen und sich gegenseitig überbieten, während die Straßenbahnen quietschend die Nord-Süd-Verbindung bewältigen, lässt er sich nie aus der Ruhe bringen. Ich habe ein paar Lieblingsplätze, von denen aus ich das Treiben am Denkmal beobachten kann. Was nämlich in Hannover der »Schwanz« (des Pferdes Ernst August des Ersten) ist, »unter« dem man sich trifft, ist in Halle der »GFH«. (Sprich: »Dschi Eff Äidsch« – damit wird sogar der späteren Lebensentscheidung des berühmten Sohnes der Stadt, seine Heimat nach London zu verlegen, Tribut gezollt.) Und es gibt keinen besseren Ort, sich zu treffen. Im Juni wird er herausgeputzt. Dann erklingen in den schönsten Sälen der ganzen Stadt seine Werke – ihm zu Ehren ein Festival. Seine Statue blumengesäumt und der Marktplatz nicht selten voller Musiker. Vor etwa zehn Jahren haben Designstudenten der Burg Giebichenstein mein geliebtes Denkmal bekleidet, im Samtfrack mit weißem Rüschenhemd, das Bild werde ich nie vergessen: Wie schön war er! Ich gebe es zu, ich spreche mit ihm. Seit ich mich intensiv mit seinem Werk beschäftige, erzähle ich ihm im Vorbeigehen, wie ich finde, was er da aufgeschrieben hat. Als ich alle seine Klaviersuiten studierte, habe ich manchmal gar geflucht. Aber mit seinem Lächeln stimmt er mich wieder milde. Es heißt, er sei vor 250 Jahren gestorben. Für mich ist er sehr lebendig. Zur Linken des Denkmals befindet sich das alte Stadthaus, in ihm ein wunderschönes Standesamt. Paare werden zu Georg Friedrichs Füßen mit Reis und Konfetti beworfen. Und ich lächle, denn ich bin mir sicher, diese Menschen haben irgendwann einmal gesagt: »Wir treffen uns am Händel.«


Dieter David Scholz, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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