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Mariss Jansons

»Ich glaube, ich war im Paradies«

Sein Wiener Neujahrskonzert, das das neue Jahr für 50 Millionen Menschen musikalisch eröffnete, war dramaturgische Feinarbeit. Kurz darauf sprach Dirigent Mariss Jansons in St. Petersburg mit Kai Luehrs-Kaiser über Nervosität, Tanzwettbewerbe im Fernsehen und sein musikalisches Geheimnis.

Mariss Jansons, geboren 1943 in Riga, wird von vielen Kritikern als einer der besten lebenden Dirigenten der Welt angesehen. Er war Dirigent der Leningrader Philharmoniker, bevor er für viele Jahre als Chef nach Oslo, dann nach Pittsburgh ging. Seit 2003 ist Jansons Chef des BR -Sinfonieorchesters in München, seit 2004 darüber hinaus Chefdirigent beim höchst bedeutenden Concertgebouw Orchester in Amsterdam. Mehrfach musste er wegen Herzproblemen Zwangspausen einlegen und sein Pensum reduzieren. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigierte er erstmals 2006.

RONDO: Lieber Herr Jansons, bei Walzer, Polka und Galopp kennen sich die Wiener Philharmoniker besser aus als jeder Dirigent. Was können Sie denen beim Radetzky- Marsch noch Neues erzählen?!

Mariss Jansons: (Lacht.) Na, so kann man das nicht sagen! Die Wiener Philharmoniker haben den Walzer zwar im Blut. Aber jedes Orchester spielt mal besser und mal schlechter. Es sind schließlich keine Maschinen. Man muss motivieren. Das ist am 1. Januar besonders leicht, weil alle mit guter Laune und gespitzten Ohren bei der Sache sind. Aber andererseits auch besonders schwer. Es schauen nämlich fast 50 Millionen Menschen zu. Außerdem stehen so viele Werke auf dem Programm, dass man ständig umschalten und umdenken muss. Da werde ich schon nervös.

RONDO: Sie werden nervös?

Jansons: Immer! Ich bin jedes Mal wahnsinnig aufgeregt, wenn ich auf die Bühne gehe. Auch beim Neujahrskonzert. Man kann nichts dagegen tun. Und es wird erst besser, wenn die Musik anfängt.

RONDO: Selten erlebt man ein so dramaturgisch ausgefeiltes Neujahrskonzert wie dieses Mal. Kompliment!

Jansons: Ich muss selber sagen: Ich finde, das war ein sehr gutes Programm. Ich konnte es während des Konzertes fühlen. Es gab mehrere Themen, gruppiert um den historischen Anlass des ersten Rathaus-Balls in Wien. In einer Ecke musizierte damals Carl Michael Ziehrer, in der anderen Eduard Strauß. Du oder ich! Einige Titel des Neujahrs-Programms hatten mit mir zu tun. Tschaikowsky in St. Petersburg hat wie kein anderer Komponist Walzer für seine Werke benutzt. Und zwar als eine Art Strauß-Reflex. Petersburg wiederum ist die Stadt, von der ich geprägt wurde wie von keiner anderen. Und in der ich lebe.

RONDO: Wie viele Werke haben Sie für Ihre Auswahl diesmal durchgehört?

Jansons: Nicht so viele wie letztes Mal. Für mein erstes Neujahrskonzert 2006 hatte ich mir rund 800 Werke kommen lassen. Damals habe ich Listen angelegt für Polkas, Quadrillen und Walzer. Ich bin auf viele Jahre hin im Voraus präpariert, was das Neujahrskonzert betrifft.

RONDO: Warum gibt’s nach der Pause bei Ihnen vor allem bekannte Werke?

Jansons: Das muss so sein. Schauen Sie, es gibt drei Arten von Werken der Strauß-Ära: unbekannte, halb bekannte und sehr bekannte. Ein schönes, aber wenig populäres Werk wie »Entweder- oder« darf man nicht am Ende eines Programms spielen. Zum Schluss muss etwas Bekanntes kommen! Es muss, mit anderen Worten, immer populärer werden. Außerdem müssen Sie viele Kontraste einbauen. Also Abwechslung zwischen Polka schnell, Polka mazur und französischer Polka! Zwischen langsam und schnell. Das ist die ganze Dramaturgie.

RONDO: Einzige Einschränkung: Bei den Wiener Sängerknaben verstand man eigentlich kein einziges gesungenes Wort!

Jansons: Wir haben lange darüber diskutiert. Es ist wirklich höllisch schwer zu singen – und sehr viel Text. Man versteht nie was davon. Ich müsste das Tempo drosseln, damit es besser wird. Und das, ehrlich gesagt, wollte ich nicht. Der Text der »Tritsch- Tratsch-Polka« ist übrigens auch kein echtes Meisterwerk. Glauben Sie mir: Weniger ist mehr!

RONDO: Ihre große Chefdirigenten-Zeit in Amsterdam und München begann erst, als Sie bereits stark auf Ihre Gesundheit achten mussten. Arbeiten Sie heute anders?

Jansons: Ja, das muss ich. Ich mache praktisch keine Gastdirigate mehr, außer bei den Berliner und den Wiener Philharmonikern. Ich dirigiere jetzt seit fast 44 Jahren. Am Anfang war ich vor allem eines: tüchtig. Und fleißig. Ich habe alles gemacht. Heute nicht mehr. Ich habe nie im Leben etwas forciert. Meine Devise war immer, nicht zu schnell an zu große Aufgaben heranzugehen. Man muss langsam reifen. Das war mein Prinzip. Und es hat sich, glaube ich, für mich ausgezahlt.

RONDO: Ihr musikalisches Geheimnis, könnte man sagen, besteht in der Fähigkeit, dem musikalischen Fluss eines Werkes so nachzugeben, dass das Publikum mitgerissen wird. Mit Absicht?

Jansons: Danke sehr, das ist sehr freundlich! Ich würde es allerdings anders beschreiben. Für mich sind das Wichtigste in der Musik nicht die Noten – sondern das, was hinter den Noten steht. Die Gestalt, die Atmosphäre, die Perspektive. Noten machen noch keine Phrase. Daraus folgt: Man muss sehr stark auf den Zusammenhang achten. Wenn man das beherzigt und dem musikalischen Gedanken folgt, bleibt die Musik nie stehen. Vielleicht ist das der ›Fluss der Musik’, den Sie meinen. Gelernt habe ich das bei meinen Lehrern: bei meinem Vater Arvid Jansons, außerdem bei Evgeny Mravinsky und Karajan.

RONDO: Karajan hat immer darauf insistiert, dass man die Notenstriche nie hören dürfe. Was war das Geheimnis Ihres Lehrers Mravinsky?

Jansons: Seine Probenarbeit! Mravinsky hat den Musikern nicht nur gesagt, was er wollte, sondern immer auch angegeben, wie man es erreicht. Er war sehr logisch und sehr strukturiert. Sehr bemüht zuerst um die großen Linien eines Werkes, dann um die einzelnen Stimmen. Übrigens ist bei mir eigentlich ziemlich viel Instinkt mit im Spiel. Den kann man nicht lehren. Wenn man dann Glück hat, tritt das ein, was ich für das Größte halte bei der Musik: nämlich dass das Publikum hinterher sagt: »Ich glaube, ich war im Paradies.« In einem musikalischen!

RONDO: Müssen gute Walzer-Dirigenten eigentlich gute Tänzer sein?

Jansons: Ich hoffe nicht! Ich kann Tango, Foxtrott und ein bisschen Walzer tanzen. Mehr nicht. Aber ich liebe Balltänze und Tanz-Wettbewerbe im Fernsehen sehr. Das sehe ich mit größter Begeisterung. Spricht das etwa gegen mich?! Ich bin nicht sicher, ob Leute, die besser tanzen können als ich, auch besser dirigieren.

Diverse

Neujahrskonzert 2012

Wiener Philharmoniker, Mariss Jansons

Sony

Kai Luehrs-Kaiser, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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