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Wolfgang Schäuble

Die Macht der Musik

Wer immer die wichtigen Berliner Opernabende und Konzerte besucht, wird einen Mann sehr häufig treffen: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Dass er auch ein »gefürchteter« Geiger war, wissen nur wenige. Seiner Kulturaufgaben durch den zuständigen Staatsminister beraubt, engagiert er sich heute für die Musik in seinem baden-württembergischen Heimatort ebenso wie für ein Musikprojekt im Berliner Problembezirk Wedding. Jörg Königsdorf sprach mit ihm in seinem Büro an der Spree.

RONDO: Herr Schäuble, Sie sind der eifrigste Konzertbesucher unter Deutschlands Politikern. Wann waren Sie zuletzt?

Wolfgang Schäuble: Gerade gestern Abend in Mendelssohns »Paulus« mit dem Berliner Rundfunkchor. Fabelhaft haben die gesungen!

RONDO: Waren Sie früher selbst in einem Laienchor?

Schäuble: Das nicht, aber ich habe in meiner Jugend Geige gespielt. Ich war ein gefürchteter Geiger und mein Spiel muss ziemlich grauenvoll geklungen haben – gerade Geige muss man ja wirklich gut spielen können, damit das nach etwas klingt. Dennoch habe ich die Möglichkeit bekommen, damals in einigen Kammerorchestern mitzuspielen: Bachkantaten und Vivaldikonzerte in Kirchen, und auch mal den »Kaiserwalzer« mit dem örtlichen Männergesangverein. Es gab bei uns im Umkreis in den Fünfzigerjahren halt nicht so viele, die Geige spielen konnten. Aber das ist lange her. Jetzt höre ich einfach gern Musik.

RONDO: Lothar de Maizière hat uns erzählt, dass das Geigespielen Ihnen nach dem Attentat geholfen habe, wieder Ihr Gleichgewicht zu erlangen.

Schäuble: Der Lothar de Maizière war damals sehr nett und hat mich eingeladen, bei seinen Kammermusikabenden mitzumachen. Aber um die Wahrheit zu sagen: So gut, dass es dafür gereicht hätte, habe ich wohl nie gespielt. De Maizière war ja mal ein Profi und hatte sogar einen Meisterkurs bei David Oistrach besucht. Ich dagegen hatte die Geige schon lange vorher vernachlässigt und nur zu Weihnachten immer mal wieder versucht, zum Entsetzen meiner Familie ein paar Lieder zu spielen. Nach dem Attentat habe ich das Instrument zwar ein paar Mal zur Hand genommen, aber gemerkt, dass man zum Geigen einfach eine andere körperliche Stabilität braucht.

RONDO: Schleifen Sie Ihre Kollegen mit ins Konzert?

Schäuble: Wenn ich ins Konzert gehe, dann natürlich meist mit meiner Frau oder mit einer meiner Töchter. Aber ich weiß, dass CDU-Generalsekretär Volker Kauder öfter in die Oper und ins Theater geht und die Kanzlerin habe ich sogar schon zwei, drei Mal zufällig im Konzert getroffen. Und gerade neulich habe ich mit meiner neuen US-amerikanischen Amtskollegin Janet Napolitano vereinbart, dass wir einmal zusammen zu den Berliner Philharmonikern gehen.

RONDO: Den neuen Wirtschaftsminister können Sie da eigentlich gleich mitnehmen. Der ist ja von Haus aus klassikgeprägt: Sein Vater Enoch zu Guttenberg ist einer der bekanntesten deutschen Bachinterpreten.

Schäuble: Ich habe ihm auch gleich erzählt, dass es mir gelungen ist, seinen Vater zu uns nach Gengenbach zu holen. Enoch zu Guttenberg wird dort nächstes Jahr die Matthäuspassion aufführen. Das ist für eine Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern schon etwas Besonderes!

RONDO: Sie scheinen ja nicht nur auf dem Papier Vorsitzender des Kuratoriums Konzerte in Gengenbacher Kirchen zu sein, sondern sich für die Klassik in ihrem Heimatort sogar tatkräftig zu engagieren.

Schäuble: Ja, aber etwas in dieser Größenordnung haben wir bisher noch nie gemacht. Das geht auch nur, weil uns Enoch zu Guttenberg und seine KlangVerwaltung mit dem Preis sehr entgegengekommen sind. Die Initiative hatte sich ja ursprünglich um die Konzerte Ludwig Güttlers herum gegründet, der jedes Jahr für einen Trompetenabend mit Orgelbegleitung nach Gengenbach kam. Daraus entstand die Idee, um diesen »Leuchtturm« herum eine überkonfessionelle Konzertreihe in den Kirchen zu veranstalten.

»In der Oper werden die Regierenden oft eher simpel dargestellt: Entweder sind sie Schurken oder gutmütige Trottel. Ärgert Sie das nicht?«

RONDO: Haben Sie manchmal dennoch das Gefühl, dass das Interesse für Kultur gerade bei den jüngeren Leuten nicht mehr so stark ist, wie zu der Zeit, als Sie jung waren?

Schäuble: Ich finde es ganz normal, dass sich die Form, in der sich Menschen engagieren, mit der Zeit ändert und dass man heute für junge Leute andere Angebote machen muss als in den Fünfzigerjahren. Für mich ist die Arbeit, die Simon Rattle und seine Philharmoniker mit ihren Education-Projekten leisten, da Richtung weisend. Oder ein anderes Beispiel: Ich hatte vor einiger Zeit die Schirmherrschaft für ein Projekt übernommen, bei dem der amerikanische Regisseur Todd Fletcher mit Schülern der Ernst-Schering-Oberschule im Berliner Stadtteil Wedding ein Musical eingeübt hat. Das Stück mit dem Titel »Streets of Wedding« ist richtig toll geworden – mit Streetdance und allem, was die Schüler so können. Ich war so begeistert davon, dass ich an alle Ministerpräsidenten geschrieben habe und dann sogar eine kleine Tournee durch ganz Deutschland zustande gekommen ist. Anschließend sind die Schüler auch hier im Innenministerium vorbeigekommen und haben sich bei mir bedankt. Es war sehr bewegend zu sehen, wie sich das Selbstwertgefühl der Jugendlichen, von denen viele einen Migrationshintergrund haben, in der Zwischenzeit entwickelt hat.

RONDO: Sind solche Schirmherrschaften für Sie auch ein Ausgleich dafür, dass Sie als Innenminister nicht mehr für Kultur zuständig sind?

Schäuble: Ich persönlich bin immer dagegen gewesen, für die Kultur einen eigenen Staatsministerposten im Kanzleramt zu schaffen. Beim Sport ist es doch ähnlich: Liegt die Zuständigkeit beim Innenminister, kann der als politisches Schwergewicht viel mehr für den Sport durchsetzen, als das vielleicht ein Sportminister könnte. Sie sehen ja auch, dass ich als Innenminister damals im Zuge der Einheit für die Kultur eine Menge tun konnte. Aber sowohl Angela Merkel wie mir ist klar, dass man nach der Bundestagswahl 2005 das Rad nicht mehr zurückdrehen konnte. Und Kulturstaatsminister Bernd Neumann macht seine Sache ja auch gut.

RONDO: Berührt die Musik Sie eigentlich noch immer ganz persönlich?

Schäuble: Natürlich ist das von Abend zu Abend unterschiedlich. Aber es gibt Aufführungen, die man einfach nie vergisst. So wie die »Traviata« 2005 in Salzburg – und das gar nicht allein wegen Netrebko und Villazón. Da sind meine Frau und ich nur ganz zufällig reingekommen, weil wir in der Gegend waren und der Wolfgang Schüssel uns spontan noch Karten angeboten hat. Meine Frau wollte erst gar nicht, aber ich habe gesagt: »Du wirst das Dein Leben lang bereuen, wenn Du da nicht reingehst!« Und ich hatte Recht, das war eine der schönsten Aufführungen, die wir je gesehen hatten – am Ende haben etliche Leute geweint. Ähnlich war das übrigens bei einem Konzert der Philharmoniker, wo Alfred Brendel Beethovens Viertes Klavierkonzert gespielt hat. Das war wenige Tage nach dem Terroranschlag vom 9. September und ich bin mir sicher, sehr viele im Publikum haben an diesem Abend gespürt, dass es genau darum ging.

RONDO: So etwas kann natürlich keine CD vermitteln.

Schäuble: Celibidache hatte schon recht mit seinem Misstrauen gegenüber Tonträgern. Übrigens liegt das Genie Karajans für mich gerade darin, dass er erkannt hat, dass man sich die Technik nutzbar machen muss und eine Schallplatte nicht nur ein Konzert im Studio sein kann, sondern ein ganz anderes Produkt mit einer anderen Ästhetik sein muss.

RONDO: In der Oper werden die Regierenden oft eher simpel dargestellt: Entweder sind sie Schurken oder gutmütige Trottel. Ärgert Sie das nicht?

Schäuble: Die Geschichten in der Oper sind ja auch sonst ziemlich schlicht. Aber ich gehe ohnehin mehr in Konzerte als in Opern. Ich habe eine Vorliebe für Kammermusik – auch wenn ich meine Frau da oft noch etwas überreden muss – oder für die Berliner Philharmoniker, in deren Konzerten ich oft etwas ganz Besonderes zu spüren glaube. Da habe ich das Gefühl, dass die Musiker unheimlich engagiert sind. Sogar wenn sie nicht Dienst haben, sehe ich sie in den Konzerten ihres Orchesters. Ich weiß das, weil ich früher oft mit ihnen zusammen in der Versehrten-Loge gesessen habe, die inzwischen auf mein Betreiben hin zumindest Behinderten- Loge heißt. Inzwischen habe ich allerdings einen Platz gefunden, von dem aus ich die Solisten noch besser hören kann.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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