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Musik der Welt

Glaube, Liebe, Hoffnung

+ Auf fünf Saiten erzählt der Wüstensohn Mamane Barka von Ahnen, Helden und Geistern + Portugiesische Lieder voll Sehnsucht und Weltschmerz gegen den Blues des Alltags + Libanesische Liebesbotschaften: Mit seiner Laute überbrückt Marcel Khalifé eine Welt an Gegensätzen +

Nicht ohne Rührung hört man dem Letzten seiner Zunft zu, der nicht nur eine vom Aussterben bedrohte Tradition am Leben erhält, sondern auf dem Album »Introducing Mamane Barka« (WORLD M. N./harmonia mundi WMN IN 114) die Schönheit des uns Unvertrauten vor Ohren führt.
Mamane Barka soll der Welt letzter Spieler der Biram sein, einer gebogenen Stegharfe. Sie sieht aus wie ein Boot und sie gilt als heiliges Instrument eines nomadischen Fischervolkes – der Boudouma vom Tschadsee. Barka, ein Wüstensohn vom Stamme der Toubou aus Niger, besuchte das Volk und wurde von Boukar Tar, dem letzten Meister, in die Geheimnisse der Biram – Spieltechnik, Lieder, Texte und die damit verbundene Spiritualität – eingeweiht. Sieht man Barkas barkenförmiges Instrument, das Erbstück Tars, ahnt man, warum die jungen Fischerleute es links liegen ließen. Es hat nur fünf Saiten, auf denen sich eben auch nur fünf Töne spielen lassen, und ist auch noch unverhältnismäßig groß. Der akustische Befund bestätigt, dass die Biram dabei auch noch leise ist. Doch das spielt keine Rolle für die Begleitung der Gesänge über Ahnen, Helden, Geister, Tiere und das Wasser. Und Barka ist ein Meister, der eine Berufung lebt! Seine Fingerfertigkeit, die Expressivität der mit Solo- und Wechselgesang sowie Perkussionsinstrumenten dargebotenen Musik und vor allem der weiche Klang des Instruments decken dem Lauschenden kaum die beschränkten Möglichkeiten der Biram auf, sondern stellen vielmehr die kommunikative Kraft des Instruments unter Beweis. Er entlockt ihm Klänge, die verzaubern wie das Spiel der Wellen.
Es wäre verfehlt, portugiesische Musik nur mit Fado zu assoziieren, doch selbst Deolinda setzt auf »Canção ao lado« (World Connection/Edel 0043084WC) mit ihrem fröhlichen Gegenentwurf die Stilelemente und Klischees des Fado voraus, und sei es, um sie zu negieren. »Saudade«, dieses unübersetzbare portugiesische Wort, dieser Inbegriff des melancholischen Fado-Lebensgefühls, irgendwo zwischen unseren unübersetzbaren Wörtern Sehnsucht und Weltschmerz, zwischen amerikanischem Blues und italienischer Nostalgia, diese »Saudade« ist in einem ihrer Lieder »kein Verbrechen, aber eine Strafe«. In einem anderen Lied schwört sie, nie Fado singen zu wollen, weil er »die Seele mit Dämonen verdirbt«. Deolinda gibt es nicht. Sie ist die Fantasiegestalt des Songwriters Pedro da Silva Martins, wird aber bravourös verkörpert von der Sängerin Ana Bacalhau, die ihre 21Rolle mit Wandlungsfähigkeit, Witz und Augenzwinkern in der spritzigen Stimme verkörpert. Einiges vom optimistischen »Gegengift« stammt aus brasilianischen Wurzeln, doch vieles aus dem Fado selbst. Denn letztlich verhält es sich bei Fado wie beim Blues, der das beste Gegengift gegen den »Blues« ist.
Marcel Khalifé nimmt in der Musik des Nahen Ostens schon lange eine Sonderstellung ein. Als die Israelis 1982 im Libanon einmarschierten, beschlagnahmten sie Kassetten mit seiner Musik, als witterte man in ihr die Gefahr einer Quelle arabischen Selbstbewusstseins. Gegensätze zu überbrücken, ist dem arabischen Christen eine Gewohnheit und das hört man seinen Kompositionen auch an. Seine Liebesbotschaft »Caress« (Connecting Cultures/Galileo Music CC50044) wurde bereits 2004 veröffentlicht, erscheint aber erst in diesem Jahr bei uns. Arabisches, Jazz, Türkisches und Spanisches sind nahtlos miteinander verwoben in der Musik des libanesischen Oud-Virtuosen. Ihm zur Seite stehen Rami Khalifé (Klavier) und Peter Herbert (Bass) sowie Bachar Khalifé, der mit zahlreichen arabischen Perkussionsinstrumenten, aber auch mit Tablas, Congas, Bongos und Vibrafon klangfarbliche i-Tüpfelchen setzt. Im Gegensatz zu der eigenwilligeren Mixtur seines Kollegen Rabih Abou-Khalil erschließt sich die gefällige Melange Khalifés »Uneingeweihten« schneller, obgleich zwischen die eingängigen Passagen durchaus avantgardistische Elemente eingestreut sind. Wer für westliche Ohren leichte, aber deswegen nicht leichtgewichtige Oud-Musik sucht, kann hier beginnen.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 3 / 2009



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