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Die deutschen Hoftheater des Barock

Friede den Palästen

Die Italiener erfanden die Oper – und gleich noch ihr Gehäuse dazu. Vor etwas mehr als einem Jahr stellten wir an dieser Stelle die schönsten davon vor. Jenseits der Alpen, im kalten Deutschland, leisteten sich diesen Luxus zunächst nur Fürsten und Könige. Vorhang auf also für die barocken Schatzkästlein, die von Brand und Kriegszerstörung verschont blieben. Und die dank kluger Nutzung hierzulande kein staubiges Museumsdasein, sondern ein pralles Bühnenleben führen.

Die Küche und das Theater. Diese beiden Gebäude mussten möglichst weit weg von den Schlössern liegen. Denn auch wenn sie den leiblichen wie geistigen Vergnügungen dienten, so waren sie doch in höchstem Maße brandgefährdet. Selten aber wurde die heiße Kompostierung von Küchen in den Hofchroniken beklagt, wohl aber der Umstand, dass oftmals die meist nur aus Holz erbaute Fürstenbühne aufgrund der vielen Kerzen im Zuschauerraum wie auf der Szene ein Raub der Flammen geworden war. Sich ändernde Moden und diverse Kriege taten ihr Übriges, um den Bestand der historischen deutschen Barock- und Rokokotheater zu dezimieren. Den meist bürgerlichen Gründungen der Stadttheater des 19. Jahrhunderts erging es nicht anders. Doch das ist eine andere Geschichte.

Von alter preußischer Herrlichkeit und Kaiserlich-Königlichen Brettern

Starten wir unsere Reise zu den verbliebenen Relikten feudalen Unterhaltungstriebes auf den Brettern, die wenigstens für einige Stunden die Welt der Kaiser, Könige, Fürsten und Erzbischöfe bedeuteten, im Norden. Im 1313 erstmals erwähnten Schloss zu Celle der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg wurde – wie in den meisten anderen Feudalresidenzen – beim barocken Umbau ab 1670 auch ein Theater eingebaut. Doch 1705 gingen in Celle die Regierungslichter aus. Man spielte nur noch eine bescheidene Rolle als Sommerfrische der Könige aus Hannover. Hatte das geradlinig gearbeitete, nordisch strenge Theater zunächst nur einen Rang und keine Parkettbestuhlung, so wurde 1772, als die wegen einer Affäre aus Kopenhagen verbannte Dänenkönigin Caroline Mathilde hier für drei Jahre Hof hielt, ein zweiter Rang eingezogen. Grundsätzlich war das Bühnengeschehen eher bescheiden, Oper blieb die Ausnahme. 1890 wurde der Betrieb ganz eingestellt, das Haus verfiel, erst 1935 wurde es wiedereröffnet. Seither wird hier, vor gerade einmal 330 Zuschauern, in städtischer Regie ganzjährig Schauspiel und Musical gegeben, von einem der kleinsten deutschen festen Ensembles, mit einem Repertoire von Molière bis Pinter und Weill bis Bernhard.
Klein und fein geht es auch in Berlin zu, wo von den vielen Schlosstheatern der Hohenzollern nur das von Friedrich dem Großen im rechten Seitenflügel des Neuen Palais im Potsdamer Schlossgarten überlebt hat. Im ersten Stock gelegen, sind die Sitzreihen für 226 Zuschauer im gleichmacherischen Halbrund angeordnet, ähnlich einem antiken Theater. Friedrich, der das weißgoldene Schmuckkästchen mit einem Oratorium seines Lieblingskomponisten Hasse eröffnen ließ, saß in der dritten Parkettreihe. Statt einer Königsloge hat der Ausstatter Daniel Hoppenhaupt d. J. zwischen 1766-68 lediglich ein Logenrund eingezogen, das von einer Reihe goldener Palmen gestützt und von Blumengirlanden tragenden Putten bekrönt wird. Da der König die deutsche Kunst nicht sonderlich schätzte, produzierten sich hier meist französische und italienische Schauspieler wie Sänger. Nach Friedrichs Tod wurden Schloss und Theater kaum mehr genutzt. Erst Wilhelm II. zelebrierte hier wieder alte Preußenherrlichkeit – die Oper spielte freilich längst in Berlin. Seiner alten Bühnentechnik beraubt, aber mit moderaten modernen Mitteln ausgestattet, finden hier – vom Potsdamer Hans-Otto-Theater veranstaltet, das seine Musiktheatersparte vor einiger Zeit aufgegeben hat – »Winteropern« von Händel oder Mozart statt. Im Juni ist das 1991 wunderbar renovierte Theater der sinnfällige Mittelpunkt der Potsdamer Schlossfestspiele, die meist mit so originellen wie hochkarätig besetzten Opernausgrabungen von Galuppi bis Kaiser, Cavalli und Vivaldi aufwarten.

Von schönen Dekorationen und hässlicher Sitzfolter

Etwas weiter südlich ist das 1788 im frühklassizistischen Stil mit zwei Rängen erbaute Theater im sachsen-anhaltinischen Ballenstedt der Fürsten zu Anhalt-Bernburg wieder zugänglich. Nachdem die Herrscher 1765 ihre Residenz nach Ballenstedt verlegt hatten, brauchten sie natürlich auch eine Oper für fürstliche Vergnügungen und so ließ Fürst Friedrich Albrecht 1788 den freistehenden Bau mit seinen simplen Dreiecksgiebeln errichten. Der Architekt ist nicht bekannt, aber früher muss es üppig ausgestattet gewesen sein, die Dekorationen von Johann Adam Breysig waren europaweit berühmt. Es war Wirkungsstätte von Musikern wie Carl Christian Agthe, Franz Liszt und Albert Lortzing. Zwischenzeitlich ließen die Fürsten es schließen, bis es auf Bürgerbegehren Ende des 19. Jahrhunderts wieder geöffnet wurde. Heute nutzt den fast monochrom weißen Saal vorwiegend das Nordharzer Städtebundtheater als Dependance, vom Märchenspiel bis zum Operettenkonzert reicht das Angebot.
Bescheiden ist auch das Goethe-Theater im heimeligen, freilich von viel Industrie umstellten Kurort Bad Lauchstädt bei Halle. Wer über die Bayreuther Sitzfolter schimpft, der soll sich freilich erst einmal den fies im unteren Rücken piksenden Rückenlehnen des 1802 mit Werken von Goethe und Mozart eröffneten Theaters aussetzen – etwa bei einer der diversen Opern des Namenspatrons der Hallenser Händel-Festspiele, die hier gern gastieren. Das »schickliche Schauspielhaus« wurde gebaut als Sommerspielstätte für den hier kurenden Weimarer Herzogshof samt Hoftheater. Bürgerlich schlicht, fast minimalistisch nach Vorgaben von Goethes Farbenlehre unter anderem mit einem antikisierenden grauen Zeltdach ausgemalt, macht das von Hofbaumeister J. F. R. Steiner und Heinrich Gentz entworfene Theater mit seinen heute 456 Plätzen äußerlich und innerlich wenig her. Doch hat es eine gute Akustik – und besitzt als eines von drei historischen Theatern in Deutschland noch seine barock anmutende, von Goethe privat mitbezahlte Verwandlungsmaschinerie mit Wagen, Klappen, Versenkungen und Prospekten, die den sekundenschnellen Kulissenwechsel möglich machen. Die überstand auch die nötigen Sanierungen Anfang des 20. Jahrhunderts. Wenn die alten Holzlatten krachen und die Zugseile knirschen, wenn sich Schlösser in Feengärten und Höllenschlünde in himmlische Höhen wandeln, so ist das immer ein Lauchstädter Erlebnis. Vorwiegend im Sommer bespielt, gibt es hier neben den Händel-Festspielen im Juni, Abstecher der Hallenser Oper, Konzerte und Lesungen.
Ein paar Kilometer weiter findet sich im Westturm des gewaltig-wehrhaften Schloss Friedenstein in Gotha das Ekhof-Theater in satter grau-roter Farbausmalung. Es wurde während der Regentschaft von Herzog Friedrich I. von Sachsen-Coburg-Gotha-Altenburg 1681-83 in den alten Ballsaal eingepasst. Auch hier finden sich noch Möglichkeiten zu altmodischen Kulissenwechseln mit Umlenkrollen und Seilzügen. Das von 1775–78 von Conrad Ekhof, dem »Vater der deutschen Schauspielkunst«, geleitete und heute nach ihm benannte erste deutsche Hoftheater mit fester Truppe (zu dem auch Bürger Zutritt hatten) ist das weltweit älteste Theater mit einer funktionsfähigen Bühnenmaschinerie. 1774/75 wurde hier Theatergeschichte geschrieben, als der Hofkomponist Georg Anton Benda mit »Ariadne auf Naxos« erstmals ein Monodrama vorstellte. Heute wird der schmucke Raum vorwiegend im Sommer im Rahmen des seit 1996 stattfindenden Ekhof-Festivals mit historischem Repertoire der Zeit, wie Mozart- oder Picciniopern bespielt. In Thüringen ist noch das minikleine, historische Liebhabertheater beim Renaissanceschloss Kochberg zu erwähnen. Im Besitz der Goethefreundin Charlotte von Stein, stattete ihm auch mehrmals Johann Wolfgang höchstselbst einen Besuch ab. Es wurde 1800 in einem zweigeschossigen barocken Gartenhaus errichtet und mit Marmorpapier ausgekleidet. Ein Verein betreibt es, auf den 75 Plätzen hinter dem Säulenportikus kann man Konzerten lauschen, es aber auch für Privataufführungen mieten.

Vom Reich der Spinnen und pausbäckigen Trompetenengel

Je weiter die Theaterreise nach Süden geht, desto üppig barocker werden die Interieurs, hier herrschte Reichtum und Lebensfreude, man merkt es noch heute. Etwa in Bayreuth, wo die Markgräfin Wilhelmine in guter Familientradition (sie war eine Schwester Friedrich des Großen) 1748 zur Hochzeit ihrer einzigen Tochter das von der weltberühmten italienischen Theaterbaumeister-Dynastie Galli Bibiena ausgestattete Theater eröffnete. Schon äußerlich macht der vornehme Bau von Joseph Saint-Pierre einiges her, doch innerlich präsentiert sich das hölzerne Logenrund mit drei Rängen, die alle auf die üppige Fürstenloge zentriert sind, als eines der prächtigsten in Europa. Doch bereits mit dem Tod Wilhelmines 1758 tauchte diese Kunstwelt wieder in den Schatten, wurde ein Reich der Spinnen – und blieb so erhalten. Richard Wagner brachte Licht ins Theaterdunkel, weil er mit dem Gedanken spielte, hier seine Festspiele zu veranstalten. Die barocke Gassenbühne und der veraltete Prunk erwiesen sich aber als wenig geeignet für seine Musikdramen der Zukunft. Trotzdem blieb er und dirigierte hier immerhin 1872 zur Grundsteinlegung des Festspielhauses Beethovens Neunte Sinfonie. Da die Stadt Bayreuth keinen Theaterbetrieb außerhalb der Festspielzeit hat, finden in dem einmaligen Ambiente nur Gastspiele statt. Im Frühsommer gibt es eine fränkische Festwoche, im Herbst das Festival Bayreuther Barock mit meist im Verbund mit Potsdam und Lauchstädt gespielten, sehenswerten Opernraritäten. Auch für den »Farinelli«-Film diente das Markgräfliche Opernhaus als prachtvolle Kulisse.
1753 wurde in München das neue, endlich respektierliche Hoftheater eingeweiht, das sich Kurfürst Max III. Joseph von seinem ehemaligen wallonischen Hofzwerg François de Cuvilliés hatte schnitzen lassen. Das strahlt nicht weißblau, sondern rotgolden und gebrochen weiß. Nach der Wiedereröffnung des Fastkriegsverlustes an anderem Ort 1958 ist das inzwischen wie die Semperoper nach seinem Erbauer benannte Cuvilliés-Theater zur 850-Jahrfeier Münchens für 24,4 Millionen Euro renoviert worden. Das Finanzministerium als Hausherr will es gegen Gebühr möglichst oft den Touristen zeigen oder teuer untervermieten. Auch an die staatlichen Theater. Die meutern natürlich, denn in dem 523-Plätze-Haus lässt sich niemals wirtschaftlich arbeiten. Erst recht, wenn die kostenintensive Oper dort loslegt. So werden Musiktheateraufführungen hier eine Rarität bleiben. Wofür aber wurde dann so viel Geld in das aufgehübschte Make-up der hinreißenden Putti und Karyatiden, Erdteilsymbole, Jahreszeitenembleme und pausbäckig Trompete blasenden Cherubim in der Staatswappenkartusche investiert, von den Millionen für 220 Kilometer Kabel, neue Seidentapeten und moderne Bühnentechnik, dem nun versenkbaren Orchestergraben und dem schwungvoll modern überkuppelten Foyerinnenhof ganz zu schweigen? Das teure Haus entfaltet seinen ganzen Zauber erst, wenn hier –
in nach wie vor gefährlich trocken-tückischer Akustik – Oper erklingt. Dann scheinen die Figuren im Halbdunkel zu leben, von der Magie der Töne angestachelt graziös zu schweben, mit dem Geschehen auf der Bühne zu einem schwerelosen Gesamtkunstwerk jenseits jeder materiellen Beschränktheit aus Lindenholz, Bleiweiß und Blattgold zu verschmelzen. So wie zur Karnevalszeit 1781, als hier Mozarts »Idomeneo« uraufgeführt wurde. Immerhin gibt es im Oktober eine »Residenzwoche«, die sich mit bescheidenen Mitteln um musikalisch historischen Glanz bemüht.

Vom Schlaf des Schmuckkästchens und dem Erwachen der Purderdose

Wir kratzen die Kurve gen Nordwesten und machen noch in Ludwigsburg und Schwetzingen Halt. Beides herzögliche, später sogar königliche Vergnügungsstätten in üppigen Residenzen oder Gartenreichen, die freilich ein wenig hinter dem architektonischen und floralen Glanz außerhalb verblassen. Das glockenförmige, blau-stumpfe Theater in Ludwigsburg wurde 1758 von Philippe de La Guêpière für Herzog Carl Eugen hergerichtet, 1811/12 modernisierte Nikolaus Friedrich von Thouret den Schauplatz zahlreicher Jommelli-Opernuraufführungen nach klassizistischem Geschmack, deutlich zu sehen an der wie ein Triumphbogen im Empirelook fast als zweite Bühne wirkenden Königsloge. Ab 1840 fiel das Schmuckkästchen in einen Dornröschenschlaf, ab 1930 wurde das Theater dann saniert und reanimiert, auch Teile der alten Kulissenmechanik sind noch funktionsfähig. Genutzt wird es mit seinen 350 Sitzplätzen vorwiegend während der Ludwigsburger Schlossfestspiele, wo Michael Hofstetter dem Orchester vorsteht.
Im Badisch-Pfälzischen liegt das Schloss von Schwetzingen, die einstige Sommerresidenz der Pfalzgrafen bei Rhein, die in Heidelberg und später in Mannheim residierten. Fürst Carl Philipp ließ 1752 in einem der seitlichen Zirkelbauten das von Nicolas de Pigage gestaltete Theater eröffnen. Als 1778 die Mannheimer die Wittelsbacher in München beerbten, gingen auch im Theater die Lichter aus – und erst 1937 wieder an. 1971 musste freilich die gesamte Bühnenmaschinerie aus dem puderfarbenen Interieur herausgerissen werden, seit 1952 ist es stolzer Hauptveranstaltungsort der vom SWR getragenen Schwetzinger Festspiele. Von hier aus werden nicht nur Barockopernaufführungen nach ganz Europa übertragen, es wurden zudem mehr als 35 Kammeropern von Henze, Egk, Zimmermann, von Bose, Reimann, Sciarrino oder Hölszky uraufgeführt. Auch das Heidelberger Theater veranstaltet im Schwetzinger Haus inzwischen barocke Winterfestspiele. So leben diese deutschen Hoftheater dank vielfältiger staatlicher und privater Initiativen sinnvoll weiter und erstarren – mehrheitlich –
nicht nur zum bloßen Museum.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2009



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