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Fanfare

Der Dirigent, die wunderliche Gattung. Herrscher über die Welt, zumindest die der Klänge, und manchmal auch darüber hinaus, wir haben ja alle unseren Canetti gelesen, um zu wissen, wie mächtig die Herren (von den Damen am Pult wusste der Schriftsteller noch nichts, sonst hätte er womöglich ausgerufen: »Prima, eine Donna am Pult!«, aber das nur am Rande) sein können und häufig tatsächlich sind. Und früher, als zwar nicht alles besser war als heute, als es aber noch dergleichen Titanen gab wie George Szell oder Wilhelm Furtwängler oder Günter Wand, da genügte ja manchmal schon ein herrisches Kopfschütteln, um die Dinge in Gang und in die gewünschte Richtung zu setzen.
Tempi passati. Heute ist das anders. Heute genügt nicht einmal mehr die offen ausgesprochene und über die Medien verbreitete Drohung. Zwei Dirigenten (Ingo Metzmacher, Lothar Zagrosek) haben es versucht, und beide sind sie gescheitert an der granitharten Berliner Kulturpolitik und/oder an anderen Betonköpfen. Bald hat die bundesdeutsche Kapitale nur noch zwei relevante Herren im Frack und mit Zauberstab von Rang: Simon Rattle und Daniel Barenboim. Und eben von diesem zuletzt Genannten müssen wir an dieser Stelle reden. Einfach deswegen, weil er sich in Berlin einen Freiraum verschafft hat, der seinesgleichen sucht (wollen wir es Narrenfreiheit nennen? Ja, wir wollen!). Kurzum: Barenboim macht, was er will. Und so gibt er eben auch in Kairo, im dortigen Opernhaus, ein Konzert, wenn ihm der Sinn danach steht. Ganz leise und ganz bescheiden möchten wir anmerken, dass wir dabei sein durften und es genossen haben. Und zwar beide Teile. Vor der Pause spielte Barenboim in schillernder Farbgebung und mit großem Aplomb einige Stücke von Liszt, was er in letzter Zeit gerne tut, die Neudeutsche Schule scheint es ihm angetan zu haben. Nach der Pause dirigierte er dann das Cairo Symphony Orchestra mit Beethovens Fünfter Sinfonie. Da dampfte die Halle doch gewaltig, ja fast überschwemmt wurde man von dem Pathos dieses Werks. Und siehe da, der Jubel war groß – und fast vergessen die ganze Diskussion im Vorfeld, als sogar einige ägyptische Intellektuelle die Ansicht geäußert hatten, ein jüdischer Musiker solle vielleicht lieber nicht in einem arabischen Staat auftreten. Kaum hatte Barenboim den Applaus in die Tasche gesteckt, düste er wieder zurück nach Berlin, um Elliott Carters Klavierkonzert zu spielen, mit seiner Staatskapelle und dem guten alten Freund Pierre Boulez am Pult. Man mag ja zur Musik Carters stehen, wie man will, aber die Toccata fegte Barenboim doch wirklich mehr als gekonnt durch den Saal der Philharmonie. Und das war erst der Auftakt zu einem bedeutenden Konzert. Denn nach der Pause dirigierte Boulez, der mit seinen 84 Jahren körperlich (gedanklich sowieso) aufgeräumter und drahtiger wirkt als so einige Mittfünfziger, die Sechste Sinfonie von Gustav Mahler. Wie er dieses äußerst komplexe Werk dirigierte, nötigte uns doch den größten Respekt ab. Mahler als Relief, en détail und en gros wunderbar ausgeschnitten.
Berlin ist eben immer eine Reise wert. Hamburg aber auch. Nicht immer und nicht so oft wie Berlin, aber manches Mal eben doch. Und von einem solch geglückten Ausflug wollen wir nun kurz berichten. Wir waren in die Elbestadt gefahren, weil an der dortigen Staatsoper die Thomas- Mann-Oper »Death in Venice« von Benjamin Britten Premiere feierte (in der visuell starken Inszenierung von Ramin Gray und unter der gediegenen musikalischen Leitung von Simone Young); ein Werk, das uns zumal wegen seiner literarischen Vorlage und unserer ausgeprägten Venedigzuneigung besonders am Herzen liegt. Da wir zudem der Ansicht zuneigen, dass Michael Schade ein begnadeter Tenor ist, war unsere Hoffnung auf einen großen Abend nicht eben gering. Und siehe da, wir wurden nicht enttäuscht. Schade war in Bestform, es gibt hierzulande derzeit wohl kaum einen Sänger seines Fachs, der über so viele Facetten verfügt (Jonas Kaufmann vielleicht ausgenommen, der ebenfalls über beträchtliche, aber eben anders gelagerte Qualitäten verfügt) wie ihn. Auch schauspielerisch vermochte Schade zu überzeugen, und so gelang ein bestechend vielschichtiges Porträt des armen Aschenbach.
Beflügelt von diesem Erlebnis, machten wir uns auf ins hübsche Schwetzingen, wo es bei den diesjährigen Festspielen ja gleichsam um eine göttliche Angelegenheit ging. Im Rokokotheater wurde Wolfgang Rihms neuestes Musiktheaterwerk aus der Taufe gehoben. Und keine Geringere als die zum Leben in der Unterwelt verdammte und aus diesem Dunkel durch den Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe höchstselbst wieder ans Licht beförderte Proserpina (man muss sich das einmal vorstellen: Man isst einige Granatäpfel und wird dafür derart geharnischt bestraft) taugte dem Staatskomponisten Rihm zur Titelfigur. Rihm ist immer schon jemand gewesen, dem das Glück hold und gesonnen ist. Und so geschah es auch hier. Denn seine Proserpina war Mojca Erdmann, und die hat sich in der jüngeren Vergangenheit doch mehr als auffällig entwickelt. Eine strahlende, höhensichere, warme und an Facetten reiche Stimme ist ihr eigen, und die braucht es auch, um die Rolle der Hadesbewohnerin einigermaßen erträglich klingen zu lassen. Es war wirklich eine Wonne, die junge Sopranistin zu hören (und zu sehen, sie ist ja recht hübsch). So hübsch wie die ganze Opernaufführung. Was einmal daran lag, dass Hans Neuenfels sich als ein Regisseur erwies, der die Provokationen außen vor ließ, um die Geschichte gleichsam göttlich strömen zu lassen, und dann auch an dem Dirigenten Jonathan Stockhammer, der sein Werk mit großem Bedacht verrichtete. Kaum mehr als eine Stunde dauerte das Vergnügen, wir haben es sehr genossen. In diesem Sinne, alles Gute bis zum nächsten Mal,
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 3 / 2009



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