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Anja Silja

»Bayreuth ist mir zu emotional«

Acht Monate nach ihrer Ernennung zu Bayreuths Festspielchefinnen haben Eva und Katharina Wagner nun ihre Verträge unterschrieben. Im Sommer starten beide in ihre erste Saison. Robert Fraunholzer sprach mit der Sängerin Anja Silja über Katharina, ihre Erfahrungen mit Bayreuth und der »hohen Familie« und die Naziverstrickungen von Wieland Wagner, dessen Geliebte sie war.

RONDO: Frau Silja, Sie kennen die Wagners auf besondere Weise. Was ist das für eine Familie?

Anja Silja: Eine Familie, die sehr hochgestochen ist. Mit wenig Bescheidenheit. Die hatte Wieland Wagner erstaunlicherweise noch am ehesten. Er war so introvertiert, dass man nicht an ihn rankam. Aber im Lebensstil sehr bescheiden. Wir hatten ein schönes Appartement, das war eine Ausnahme. Der Ton der Familie – von Winifred über Friedelind – war immer sehr sarkastisch und merkwürdig. Es hieß immer: »Wir …«. Es war immer »die hohe Familie«.

RONDO: Was halten Sie von Katharina?

Silja: Ich kenne die Frau nicht. Sie bringt hin und wieder ziemlich ordinäre Sprüche. Vielleicht provokant. Ich glaube, Katharina ist ein sehr starkes Mädchen. Und sie hat das natürlich von der Pike auf gelernt. Wenn sich das in etwas geregelten Bahnen entwickelt, wird das vielleicht eine gute Festspielleiterin sein. Sie hat in ihren Inszenierungen immerhin versucht, etwas Eigenes zu machen. Wieland war damals im selben Alter, als er begann.

RONDO: Sie haben es immer abgelehnt, je wieder nach Bayreuth zu gehen.

Silja: Ja, das ist mir zu emotional. Als ich Bilder für mein Buch aus dem Archiv brauchte, habe ich Wolfgang Wagner gefragt: »Wenn ich komme, kannst du sie mir rausbringen? Ich möchte das Haus nicht betreten.« Da sagte er: »Na, ganz einfach: Du hupst. Das hast du früher auch immer gemacht. Wir mussten doch immer alle rausspringen, wenn du huptest!« Also habe ich einfach wieder gehupt.

RONDO: In einem Cabriolet mit offenem Verdeck?

Silja: Richtig! Links, da wo früher Wielands Büro war, fuhr ich immer auf seinen Parkplatz. Dieses Privileg hatte ich. Manchmal bin ich sogar in Wielands Wagen vorgefahren. Das wurde natürlich argwöhnisch beäugt. Es war provokant, gewiss, aber ich fand es auch chic und toll. Ich war jung und unbedenklich. Zwischen 20 und 25 kann mir das keiner verübeln, oder?

RONDO: Was haben Sie sich sonst so geleistet?

Silja: Ich habe den Generalschlüssel zu allen Türen behalten (lacht). Den habe ich bis heute. Die Schlösser sind wahrscheinlich längst ausgewechselt. Aber es freut mich immer noch diebisch. Ich könnt’ jederzeit rein.

RONDO: Sie werden bis heute auf Ihre Liebesbeziehung zu Wieland Wagner angesprochen. Hat das Ihr Bild dieser Beziehung verändert?

Silja: Es hat mir – ähnlich wie der Tod von André Cluytens – eher einen Grund gegeben für mein eigenes Leben. Da kann man natürlich sagen, das ist sehr selbstisch gedacht. Nach Wielands Tod war André sozusagen etwas, was mir von ihm geblieben war. Wir haben gemeinsam um ihn getrauert. Für mich waren diese Beziehungen die große Bereicherung, ein Rückhalt, eine Kraft. So was kann man wohl eigentlich nicht erklären. Aber man muss sich so etwas zurechtlegen. Ich mache alles aus der Sicht dieser beiden Männer.

RONDO: Sie waren gut im Aufhören – auch im Abgeben von Rollen. War das Ihre Art, an der Vergangenheit festzuhalten?

Silja: Ja, ich lebe so. Aber das ist vielleicht das Besondere an meiner ganzen Biografie: die Beziehungen zu diesen sehr viel älteren Männern. Nach meinem dritten Lebensmonat bin ich bei meinen Großeltern aufgewachsen. Meine Mutter hat mich gleich dort abgeben müssen, weil sie auf Wehrmachtstournee ging, zur Truppenbetreuung. Dann blieb ich da. Und habe immer eine Art Schutz von diesen sehr viel älteren Männern erfahren, die nicht mehr für sich selbst lebten. Das ist der Unterschied zu meiner Ehe mit Christoph von Dohnányi, der »nur« – in Anführungsstrichen – elf Jahre älter war. Also quasi gleichaltrig für mich. Keiner von jenen dreien war ehrgeizig in Hinsicht auf sich selbst. Sie waren ehrgeizig für mich.

»Genau genommen habe ich in Kladow im dortigen Seglerheim debütiert. Heute ist da ein italienisches Restaurant drin.«

RONDO: Von September 1944 bis April 1945 leistete Wieland Wagner Kriegsdienst in der Bayreuther Außenstelle des KZs Flossenbürg. Haben Sie zu Lebzeiten Wielands davon gewusst?

Silja: Nein. Wieland sprach kein Wort darüber. Erstens, wie jedem klar war, wegen Winifred. Das war der Hauptgrund. Wieland war ja vom Kriegsdienst freigestellt, stattdessen ist Wolfgang in den Krieg gezogen. Aber im letzten Jahr mussten ja alle. Sein Schwager Bodo Lafferentz hat das dann vermittelt. Entweder wäre er an die Front gegangen und sofort erschossen worden. Er war so kurzsichtig, dass er nicht von hier bis dort sah. Das hätte er nie überlebt. Aus dem Land konnte er auch nicht mehr. Das war zu spät. Es wäre unsinnig, ihn da jetzt als KZ-Aufseher oder Ähnliches zu bezeichnen.

RONDO: Das tut ja auch niemand.

Silja: Nein, nicht einmal Brigitte Hamann. Aber: Mit Sicherheit war ihm klar, dass seine Mutter und auch Gertrud Bescheid wussten. Das erklärt mir nachträglich den Fakt, dass er sich von Gertrud nicht scheiden ließ.

RONDO: Wieland betrachtete sich als erpressbar?

Silja: Würde ich denken. Deshalb war er auch so verschlossen, das hat ihn sehr belastet. Er ist ja letztlich an seiner Introvertiertheit gestorben, an dieser Zerrissenheit. Dieses totale, plötzliche Schweigen, was ja auch Nike Wagner in ihrem Buch beschreibt, war tatsächlich so. Ich war die Erste in seinem Leben, die diese Kruste aufgebrochen hat. Wo er eine gewisse Öffnung seiner Person gestattet hat. Aber da war es schon zu spät.

RONDO: Wäre die Geschichte Bayreuths fruchtbarer weitergegangen, wenn Wieland Wagner nicht gestorben wäre?

Silja: Nein, denn Wieland wollte ja dort nicht weitermachen, weil er meinte, es gäbe die Sänger nicht mehr, nicht mehr diese Persönlichkeiten. Das hat er wirklich wörtlich gesagt. Ob er es umgesetzt hätte, weiß ich natürlich nicht.

RONDO: Was wäre privat geschehen, wenn Wieland Wagner am Leben geblieben wäre?

Silja: Schwer zu sagen. Wir waren wahrscheinlich nicht wirklich vorstellbar als Mann und Frau.

RONDO: Sie selbst haben als Wunderkind im Berliner Titania-Palast angefangen. Ist Ihnen das noch erinnerlich?

Silja: Genau genommen habe ich in Kladow im dortigen Seglerheim debütiert. Heute ist da ein italienisches Restaurant drin. Auch die Würstchenbude in Spandau, wo ich auf dem Weg von Glienicke in die Stadt immer eine Bockwurst essen durfte, ist merkwürdigerweise noch da. Ich erinnere mich nur an wenige Momente.

RONDO: Was haben Sie damals gesungen?

Silja: Die großen Opernarien: »Tosca«, »Traviata«, »Butterfly« … (lacht). Und zum Abschluss den unvermeidbaren »Frühlingsstimmen«-Walzer von Johann Strauß. Jeder hat gesagt, das geht höchstens ein Jahr gut. Wenn man bedenkt, dass ich jetzt annähernd 60 Jahre singe, kann das wohl keiner mehr ruhigen Gewissens behaupten.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2009



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