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Haydn At Work

Olga Neuwirth über Joseph Haydn

Die Komponistin Olga Neuwirth über ihren Kollegen Joseph Haydn – und wie er als »freischaffender« Künstler die Konventionen seiner Zeit beherrschte und sich seinen freien Geist dabei bewahrte.

Erst vor einigen Jahren begann mich Haydns zärtliche Selbstironie zu faszinieren. Besonders die Doppeldeutigkeiten seiner Musik und diese gewisse heitere Gelassenheit empfinde ich inzwischen als sehr reizvoll. Haydn reagierte nicht allergisch auf die Inszenierungsmaschinerie der Musikverlage – im Gegenteil. Sein Name verbreitete sich in ganz Europa, wobei man nicht vergessen darf, dass Haydn sukzessive nicht nur in Adelskreisen bekannt wurde, sondern auch in der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrem neuen Herrschaftsanspruch. Haydn wusste sich sowohl an einem unter Maria Theresia nicht besonders aufgeklärten Wiener Hof zu bewegen als auch in Paris und London, in den Logen der Freimaurer und den Stuben des Bürgertums. Er ließ sich nie irritieren, weder vom Erfolg noch in jenen Phasen, da es weniger rosig lief. Er schuf sich Freiräume für seinen Kopf. Vielleicht hat man ihn deswegen auch nach seinem Tod enthauptet.
Dieser internationale Komponist, der als Angestellter des Fürsten Esterházy lange Jahre in Schlagdistanz zum scheinbar so weltgewandten Wien lebte, war unabhängiger als die Komponisten am Kaiserhof, die der Willkür der Mächtigen und deren eher konservativem Geschmack ausgesetzt waren. Er konnte sich als Fürstendiener eine Weltoffenheit und Souveränität als Künstler erarbeiten und erhalten. Möglicherweise war es für ihn kein Widerspruch, die neue Marktwirtschaft geschäftstüchtig zu bedienen, im Dienstverhältnis eines Fürsten zu stehen, seinen Kunstanspruch zu verteidigen, Sensibilität und Einfallsreichtum zu leben. Haydn erschuf sich eine Zwischenwelt, indem er sich sowohl in künstlerischen als auch in gesellschaftlichen Fragen stets seine eigene Meinung bildete, statt sich konform zu geben.
Haydns Karriere war für junge Komponisten ermutigend, weil er die Entbehrungen kannte, die ein Leben als freischaffender Künstler gerade zu Karrierebeginn mit sich brachte. Vielleicht liegt der Grund auch darin, dass er aus »kleinen Verhältnissen« stammte und ihm offenbar nichts zu anstrengend war. »Junge Leute werden an meinem Beispiel sehen können, dass aus dem Nichts doch Etwas werden kann; was ich aber bin, ist Alles ein Werk der dringendsten Noth.« Letztlich erfand sich Haydn selbst: Er stieg im Alter von 29 Jahren vom »gassatim-Musiker« (Gassenmusiker) zum Vizekapellmeister am Hof in Eisenstadt, schließlich zum »Liebling unserer Nation« auf, wie das »Wiener Diarium« 1776 schrieb. Haydn konnte zu einem Strukturentwickler werden, vor allem in der Kammermusik, und eine besondere Position einnehmen: Er emanzipierte sich zu einer modernen Künstlerfigur. Vielleicht erscheint Haydn vielen zu gleichmütig, weil er gelernt hatte, die Konventionen zu beherrschen, sich auf dem Parkett internationaler Höfe zu bewegen, um sich so als Angestellter dem Diktat der Alltagsvernunft bei Hofe komponierend entgegenzusetzen. Ja, er konnte die Erwartungen der Gesellschaft bedienen (nicht so Mozart), aber später, als ihn der Erfolg vielleicht souveräner machte, auch das Gegenteil beweisen – wie in seinem Brief an die Wiener Tonkünstler-Sozietät, in dem er sich wütend zur Wehr setzte: »Ich bin ein Mann von zu vieler Empfindung, als daß ich beständig der Gefahr sollte ausgesezet seyn cassiret zu werden.« Mozart, dem unbändigen »Kind«, hätte man solche Aussagen sicherlich übel genommen, doch Haydn galt als seriöser, unaufgeregter, nie übertreibender Könner – eine perfekte Gratwanderung zwischen Intellektualität, Wachheit, Offenheit und gleichzeitiger Angepasstheit.
Geholfen hat Haydn dabei wohl auch sein Schalk ebenso wie sein experimenteller Sinn. Ein Beispiel für die anarchisch-ironische Energie des jungen Haydn ist seine Vorwegnahme einer Charles Ives’schen Idee. Er organisierte ein »gassatim-Konzert« im öffentlichen Raum, bei dem er Musiker einlud, sich am Tiefen Graben in Wien auf mehrere Häuser und Winkel zu verteilen und nur das zu spielen, was sie wollten. Eine Idee von 1753! Die Zeiten des Komponisten als Berufsstand sind wohl vorbei. Das langwierige Handwerk des Komponierens (Haydn nannte es sogar eine Wissenschaft) taugt nicht mehr zur Repräsentation für mächtige Geldgeber oder staatsvertretende Intendanten. Und dies bleibt an ihm bemerkenswert: etwas zu lernen, kennenzulernen, zu erfahren, nicht bloß nachzupredigen. Er hatte sich immer wieder selbst davon überzeugt, »dass man bei der ängstlichsten Befolgung der Regeln öfters die geschmackund empfindungslosesten Arbeiten liefere, dass bloße Willkür vieles zu Regeln gestempelt habe …«. Und er war gegen zu streng verfasste Theoriewerke (»zu drückend, zu viele Fesseln für einen freien Geist«). Durch gehorsames »Nachbeten der Autorität« kann man nicht zu eigenem Denken gelangen, das wusste er.
Die Kompositionen, die Haydn rund um sein 40. Lebensjahr schrieb, gelten als sehr kontrovers, häufig ist gar von einer Krise die Rede. Als er mit 44 eine Art Autobiografie veröffentlichte und so gut wie alle Formen in allen Genres bedient hatte, befand er sich zwar wohl an einem Wendepunkt, aber ich glaube, dass dies eine Zeit des unermüdlichen Experimentierens und Erforschens neuer musikalischer Ausdrucksformen war – höchst expressiv, leidenschaftlich und bevorzugt in Moll. Vielleicht war die »Abschiedssinfonie« von 1772 gar kein Protest gegen den Fürsten, sondern die Geste eines Abschieds von sich selbst und dem bis dahin Komponierten. Haydn begann, besonders in den späten Sinfonien, einen Stil zu entwickeln, der populär war, ohne dabei auch nur im Geringsten seinen Kunstanspruch aufzugeben. Einfachheit, Komplexität, Seriosität und Humor verlieren durch neue, kunstvolle kompositorische Techniken und Stilisierungen ihre Gegensätzlichkeit. Haydn hob die Trennung von ernst und heiter auf. Oft muss man lächeln, wenn man jene Werke hört, die er ab den Achtzigerjahren komponierte. Dieser einsichtige, vielschichtige Komponist verbindet kindliche Naivität souverän mit gereiftem Können: Herz, Geist, Geschmack, Freiheit, Lebendigkeit und Originalität, Humor, Tiefe und Klarheit – was für eine wunderbare Mischung!

Olga Neuwirth, RONDO Ausgabe 3 / 2009



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