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"Platée" am Theater an der Wien (c) Monika Rittershaus

Café Imperial

Was ist bloß aus der ‚komischen Alten‘ geworden? Früher ein festes Rollenfach (Marcellina, Mrs. Quickly), gehört die übellaunigüberhebliche, intrigante und hässliche Matrone heute unumkehrbar der Vergangenheit an. Vermutlich aus politischer Korrektheit. Jean-Philippe Rameau widmete ihr in Gestalt von „Platée“ eines der bösesten, dabei witzigsten Rollenporträts von allen. Die runzlige, in einem Tümpel hausende Sumpf- Nymphe wird von Jupiter für einen Scherz missbraucht, den er seiner eifersüchtigen Frau Juno spielen will. Robert Carsen im Theater an der Wien verlegt das Lehrstück über die Tücken eitler Selbstüberschätzung – Platée hält sich für schön! – in die Welt der Fashion-victims und Runway-Süchtigen: auf den Laufsteg. Ins Fegefeuer heutiger Eitelkeiten. Dass man dabei dem Esel, als welcher Jupiter seine ‚Angebetete‘ verführt, die Gestalt Karl Lagerfelds verliehen hat, stellt einen hübschen, boshaften Ausfall gegen den nervigsten Modemacher der Gegenwart dar. (Dass dieser dafür seine Erlaubnis gab, beweist, dass er nicht der Hellste sein kann.) Simone Kermes in ihrer Lebensrolle als „La Folie“ darf sehr, sehr häufig das Kostüm wechseln. Mit Cyril Auvity (Mercure) steht einer der wenigen echten Haute-contre zur Verfügung und mit Marc Mauillon ein Bariton, der dem Regisseur zum Verwechseln ähnlich sieht. Da die Titelrolle schon von vorneherein für einen Haut-contre (in Wien witzig nöhlend: Tenor Marcel Beekman) komponiert wurde, kommt man um den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit geschickt herum.
„Platée“ gilt als beliebtestes Werk des im deutschsprachigen Raum unbeliebten Rameau. Geniales Tanz-Konfekt, strotzend vor spritzenden Zwischenspielen und schönen Maskeraden. Im Bühnenbild aus Lüstern, Spiegeln, Glas und Plexiglas (Ausstattung: Gideon Davey) hat Robert Carsen dermaßen viel Spaß an der Sache, dass das Publikum unweigerlich Feuer fängt. Auch dank der funkensprühenden, sich in Trillern schüttelnden Les Arts Florissants, dirigiert von Paul Agnew – dem früher führenden Sänger der Platée. Superb!
Da unser Lieblings-Café im Hotel Imperial höchst undelikat renoviert wurde, beziehen wir heute lieber im unweiten Café Prückel unseren Sitz. Hierbei handelt es sich um ein Raucher-Café. Die Nichtraucher-Sektion ist sogar derartig stickig geraten, dass man gleich ganz im „Raucher“ Platz nehmen kann. Hier sind wir vor Sängern sicher! Stattdessen schauen hier manchmal Musiker vom Konzerthaus herein. Nicht gerade Ivo Pogorelich, der am 29. März dort eine allfällige Kombination von Liszt- und Chopin-Sonate serviert; ihm ist es hier nicht fein genug. Auch nicht Peter Matic, der am 30. April daselbst Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ mit Musik liest. Matic trifft man privat eher im „Café Tirolerhof“. Aber Cameron Carpenter? Im Aschenbecher bei ihm zuhause habe ich kürzlich einen angerauchten – noch dazu knallbunten – Zigarettenstummel herumliegen sehen. Am 6. Mai stellt er im Konzerthaus die Touring-Orgel vor, die er sich für eine halbe Million Dollar hat bauen lassen. Mit Fazıl Say folgt ihm am 9. Mai im Konzerthaus ein veritabler Kettenraucher. Und am 11. Mai mit Vadim Repin (als Solist bei den Wiener Symphonikern mit Prokofjews 2. Violinkonzert) ein passionierter Zigarrenliebhaber. Und im Musikverein? Mit Daniel Barenboim (9.–11.5.) und Riccardo Muti (10.–12.5.) dirigieren direkt nacheinander zwei der angesehensten Raucher der Klassik-Szene. Barenboim sagte mir einmal, die erste Zigarre am Morgen sei das, worauf er sich täglich am meisten freue. Warum nicht? Vielleicht sind Raucher in Wiener Kaffeehäusern eben auch deswegen so willkommen, weil sonst viele Musiker wegblieben. Die Sopranistin Lisa della Casa, die zeitlebens eine starke Raucherin war, fragte einmal ihren Arzt, ob sie den Hang zu Zigaretten nicht besser aufgeben solle. Darauf antwortete dieser, Rauchen sei für die Stimme längst nicht so schädlich wie das Singen. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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