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(c) Andrea Gjestvang

Nils Petter Molvaer

Schwebendes Glück

Die Zeiten ändern sich. Molvaer blieb sich treu. Auch auf dem neuen Album „Switch“ dominieren Elektronik, Beats und Jazz.

Er hat seinen Stil. Cool, vibratoarm und melancholisch schweben die Trompetentöne, eindeutig inspiriert von den spitzen Dämpferklängen Miles Davis‘, mal von den hallumhüllt wehenden Klangfahnen Jon Hassells. Ehrenrührig sind diese Herkunftsbezeichnungen keinesfalls, denn jeder Trompeter, jeder Musiker, ist mit anderen vergleichbar – seien es explizite Vorbilder oder zufällige Ähnlichkeiten. Entscheidend ist, was sie daraus machen.
Das ist bei Nils Petter Molvaer eigenständig und weit von Davis‘ oder Hassells Denkwelt entfernt. Denn der Norweger Molvaer integriert wie kein anderer natürliche Töne, elektronisch verfremdete Klänge und rein elektronisch erzeugte Sounds zu sorgfältig ausgearbeiteten Stücken, die – vor allem im Studio – streng und diszipliniert eingespielt werden und gerade deshalb leicht und schwebend wirken. „Zuerst muss man alles intus haben“, sagt er. „Dann dreht man es live durch den Wolf und improvisiert. Bevor man ein Stück so weit hat, dass beides geht, braucht man viel Hirnarbeit.“
Schon 1993, als er mit den Vorarbeiten zu dem 1997 erschienenen Album „Khmer“ begann, konzentrierte sich Nils Petter Molvaer auf die Gegensätze von Naturklang und Elektronik, Leichtigkeit und Schwermut. Diese Spannung prägt auch das aktuelle Album „Switch“, wobei er diesmal stärker als je zuvor Spurenelemente aus weit voneinander getrennten Musikkulturen einarbeitete: afrikanische Rhythmen, asiatische Trommelmagie, balinesische Gongs, Percussion der Aborigines, indisches Sitarzirpen, amerikanische Steel-Gitarre sowie Assoziationen an dröhnende Maschinenräume. Das hätte seinem dritten Vorbild, dem Weltmusik- Jazzer Don Cherry, gefallen.
Scheuklappen kennt er nicht. Mit sieben wurde er Mitglied der Blaskapelle auf seiner Heimatinsel Sula – aber nur kurzfristig, denn am selben Abend war Fußballtraining. Doch über die Schule fand er doch ans Konservatorium in Trondheim, brach die Ausbildung zum Musiklehrer jedoch ab und etablierte sich ab 1982 in Oslo als freiberuflicher Club- und Studiomusiker. Da war er 22. Er begleitete Rockmusiker, er schrieb Ballett- und Filmmusiken und er arbeitete mit dem Volkssänger Sondre Bratland zusammen. „Ich halte sehr viel von der traditionellen Musik“, sagt er. „Sie ist echt, tief und bezieht die Leute ein.“
Wo seine eigene Musik gespielt werden soll? „Überall“, wünscht er sich, und das heißt: „Im Radio, in Jazzclubs, daheim beim Kochen und beim Liebe machen“. Als Jazzmusiker sieht er sich nicht – er kann über die entsprechende Frage nur lachen, denn er habe sie „schon vierhundertmal beantwortet“ – was sicher untertrieben ist. In den Plattenläden und den Stilrubriken der Versender wird er zwar unter „Jazz“ eingeordnet und er tritt auf Jazzfestivals auch gerne auf – aber für seine Musik lässt er den Begriff auch in keiner erweiterten Form gelten. Stattdessen wünschte er sich beim aktuellen Gespräch, „dass Leute wie Sie einen Namen finden“. Das erübrigt sich, denn bei einem ersten Interview 1997 verwendete er selbst den wunderbar passenden Begriff der „Urban contemporary rhythmic music“.

Neu erschienen:

Switch

Nils Petter Molvaer

OKeh/Sony

Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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