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(c) Marco Borggreve/naïve

Chad Hoopes

„Ich mochte die Herausforderung“

Debüt mit Mendelssohn und Adams: Der Violinist aus Ohio bekennt sich zu Musik, die dem Interpreten viel Arbeit macht.

RONDO: Herr Hoopes, Sie sind 19 Jahre alt und haben gerade das Violinkonzert Ihres Landsmannes John Adams aufgenommen. Wie kommt man in Ihrem Alter dazu, John Adams zu spielen?

Chad Hoopes: Wenn man als junger Musiker seine erste CD als Solist einspielt, ist das nicht ganz unkompliziert: Man muss es zur richtigen Zeit tun, also in mehrfachem Sinne dafür bereit sein. Man muss ein Repertoire gefunden haben, das einem entspricht und das man mag, und wenn man Glück hat, kann man dem Musikbetrieb etwas hinzufügen, was er noch nicht hat. Adams ist ein amerikanischer Komponist, also ein Landsmann, und das Violinkonzert ist ein junges Stück Musik, es wurde in dem Jahr uraufgeführt, in dem ich geboren wurde. Es gibt nicht viele Einspielungen davon, und es erscheint im Konzertbetrieb nicht besonders häufig. Also habe ich mir gesagt: Schau es dir an, lerne daran, erkunde das Stück und dich selbst. Es war, ehrlich gesagt, keineswegs so, dass es mir von Anfang an eingängig erschien. Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich eine Beziehung zu der Musik aufbauen konnte, und es hat viel Arbeit gemacht.

RONDO: Es ist vermutlich auch nicht ganz leicht zu spielen.

Hoopes: In der Tat, es gibt Stellen und Dinge darin, die mich manchmal zur Verzweiflung getrieben haben. Aber ich bin dran geblieben. Ich mochte die Herausforderung, mir so etwas Sperriges und auf den ersten Blick Fremdes anzueignen. Es war eine intensive Lern-Erfahrung und in musikalischer und spieltechnischer Hinsicht eine der schwierigsten Sachen, die ich bisher gemacht habe. Aber je länger ich an dem Stück arbeitete, desto besser gefiel es mir. Es ist manchmal sehr jazzig, es ist frei und offen …

RONDO: … und erstaunlich melodiös.

Hoopes: Ja, es gibt zum Beispiel diesen wunderschön singenden zweiten Satz. Und es gibt knifflige virtuose Passagen. Das Stück hat so viele verschiedene Charaktere, so viel spezielle Atmosphäre. Irgendwann habe ich angefangen, es zu lieben, und das war ein Ergebnis der Arbeit, die es mir gemacht hat.

RONDO: Wie lange haben Sie daran gearbeitet, bis Sie es geliebt haben?

Hoopes: Zwischen sechs und acht Monaten.

RONDO: War Adams’ Violinkonzert das erste zeitgenössische Stück, mit dem Sie sich so intensiv befasst haben?

Hoopes: Ich hatte auch schon Barber gespielt und Lutosławski, aber Adams’ Violinkonzert war das erste wirklich große, komplexe und moderne Stück, in das ich mich so vertieft habe.

RONDO: Haben Sie es sich ganz allein angeeignet?

Hoopes: Ich habe mit Joel Smirnoff daran gearbeitet und mit meinem Lehrer David Cerone und auch mit Ana Chumachenko, die hier an der Kronberg Academy Meisterkurse gibt. Aber es ist ja nicht so, dass jemand genau sagen könnte, was richtig ist und was falsch. Das muss man sich selbst erarbeiten. Das ist eine Folge der Freiheiten, die in diesem Stück stecken.

RONDO: Sie hätten John Adams anrufen können.

Hoopes: Wir haben versucht, zusammen zu kommen, aber er hatte so viel zu tun, und ich war auch sehr beschäftigt, und es hat nicht geklappt. Ich wäre gespannt zu erfahren, was er jetzt zu meiner Aufnahme sagt.

„Technik ist nicht das, worum es geht. Musik hat immer viel mehr Dimensionen.“

RONDO: Ihr Repertoire-Schwerpunkt liegt vermutlich ansonsten in der deutschen Romantik?

Hoopes: Klar. Ich liebe diese Musik. Und ich finde, ich habe großes Glück. Ich kann mit meiner Leidenschaft für diese Musik auf die Bühne gehen und mich darin ausdrücken und alles Andere hinter mir lassen. Ich denke, dass auch diese Leidenschaft mich mit den Komponisten verbindet. Aber ich fühle mich nicht als Teil der romantischen Epoche. Diese Musik ist nur für mich, wahrscheinlich für uns alle leichter verständlich als das meiste Zeitgenössische. Aber genau das ist ein Grund, warum ich Adams’ Violinkonzert auch gewählt habe.

RONDO: Hat das romantische Repertoire Sie auch nach Deutschland gelockt?

Hoopes: Genau. Man bekommt in Deutschland ein anderes Verhältnis zu diesen Komponisten und ihrer Musik als in den USA. Man kommt ihnen hier näher. Man kann sich umschauen und versuchen sich vorzustellen, was sie gesehen, was sie gegessen haben. Als ich in Leipzig war, bin ich in die Thomaskirche gegangen mit dem Bewusstsein, dass Johann Sebastian Bach dort seine Musik einstudiert und gespielt hat. Auch Mendelssohn hat in Leipzig gelebt. Es war durchaus ein spirituelles Erlebnis, durch Leipzig zu gehen.

RONDO: Sie sind also nicht unbedingt ein Musiker, dem es in erster Linie um Klarheit und saubere Technik geht, eher um Ausdruck und Leidenschaft?

Hoopes: Naja, ich hoffe schon und ich arbeite sehr viel daran, dass meine Technik sauber ist. Aber Technik ist nicht das, worum es geht. Musik hat immer viel mehr Dimensionen. Es ist ein bisschen so wie mit dem Publikum zu reden und die Musik als Ausdrucksmittel zu haben.

RONDO: Haben Sie nie, wie andere junge Leute, Popmusik gehört?

Hoopes: Doch, natürlich, sogar sehr gern. Es gibt ja auch gute Popmusik, und wir klassischen Musiker können von Popmusikern durchaus lernen. Gut, Popmusik ist nicht immer seriös, aber es gibt auch in der Branche sehr leidenschaftliche und gute Musiker. Ich mochte zum Beispiel Michael Jackson und die Art, wie die Musik aus ihm herauskommt. Er ist ein ausgezeichneter Performer.

RONDO: Sie stehen gern auf der Bühne?

Hoopes: Ich liebe das. Ich werde auch nicht nervös, wenn ich auf die Bühne gehe, ich werde eher begierig. Ich habe das Gefühl, dass dies der richtige Ort ist, um mich auszudrücken.

RONDO: Wann haben Sie angefangen, Geige zu spielen?

Hoopes: Mit drei Jahren.

RONDO: Waren Ihre Eltern Musiker?

Hoopes: Nein. Meine Schwestern haben Musik gemacht. Ich bin der Jüngste, und natürlich wollen die Kleineren immer das machen, was die Großen tun. Darum musste ich auch sehr früh eine Geige haben. Es war immer und von Anfang an die Geige, die ich spielen wollte. Natürlich habe ich auch Klavierstunden gehabt, aber das Instrument hat mich nie so sehr interessiert.

RONDO: Und wann tauchte der Wunsch auf, Solist zu werden?

Hoopes: Es klingt vielleicht ein bisschen kindisch, aber ich bin mit sechs oder sieben zum ersten Mal im Konzert gewesen. In Cleveland kann man Musiker wie Itzhak Perlman hören oder Michael Schneider oder Arabella Steinbacher, und es war wirklich so, dass ich da saß und dachte: So etwas möchte ich auch werden. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Kindern so geht, und natürlich sagen dann erst einmal alle, dass es nicht leicht ist, so zu werden. Diese Erfahrung macht man ja auch durchaus selbst. Aber der Wunsch verschwand einfach nicht.

Neu erschienen:

Mendelssohn, Adams

Violinkonzerte

Chad Hoopes, MDR Sinfonieorchester, Kristjan Järvi

Indigo/naïve


Unerbittlich melodisch

In den neunziger Jahren entdeckte John Adams die Melodie, nachdem bis dahin seine Musik, wie er selbstironisch bemerkt, vor allem aus Harmonie und Rhythmus bestanden hatte. Die Geigerin Jorja Fleezanis hatte ihn zu einem Violinkonzert angeregt und spieltechnisch beraten. Wie als Reaktion auf die abgelegte kompositorische Selbstbeschränkung wurde das Violinkonzert „unerbittlich melodisch“. Das Soloinstrument entwickelt eine melodische Phrase nach der anderen fast während der kompletten Konzertlänge, bahnt sich mit energetischer Ausdauer seinen Weg, während das Orchester die Rolle eines ausgelassenen Partners spielt.


Hans-Jürgen Linke, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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