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(c) Julian Leidig

Max Emanuel Cencic

Der Impresario

Singen können einige, und Countertenöre sind keine Seltenheit mehr. Cencic ist allerdings auch Unternehmer.

Countertenöre sind immer noch ein wenig anders, und Max Emanuel Cencic ist ein ganz besonderer. Der längst in Wien (genauer gesagt: in Baden) naturalisierte Kroate ist im Verhältnis von Lebens- zu Berufsjahren schon länger im Vokalgeschäft als alle übrigen: 32 von 38 Jahre sind es inzwischen. Wenn man mit sechs im Fernsehen die Arien von Mozarts Königin der Nacht singt, bei den Wiener Sängerknaben als Solist reüssiert, Dramen und Melodramen hinter sich bringen muss, um einzusehen, dass die damals oft peinsame Berufung auch ein wirklich schöner, befriedigender Beruf ist – dann muss man nicht so sein wie alle.
„Es lief eine Zeit mal mit der Oper nicht so gut, obwohl ich mich gegenwärtig nicht beklagen kann, im Gegenteil“, erzählt der Countertenor. „Ich bin aber längst nicht mehr nur Künstler, sondern hart arbeitender Geschäftsmann, kenne meinen Markt- und Markenwert.“ Kann man wohl sagen. Max Emanuel Cencic ist sein Manager und Produzent, dafür hat er die Firma Parnassus gegründet. Sein Sitz der Musen ist im Gegensatz zum antiken Vorbild hektischer, auch weltlicher. Er verwaltet seine Aufnahmen, die er nur für 15 Jahre lizensiert, danach fallen die Rechte an ihn zurück. Dafür lässt er Rechercheure ausschwärmen, die ihm Notenraritäten zusammensuchen.
Auch für seine aktuelle CD „Rokoko“ – auf den etwas irreführenden Titel legten beratende Musikwissenschaftler wert, obwohl es sich dabei um ein Arienfeuerwerk von Johann Adolf Hasse handelt – hat er sich bei elf Arien acht Weltpremieren zurechtgelegt. Und sie ist in ihrer stufenlosen Mischung aus reifer Technik und großer Gestaltungskunst auch großartig gelungen, liegt zudem im Trend: Denn nach Händel und Vivaldi erlebt nun auch der als steif und konventionell gescholtene Hasse eine Renaissance.
Von dem Kleinlabel Capriccio hat sich Cencic zunächst zu Virgin Classic verbessert, da stand freilich Philippe Jaroussky immer über ihm. Inzwischen singt er für Decca, jedoch immer auf eigene Rechnung. Denn nicht selten liefert er selbst den großen Kompanien die CDs als fertiges Rundum- Sorglos-Paket. „Ich konzipiere das Repertoire, suche die Besetzung und das Orchester aus, kümmere mich um Fotos, Booklet, Artwork, die begleitende Konzerttournee. Und an Festivals verkaufte ich komplette Opernproduktionen.“
Kein Wunder, dass er längt andere Vokalisten im Agenturboot hat, so fünf weitere Countertenöre, darunter den grandiosen Franco Fagioli oder auch den Tenor Daniel Behle. Cencic selbst ist stilistisch nicht festgelegt, er hat Orlowsky gesungen, Nero, aber auch dessen Amme, pendelt zwischen Gluck und Händel, Vinci und Vivaldi. Er hat Orchester und Dirigenten entdeckt und an sich gebunden wie Diego Fasolis mit seinen I Barocchisti oder aktuell George Petrou mit Armonia Atenea, die wiederum mit der Athener Megaron-Konzerthalle kooperieren. Dort wird er dann im Sommer sein Regiedebüt mit Hasses „Siroe“ geben. Vorher wird aber nach dem enormen Erfolg mit Vincis Multi-Countertenor-Oper „Artasere“ noch dessen „Catone in Utica“ mit Valer Sabadus aufgenommen, davor Händels „Tamerlano“ veröffentlicht.
Und Cencics größte Tugend? „Ich freue mich am Erfolg anderer und kann teilen“.

Neu erschienen:

Hasse

Rokoko

Max Emanuel Cencic, Armonia Atenea, George Petrou

Decca/Universal

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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