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(c) Simon Fowler/Decca

Pumeza Matshikiza

Klicken, kieksen und kitzeln

Mit der südafrikanischen Sopranistin Pumeza Matshikiza präsentiert sich der erste afrikanische Opernstar auf CD – und gewinnt!

Afrika kommt. Und zwar mächtig! Als vor etwa einem Jahr in Rossinis „Comte Ory“ am Theater an der Wien Cecilia Bartoli krankheitsbedingt ausfiel, räumte statt ihrer die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende (29) ungeahnt ab. Kurz davor hatte sie an der Seite von Juan Diego Flórez die Metropolitan Opera erobert. Jetzt präsentiert die „Decca“ mit Pumeza Matshikiza einen ersten, südafrikanischen Schallplatten- Star, der das Zeug hat, groß rauszukommen. „Pumeza“, wie sie auf ihrer ersten CD schlicht heißt, erinnert mit dunkel grundierter Klangpracht bisweilen an Jessye Norman, in der Beweglichkeit an Reri Grist. Wer hätte das gedacht?!
Bestimmt sind diese Vergleiche zu hoch gegriffen. An Artikulation, Intonation und Repertoire mag Pumeza noch feilen müssen. Immerhin präsentiert die 35-Jährige auf ihrem Debüt-Album einen mehr als überraschenden und erfrischenden Mix aus Oper, Weltmusik und klassisch arrangierten Miriam Makeba-Titeln. Mit fließenden Übergängen zwischen den Repertoires. Das ist ungemein eingängig: akute Ohrwurm- Gefahr!
Die Tochter einer in Südafrika bekannten Künstlerfamilie, geboren am 27. Februar 1979 in Eastern Cape (Ostkap), wuchs in einem Township auf. „Ein Ghetto“, wie sie rundheraus erklärt, während sie sich leicht zitternd über die Temperaturen im winterlichen Berlin wundert. „Man ging nicht zur Schule, wenn man arm war, hatte schlechte Bezahlung und schlimme sanitäre Verhältnisse. Unregelmäßige Stromversorgung sowieso. Und ein Verhalten der Menschen, das man als animalisch bezeichnen muss“, so fasst sie rückblickend ihre Erfahrungen zusammen. Die Mutter arbeitete als Dienstbotin in Kapstadt.
„Ich hätte gerne Klavier gespielt, aber das war selbstverständlich außerhalb jeder Möglichkeit.“ Weil sie Talent hatte, kam sie – unter den sich wandelnden politischen und sozialen Verhältnissen – doch noch für drei Jahre aufs South African College of Music in Kapstadt. Für ein Stipendium ging sie 2004 nach London. Hier erwartete sie nochmals eine harte Zeit. „Die Hektik! Das ständige Vorsingen. Das kalte Wetter! Ich war an mehr Licht gewöhnt“, so Pumeza. „Wann machen die hier mal Pause!?“ war eine jener Fragen, die sie erst in Deutschland wieder loswurde. Als sie merkte, dass man hier noch viel schlimmer drauf sei.

Mozart trifft die Klicklaute der Bantu-Sprachen

Noch in London ließ sie sich – „aus Heimweh“, wie sie sagt – ein Tattoo in den Umrissen des afrikanischen Kontinents auf die Schulter stechen. Südafrika ist darauf ganz schwarz. Man sieht die Tätowierung auf einem Foto im Innern der CD. Mittlerweile ist Pumeza sichtlich in einem anderen Leben angekommen. Nach hochrangigen Bewährungsproben am Royal Opera House Covent Garden (als Blumenmädchen in „Parsifal“, Tebaldo in „Don Carlo“ etc.) gewann sie 2010 den ersten Preis beim Internationalen Veronica Dunne Gesangswettbewerb. Bei einem Vorsingen am Brüsseler „La Monnaie“ wurde Eva Kleinitz auf sie aufmerksam. Die nahm sie mit nach Stuttgart.
Als Ensemblemitglied an der Stuttgarter Oper debütierte Pumeza seit 2011 als Ännchen im „Freischütz“, Susanna im „Figaro“, Nannetta in „Falstaff“ und als Mimì in „La Bohème“. Vom Soubretten- Fach will sie demnächst zu Fiordiligi in „Così“ fortschreiten. Und horcht auf, als man ihr erzählt, dass Fortschritte zu schwereren Rollen oft leicht zu bewältigen sind; aber der Rückweg zu Leichterem dann umso schwerer fällt. An solchen Schwierigkeiten immerhin zerbrechen heute viele Sängerkarrieren weit vor der Zeit.
Bei der Decca folgt Pumeza, so könnte man kritisch einwenden, in allzu kurzer Frist auf schon wieder abgewickelte Vorgängerinnen wie Measha Brüggergosman und Danielle de Niese. (Auch bei den Major-Labels agiert man immer kurzatmiger.) Durch die Wahl eines Zwischen-Repertoires, das in der Tat aufhorchen lässt, ist jedoch ein hochinteressantes Album entstanden.
Vielleicht wirken Puccinis „O mio babbino caro“, „Signore, ascolta“ (aus „Turandot“) sowie Mozarts „Vedrai, carino“ (aus „Don Giovanni“) noch etwas zu sehr als sehr schön gesungene, aber pflichtschuldig eingestreute Talentbeweise. Souverän gestaltet und mit herrlicher Stimme vorgetragen aber sind sie. Durch die enorme Klang-Amplitude zwischen dunklem Samt und gleißend heller Seide klingen sie außerdem angenehm ungewohnt.
Zu voller Form läuft Pumeza dann auf, wenn sie im traditionellen Click-Song „Qongqothwane“ verschiedene Klick-, Kieks-, Kitzelund Schnalzlaute der Bantu-Sprachen einbaut – Busch-Geräusche also, die im Urwald zur Verständigung und zugleich zur Tarnung verwendet wurden. Großartig das Folk-Wiegenlied „Thula Baba“ und der Makeba-Klassiker „The Naughty Little Flea“. Hier singt Pumeza mit großer Stimme, ohne dass dies als fremd zu empfinden wäre.
Selbst als Holzweg eines Opernsängerinnen-Grenzganges ist dies ein überaus sympathisches, merkwürdiges und höchst genießbares Album geworden. „Voice Of Hope“ zeigt, dass wir beim klassikaffinen Repertoire Afrikas noch unbeleckte Ohren haben. Wie gut das gelungen ist, wird einem spätestens dann schlagartig klar, wenn man sich die verzweifelten Spiritual- oder Weltmusik-Versuche früherer Diven vor Augen führt (darunter Kathleen Battle und Jessye Norman). Vielleicht die Überraschung des Jahres!

Neu erschienen:

„Voice Of Hope“

Pumeza Matshizika, Aurora Orchestra

Decca/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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