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(c) Felix Broeder

Julia Fischer

Ein spanischer Strauß

Pablo de Sarasate widmet die Münchnerin ihr neues Album. Ein Gespräch mit ihr über die zwei Welten der Klassik, schnelle Finger und schwere Holzschuhtänze.

RONDO: Nach den Paganini-Capricen jetzt Pablo de Sarasate – eigentlich erwartet man von Ihnen ein anderes Repertoire, andererseits ist dieser Schritt folgerichtig. Gab es da Zusammenhänge?

Julia Fischer: Zwischen den Aufnahmen von Paganini und Sarasate lagen fünf Jahre und zwei andere CDs, Poème und die Konzerte von Dvořák und Bruch. Das eine entstand nicht aus dem anderen. Das Sarasate-Projekt resultierte aus einer spontanen Reaktion, nachdem ich im Konzert einen Freund mit der Malagueña gehört hatte. Sarasate selbst spielte vorher in meinem Repertoire keinerlei Rolle.

RONDO: Kompositorisch kann man Paganini und Sarasate nicht auf eine Stufe stellen, oder? Sarasate war reiner Miniaturist.

Fischer: Er kam bei mir ja auch nie vor. Doch dann merkte ich als Zuhörerin, wie schön es ist, seine Musik im Saal zu erleben, es macht richtig Freude, es gefällt dem Publikum. Um philosophische Musik handelt es sich nicht, den Anspruch habe ich hier nicht. Bei Paganini wollte ich zeigen, dass er nicht nur so ein Teufelstyp war, dass es ihm nicht nur um schnelle Finger ging. Paganini war revolutionär! Er hat vollkommen neue Wege gefunden und war für die Musikgeschichte bedeutender, als man es ihm zugestehen will. Sarasate würde ich eher neben Kreisler stellen. Es muss auf der Bühne ja nicht immer alles philosophisch sein. Die Rezital-Programme der letzten 50 Jahre wurden immer anspruchsvoller, immer komplexer, das ist in gewisser Hinsicht ein wenig schade. Menuhin zum Beispiel hatte als junger Mann sehr viel Sarasate in seinen Rezital- Programmen.

RONDO: Heifetz auch ein bisschen.

Fischer: Nicht nur ein bisschen, sondern sehr viel! Oder denken Sie an Mischa Elman. Es ging dabei nicht nur um Sarasate, diese großen Geigen haben auch gern mal die Humoreske von Dvořák gespielt, „Liebesfreud“ von Kreisler – und zwar im Programm, nicht bloß als Zugabestückchen. Ich glaube, dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir immer weiter auf dieser Schiene laufen: heute Abend nur Prokofjew- und Schostakowitsch-Sonaten! So kommen wir nicht weiter. Gerade wenn es darum geht, junge Leute in den Saal zu locken, ist die Kreutzer-Sonate nicht unbedingt der leichteste Weg. Dazu taugt Sarasate viel besser.

RONDO: Aber würden Sie einen ganzen Abend mit Sarasate bestreiten?

Fischer: Nein, das würde ich nicht machen. In meinem aktuellen Programm stehen neben Sarasate die Teufelstriller-Sonate von Tartini, sowie Mendelssohn und Ravel.

RONDO: Diese Fixierung auf tiefernste, absolut schwere und nicht zuletzt todestrunkene Musik, deutsche Musik, die die Russen von uns geerbt haben …

Fischer: … oder umgekehrt …

RONDO: … verdirbt ein wenig den Geschmack fürs Leichte. Man fängt an, sich zu langweilen, wenn es mal nicht so richtig tragisch und dramatisch zugeht.

Fischer: Bisher bin ich mit dem Sarasate gut angekommen. Ich treffe meine Entscheidungen allerdings nicht danach, was der Kritik oder dem Publikum gefallen könnte. Ich gehe mit Werken auf die Bühne, hinter denen ich komplett stehe, wovon ich hundertprozentig überzeugt bin. Dann kann ich auch mal mit einer Niederlage zurecht kommen, weil es meine Entscheidung war – wenn es anderen nicht sinnvoll erscheint, okay, dann kommt das nächste Programm. Ich glaube auch nicht, dass davon so wahnsinnig viel abhängt. Ich spiele das Zeug unglaublich gern, es macht enorm viel Spaß …

RONDO: Haben Sie ‚das Zeug‘ gesagt?

Fischer: Ja, hätte ich das jetzt nicht sagen sollen?

RONDO: Doch, doch, Sie haben ja vollkommen recht!

Fischer: Es ist für mich insofern anspruchsvoll, als ich – abgesehen vom Zapateado, einer Art Holzschuhtanz aus Andalusien, und der Romanza andaluza – tatsächlich nichts von Sarasate gespielt hatte, ich musste das alles neu lernen, konnte auf kein Repertoire zurückgreifen. Insofern nehme ich an, dass ich auch eine gewisse Frische mitbringe.

„Wir waren total beschwipst von der Musik“

RONDO: Sarasate hat offenbar ganz Spanien abgegrast, seine Malagueñas und Habañeras sind ein wenig wahllos nach dem gleichen Muster gestrickt.

Fischer: Interessanterweise habe ich das auch gedacht, aber so verhält es sich gar nicht. Man muss die Stücke nur in der richtigen Reihenfolge spielen. Natürlich fangen die alle mit einer vier bis acht Takte langen Klaviereinleitung an und sind auch oft im gleichen Rhythmus. Aber sonst sind die Stücke sehr unterschiedlich. Auf die Malagueña, die sehr liebevoll und langsam ist …

RONDO: Eigentlich ein Flamenco-Tanz …

Fischer: Ja, das steckt drin. Auf die Malagueña folgt die sehr dramatische Habañera in Moll, dann kommen die Romanza andaluza, die Jota navarra, die Playera, tieftragisch und ganz langsam, dann der Zapateado und die Caprice basque, wieder ganz anders. Das sind große Gegensätze! Er ging als ganz junger Mann nach Dresden und danach jahrzehntelang auf Welttournee. Regionale Beziehungen waren nur sehr schwach ausgeprägt. Seine Heimatstadt Pamplona ist ja fast Baskenland, und da scheint es doch eine intimere Beziehung gegeben zu haben.

RONDO: Das stimmt, wenn er eine Beziehung hatte, dann zum Baskenland. Auf Ihrer Platte findet sich die Caprice basque, es gibt von ihm auch einen Zortzico, den baskischen Nationaltanz, und am Ende seines Lebens ließ er sich in Biarritz nieder.

Fischer: Für mich ist das sehr schwierig zu beurteilen, muss ich sagen, ich habe nie in Spanien gelebt und kenne es auch nicht besonders gut. Aber die Unterschiede im Stil sind schon da. Anfangs hatte ich Sorge beim Aufnehmen, ich könnte mich nach drei Tagen langweilen, aber das war überhaupt nicht der Fall. Wir waren total beschwipst von dieser Musik.

RONDO: Das war auch das Publikum vor hundert Jahren, sogar in Deutschland, wo es eine ganz anders geartete Musikkultur gab.

Fischer: Vielleicht hatte er genau deswegen Erfolg, es war der Kontrast.

RONDO: So wie Johann Strauß! Ein spanischer Strauß also?

Fischer: Ja, für mich total. Er ist ein wenig feinsinniger, aber letztlich geht er in die gleiche Richtung.

RONDO: Auf jeden Fall ein Phänomen. Sarasate war im 19. Jahrhundert der erste spanische Komponist, der in der Welt bekannt wurde. Albéniz, Granados, Turina und de Falla sind viel jünger gewesen. Und die waren alle Pianisten. Sarasate war der einzige Geiger, hat aber wiederum kein Violinkonzert geschrieben.

Fischer: Das gibt es leider nicht, nur von Lalo, und der war Franzose. Irgendwie absurd.

RONDO: Er war wohl dazu nicht in der Lage.

Fischer: Aber er war ein großer Musiker, was Sarasate geschrieben hat, besitzt alles Hand und Fuß. Ist doch schön, wenn einer sich selbst einschätzen kann! Das können nicht alle Komponisten. Manch einem würde man wünschen, dass er bei der Miniatur geblieben wäre.

RONDO: Meinen Sie damit Matthias Pintscher?

Fischer: Nein, ich war tief beeindruckt von seinem Mar’eh-Konzert, das ich vor zwei Jahren uraufgeführt habe. Genauso von dem Violinkonzert Esa-Pekka Salonens: genial!

RONDO: Salonen wird als Komponist sowieso unterschätzt, weil man ihm nur Kapellmeistermusik zutraut.

Fischer: Völliger Quatsch! Ich wusste zwar ehrlich gesagt überhaupt nicht, dass er komponiert. Es gab eine Anfrage, und ich sagte mir, na schön, machen wir das mal. Und staunte dann nicht schlecht. Was für ein unfassbarer Komponist! Ich war völlig hin und weg.

RONDO: Was kommt nach dem Sarasate, bleiben Sie der unphilosophischen Richtung noch ein wenig treu?

Fischer: Ach, das weiß ich nicht. Ich verfolge keinen Lebensplan. Sarasate wollte ich unbedingt machen, aber es gibt noch einiges, was ich machen möchte, zum Beispiel die Beethoven-Sonaten. Das liegt mir schon sehr am Herzen und ist mir musikalisch auch sehr nahe. Im Rezital auch Schumann-Sonaten.

RONDO: Die Auswahl ist nicht allzu groß. Vielleicht noch Bartók?

Fischer: Die Bartók-Sonate habe ich noch nicht so ganz begriffen. Die 44 Duos habe ich dagegen schon gespielt. Aber das sind auch Miniaturen!

Neu erschienen:

Sarasate

Julia Fischer, Milana Chernyavska

Decca/Universal

Volker Tarnow, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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