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Andromeda Mega Express Orchestra

Bad Boys im Weltall

Das 20-köpfige Andromeda Mega Express Orchestra des Saxofonisten Daniel Glatzel reißt spielerisch die Grenzen zwischen Jazz und moderner Klassik nieder. Mit der ersten CD »Take Off!« entführt das Orchester den Hörer in eine witznahe Umlaufbahn.

Beim Berliner Jazzfest haben Cross-over-Experimente zwischen improvisierter Musik und Klassik ja schon eine gewisse Tradition. Oftmals erwiesen sie sich in der Vergangenheit allerdings als nette Vermittlungsversuche, denen man eine gewisse Krampfhaftigkeit nicht absprechen konnte. Verglichen damit wirkte der Auftritt des Andromeda Mega Express Orchestra beim Festival im vergangenen November ungefähr so wie eine intergalaktische Supernova. Sehr zum Vergnügen des Publikums sprangen da 20 junge Musiker aus neun verschiedenen Nationen munter zwischen Neutöner-Klassik, Game Pieces, Big-Band-Jazz, Melodica-Clustern und Soundtrack-Irrsinn hin und her. Auch bei »Take Off!«, der ersten CD des grenzüberschreitenden Kollektivs, weiß man nicht, was man erstaunlicher finden soll: diese unberechenbare, witzige, aber auch durchaus gehaltvolle Musik – oder die Tatsache, dass sie im Kopf eines inzwischen gerade mal 25 Jahre alten Jungspunds entstanden ist, der nebenbei auch noch die gesamte Organisation des Orchesters erledigt. Daniel Glatzel heißt er, ist von Haus aus Saxofonist und sagt: »Man muss an Wunder glauben. Das ist ja auch der Reiz an der Band, weil es eigentlich etwas ist, das nicht geht.«
Vieles ist laut Glatzel am Andromeda Mega Express Orchestra ungewöhnlich. Zum einen die konstante Besetzung über einen langen Zeitraum, zum anderen die Art, wie Jazzer und klassisch ausgebildete Musiker auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Die kompromisslose Offenheit des Bandleaders muss ansteckend wirken. Der zählt die unterschiedlichsten Einflüsse als Inspirationsquelle auf: die Polyfonie der Renaissance, Charlie Parker, die Computerspiel-Musik des Games »Super Bomberman«, Comics. »Ich interessiere 929732mich für Sachen, die ein wenig kurios, schlecht gespielt oder billig sind«, sagt Glatzel. Um hinzuzufügen: »Das soll aber nicht bedeuten, dass ich mich auf das Lustige und Skurrile festlege. Ich will nur nichts kategorisch ausschließen.« Während eines dreijährigen Aufenthalts in Seoul entdeckte der damals 12-jährige Sohn einer koreanischen Opernsängerin den Jazz für sich. »Ich habe mich total manisch damit beschäftigt, obwohl ich‘s am Anfang gar nicht so gemocht habe. Trotzdem wurde ich zu einem ziemlich intoleranten Jazzfanatiker«, erinnert sich Glatzel lachend. Das legte sich schnell. Als Jazzstudent an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule führte ihn sein erster Weg in ein Chorprojekt der Klassikabteilung, wo er beim Einstudieren von Strawinskis »Psalmensinfonie« seinen späteren ersten Geiger kennenlernte. Und weitere experimentierfreudige Mitmusiker aus dem E-Bereich, die von Eingeweihten anerkennend als die »bad boys« des Studiengangs bezeichnet wurden. Seit 2006 besteht das Andromeda Mega Express Orchestra, und es kann neben Konzerten in Korea und beim Berliner Jazzfest auf beachtliche Erfolge verweisen. So ist es unter anderem auf der aktuellen CD der international hoch angesehenen Band The Notwist zu hören. »Letztendlich sind wir ein Mikrokosmos einer Gesellschaft«, umschreibt Glatzel seinen wilden Haufen. »Es ist fast ein soziales Experiment – wie eine Familie.«

Neu erschienen:

Take Off!

Andromeda Mega Express Orchestra

Alien Transistor/Indigo

Josef Engels, RONDO Ausgabe 4 / 2009



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