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Musikstadt

Basel

Hätte es den großen Mäzen Paul Sacher nicht gegeben, vielleicht wäre die Musikstadt Basel eine ganz normale, mittlere Großstadt geblieben. So aber ist die Stadt am Rhein nicht nur ein Mekka für zeitgenössische Musik, sondern mit der Schola Cantorum auch ein Zentrum der historischen Aufführungspraxis. Und auch das Theater profitiert davon, an dem es zurzeit ein fast konkurrenzlos aufregendes und vielfältiges Opernprogramm zu bestaunen gibt.

Dem Ruf der Schweizer als diskretestes Volk der Erde macht das Klingelschild des Hauses »Auf der Burg 7« alle Ehre: Nur das Wort »Stiftung« steht in fein geschwungenen Buchstaben auf dem blankpolierten Messingetikett. Wer es nicht weiß, käme nie auf die Idee, dass hinter der gediegen klassizistischen Fassade einer der größten Schätze der Musikwelt liegt. In drei brand- und erdbebengesicherten Kellergeschossen lagern die Nachlässe von mehr als hundert Komponisten des 20. Jahrhunderts, gehütet und katalogisiert von den Mitarbeitern der Paul-Sacher-Stiftung, deren Namen das Klingelschild so selbstbewusst diskret verschweigt: Partituren, Skizzenbücher und Briefe von Strawinsky, Webern und Bartók, Ligeti und Berio, Disketten und Computerausdrucke, dazu ganze Schallplattensammlungen wie die des Arditti Quartetts. Ein Who’s who der modernen Musik. Kein Wunder, dass inzwischen sogar lebende Komponisten wie Steve Reich und Pierre Boulez schon ihre Notenmaterialien hier deponiert haben – hinter den Panzertüren der Paul-Sacher-Stiftung sind sie so sicher wie im Safe einer Schweizer Bank.
Es ist durchaus sinnvoll, eine Tour durch die Musikstadt Basel hier, im Schlagschatten der Münstertürme zu beginnen. Denn schließlich ist der Stiftungsgründer der Hauptverantwortliche dafür, dass Basel überhaupt Anspruch auf den Rang einer Weltmusikstadt erheben darf. Hätte es Paul Sacher nicht gegeben und hätte dieser musikbegeisterte junge Dirigent nicht 1934 durch die Heirat mit der steinreichen Pharma-Erbin Maja Hoffmann- Stehlin die Mittel bekommen, seiner Leidenschaft ohne Rücksicht auf ein zahlendes Publikum nachzugehen, dann wäre Basel vermutlich eine ganz normale, mittlere Großstadt geblieben. Mit einem Theater, einem Sinfonieorchester und ein paar ambitionierten Laienchören, die die Bedürfnisse von ein paar hunderttausend Menschen nach Mozartopern, Bachoratorien und Brahmssinfonien befriedigen. Zehn Jahre nach dem Tod des umtriebigen Mäzens ist in Basel von einem brennenden Interesse an neuen Tönen allerdings nur mehr wenig zu spüren. Die Konzerte des 1987 als Plattform für zeitgenössische Musik gegründeten Klangforums führen nur noch eine Nischenexistenz im prallen Basler Veranstaltungskalender. Bislang schien sich niemand berufen zu fühlen, das Erbe Sachers weiterzuführen. Und ob die Ernennung von Dennis Russell Davies zum neuen Chef des Basler Sinfonieorchesters wieder mehr Moderne in die Stadt bringen wird, steht noch in den Sternen – mit Ausnahme der Aufführung von Philip Glass’ abendfüllender Fünfter Sinfonie im kommenden März fährt der Mann aus Ohio in seiner ersten Saison jedenfalls noch ein abonnentenfreundliches Schonprogramm.
Die zweite Leidenschaft des Paul Sacher hat in Basel dagegen eine deutlich stärkere Nachwirkung. Die von ihm ins Leben gerufene Schola Cantorum Basiliensis ist nach wie vor das Mekka für alle, die lernen wollen, wie man Alte Musik macht. Denn die historische Aufführungspraxis wurde in Basel zwar nicht geboren, aber sozusagen eingeschult: Die Idee eines Instituts, das sich in einer Verbindung von Musikwissenschaft und Spielpraxis der »Erforschung und Erprobung aller Fragen, welche mit der Wiederbelebung alter Musik zusammenhängen« (Sacher), widmet, war 1933 revolutionär. Auch hier gibt es natürlich eine lange Liste großer Namen ehemaliger Studenten und Dozenten von Gustav Leonhardt und Jordi Savall über Thomas Hengelbrock bis René Jacobs, die von der Bedeutung der Schola als Kraftzentrum für die Entwicklung der Alten-Musik-Szene künden – derzeit zählen Szenegrößen wie Andreas Scholl, Andrea Marcon und Chiara Banchini zum etwa 80-köpfigen Dozentenkreis, der sich um insgesamt 200 Studenten kümmert. Ein exklusives Lehrer-Schüler-Verhältnis, das jedoch nur die Dynamik reflektiert, in der sich die Alte Musik noch immer befindet: Während Sacher vor 75 Jahren noch ganz bescheiden mit Kursen in Oboe, Zink und Clavichord ins musikalische Niemandsland aufbrechen konnte, reicht heute eine Hochschule kaum aus, um die vielfältigen Spezialkenntnisse für den nach wie vor expandierenden Alte-Musik-Sektor zu vermitteln. Von der weltweit einzigen Mittelalter-Ausbildung über Continuo an Harfe und Theorbe bis zu historischem Klarinettenspiel reicht die Palette, die Schola-Rektorin Regula Rapp aufzählt. Und anders als bei normalen Musikhochschulen kommt immer mehr dazu: »Im Moment erleben wir gerade einen Riesenboom bei Improvisation«, erklärt Rapp, »da arbeiten wir sogar mit Jazzleuten zusammen.« Ausgelöst hat den Impro-Boom übrigens Christina Pluhar mit ihrem Ensemble »L’Arpeggiata« – eine ehemalige Schola-Studentin, natürlich.

Inzwischen kommen sogar die Opernfans aus Zürich, die keine alten Stars, sondern aufregendes Musiktheater sehen wollen.

Im Fall der Alten Musik ist Sachers Saat offenbar aufgegangen – auch das Basler Kammerorchester lässt sich letztlich auf den Impuls des Übervaters zurückführen. Die Musiker des Ensembles haben ihr Wissen um historische Aufführungspraxis nicht nur fast alle an der Schola gelernt, sondern bemühen sich auch in ihren Konzerten, an Sachers Gegenüberstellungen von alter und zeitgenössischer Musik anzuknüpfen. Alte Musik auf historischen Instrumenten, klassische Moderne und Zeitgenössisches mit Stahlsaiten und modernen Bläsern – auf inzwischen einer ganzen Reihe von Aufnahmen unter Leitung von Dirigenten wie Christopher Hogwood und Paul McCreesh haben die Basler gezeigt, dass sie beides gleich gut beherrschen. Wenn’s passt, wie in ihrem Beethovenzyklus mit Giovanni Antonini, wird auch gemischt. Der Erfolg ihrer Beethovenaufnahmen hat das Kammerorchester fest auf dem internationalen Konzertparkett etabliert – mit der Folge, dass es in Basel selbst nur selten zu hören ist. Gelegenheiten, in Basel gute Musik zu hören, gibt es freilich mehr als genug: Der Saisonplan des Basler Stadtcasinos dürfte für eine Stadt von knapp 400.000 Einwohner (Basel-Stadt und -Land) ziemlich einmalig sein. Volodos, Zimerman, Perahia und Gidon Kremer – sie alle kommen in den fast unverändert erhaltenen, 1876 erbauten Saal mit seinen 1512 Plätzen. Die Akustik heißt es, sei hier legendär, die Architektur und die schnörkelig neobarocken Stuckranken erinnern an die Bilder vom alten Leipziger Gewandhaus, und dank umfangreicher Schallisolierungen hört man jetzt nicht einmal mehr das Läuten der Straßenbahnen, die direkt am Gebäude vorbeifahren.
Basels derzeit aufregendste Klassikinstitution liegt allerdings gleich gegenüber. Seit dem Amtsantritt von Intendant Georges Delnon und seinem Operndirektor Dietmar Schwarz vor drei Jahren schreibt das Theater Basel eine der ganz wenigen echten Erfolgsgeschichten der deutschsprachigen Opernlandschaft. Nicht zuletzt, weil die Auslastung in dieser Zeit um beachtliche 18 Prozent kletterte, hat das Theater zur Belohnung gerade gerade eine satte Subventionserhöhung bekommen. Inzwischen kommen sogar die Opernfans aus Zürich, die keine alten Stars, sondern aufregendes Musiktheater sehen wollen. Delnons Erfolgsrezept: kraftvolle, sinnliche Inszenierungen wie Calixto Bieitos »Lulu«, Philipp Stölzls »Holländer « oder gerade Vivaldis vom Australier Barrie Kosky frisch aufgemöbelten und angesexten »Orlando furioso« und die Möglichkeit, sich für jede Produktion das passende Basler Orchester auszusuchen. Beim »Orlando« sorgt beispielsweise das »La Cetra«-Barockorchester aus Absolventen der Schola für den elegant-virtuosen Vivaldi-Sound. »Ist das nicht toll, dass Oper so lebendig sein kann?«, fragt eine alte Dame, die auf dem Sitz links von uns beim Wahnsinn des rasenden Roland begeistert mitfiebert. Glückliches Basel.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2009



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