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Klassik im Netz

Ein Hoch auf das Buh!

In kurzer Zeit hat das Internet unser modernes Leben revolutioniert. Tomasz Kurianowicz ist der spannenden Frage nachgegangen, inwieweit das World Wide Web nicht schon längst dabei ist, auch die Welt der hehren Tonkunst zu verändern. Doch bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten bleiben selbst die Verantwortlichen und Macher auch skeptisch …

Während die CD-Verkäufe durch den rasanten Zuwachs von Internet-Piraterie dramatisch eingebrochen sind, haben gewiefte Online-Pioniere Konzepte entwickelt, mit denen sie die ökonomische Krise durch die Schaffung einer interaktiven Musikwelt zu überbrücken hoffen. Auch im Klassiksegment ist ein Umdenken zu bemerken: In den letzten zwölf Monaten haben sich richtungsweisende Innovationen durchgesetzt, die noch vor einigen Jahren als unrealisierbar oder gar tollkühn gegolten hätten. Beispiel: die digitale Konzerthalle der Berliner Philharmoniker. Im Januar ging die sogenannte »Digital Music Hall« ans Netz und revolutionierte als erste groß angelegte Internet-Plattform die Vorstellung eines Klassikkonzerts in seiner ursprünglichen Form. Jetzt kann der Smoking im Schrank bleiben und der Zuhörer auf der Couch, denn Klassikbegeisterte sind nun in der Lage, wo auch immer sie sich befinden, die Auftritte des hochkarätigen Orchesters live und in bester Ton- und Bildqualität zu erleben. Natürlich erst nach Erwerb eines digitalen Konzerttickets von 9,90 Euro oder eines Abos, versteht sich.
Noch kühner und dabei völlig kostenlos präsentiert sich ein Internet-Konzept, das von den Machern des Online-Portals »Youtube« im April auf die Beine gestellt wurde. Gesucht wurden 200 Musiker, die anhand von Video-Mitschnitten ihre instrumentalen Spielkünste beweisen und online vor- EIN HOCH AUF DAS BUH! Klassik im Netz In kurzer Zeit hat das Internet unser modernes Leben revolutioniert. Tomasz Kurianowicz ist der spannenden Frage nachgegangen, inwieweit das World Wide Web nicht schon längst dabei ist, auch die Welt der hehren Tonkunst zu verändern. Doch bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten bleiben selbst die Verantwortlichen und Macher auch skeptisch … stellen konnten, um ein Mitglied des neuen »You Tube Symphony Orchestra« zu werden. 3.000 Bewerbungen von Laien und Profis gingen ein – und das aus allen Teilen der Welt. Am Ende entschied eine Jury aus professionellen Musikern der Berliner Philharmoniker und des London Symphony Orchestras sowie der Dirigent Michael Tilson Thomas über die letzten Finalisten. Das Abschlusskonzert, zu dem sich die gecasteten Orchestermitglieder nicht digital, sondern ganz persönlich in der berühmten New Yorker Carnegie Hall eingefunden hatten, wurde über das Internet-Portal live übertragen. Keine Frage: Die Online-Welt kennt bei der Verbreitung von Musik keine Grenzen mehr. Viel mehr noch: Wahrscheinlich wird das Internet bald eine der zentralen Anlaufstellen sein, um sich Musik zu beschaffen und sich detailliert über neue Entwicklungen zu informieren.

»Man muss es sagen, wie es ist: Das Einstellen von privaten Mitschnitten auf Internet-Seiten ist eine Praktik an der Grenze zur Kriminalität.« (Eckhart Runge)

Das weiß auch Wolfgang Rosenthal. Er ist Webseiten- Gestalter und kennt die Bedürfnisse, die große Klassikkünstler bei der Programmierung ihrer Webseiten haben. »Heutzutage muss man Inhalte bieten im Gegensatz zu früher, als es ausreichte, ein paar Bilder auf die Webpräsenz zu stellen. Es ist notwendig, das Potenzial des multimedialen Internets auszuschöpfen«, sagt Rosenthal, der auch die Website des Artemis Quartetts programmiert hat. Der große Unterschied zwischen jungen, noch unbekannten Musikern und den arrivierten Stars und Sternchen der Klassikszene liege bei der Visualisierung und der Aufbereitung des eigenen Internet-Auftritts. »Bei Artemis geht es um die Verfestigung eines bestehenden Eindrucks, weil es ein bereits existierendes Publikum gibt. Es ist wichtig, dass ein seriöser Eindruck entsteht. Junge Künstler wollen dagegen auffallen, sie wollen provozieren und müssen ihr Image erst noch entwickeln.« Eckart Runge, Cellist im Artemis Quartett, ist vom Potenzial des Internets überzeugt und hat sich mit der Website seines Ensembles für eine seriöse und dabei doch verspielte Lösung entschieden. Auf der Internetseite findet man nicht nur die Biografien der Musiker und ein paar Hochglanzfotos von Konzerten, sondern auch Videos und Hörbeispiele, die Lust darauf machen, mehr über die Musik und die Künstler zu erfahren. Zudem bekommen die Besucher der Website einen unmittelbaren Eindruck von aktuellen Projekten des Quartetts und können mit den Musikern in Kontakt treten. »Unser Publikum schickt uns ganz direkt Feedback über die Website. So findet man neue Kommunikationswege zum Publikum und stärkt zugleich deren Bindung«, sagt Runge.
Doch bei aller Liebe zum Internet: Liveübertragungen wird es auf der Website des Artemis Quartetts nicht geben, denn das hautnahe Interagieren zwischen Musiker und Publikum gehört für Eckart Runge zu einem wahren künstlerischen Erlebnis dazu. »Der Zuhörer will ja ein Teil des Events sein. Durch seinen Applaus, durch seine Begeisterung gibt er dem Künstler etwas zurück. Man kann, wenn man vor dem Bildschirm sitzt, überhaupt nicht eingreifen, man kann nicht einfach ›Buh!‹ schreien. Das finde ich unfair.«
Auch für Produzenten hat das Internet neue Möglichkeiten geschaffen, vor allem bei der Rekrutierung neuer Talente. Daniela Majer, für den Aufbau neuer Künstler verantwortliche Musikproduzentin bei Sony Music, lässt neue Künstler gleich durch das Internet-Raster laufen. »Wenn mich eine CD interessiert, schaue ich im Internet nach und prüfe, wann und wo der Musiker auftritt auftritt. Wenn man das, was man im Internet gesehen hat, interessant findet, fährt man auch zum Konzert. Und dann liegt es am Künstler, im Konzert und bei der persönlichen Begegnung zu überzeugen. « Es sei sehr schade, sagt die Produzentin, wenn sich im Internet über die betreffende Person rein gar nichts herausfinden lasse. Sowohl Daniela Majer als auch Alain Lanceron, Labelchef von Virgin Classics, bestätigen jedoch eines: Die Live-Erfahrung bei der Bewertung von Künstlern wird auch weiter im Klassiksegment eine entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle spielen. »Bei mir ist es ja nicht so, dass ich morgens aufwache und mir denke: Okay, heute will ich einen neuen Künstler finden. Youtube beispielsweise verwende ich, um etwas zu überprüfen. Aber es gibt nichts Besseres, als einen Künstler persönlich zu treffen und zu hören, wie er live auftritt«, sagt Lanceron überzeugt.

»Ob Anna Netrebko einmal als große Interpretin ins Pantheon der Interpretationsgeschichte eingehen wird, das kann noch kein Mensch sagen. Denn alles Misslingen hat seine Gründe. Aber alles Gelingen sein Geheimnis.« (Joachim Kaiser)

Nicht immer werden Appetizer, die im Internet in Form von Konzertmitschnitten kursieren, den Ansprüchen der Künstler gerecht. Für einige von ihnen hat die Internet-Revolution auch die Kehrseite der interaktiven Medaille hervorgebracht. Das Portal Youtube zum Beispiel, das für jeden Benutzer das Hochladen von privaten Videos ermöglicht, gehört jetzt schon zu den großen Kommunikationsmitteln, mit denen Klassikfans Livemitschnitte, meist von eher minderer Qualität, ins Internet stellen und damit anderen Klassikfreunden die Möglichkeit bieten, die Leistung der Künstler in Kommentarspalten zu bewerten. Klickt man beispielsweise auf die neuesten Videos von Anna Netrebko, dann zeigt sich die Radikalität der sich im Internet tummelnden Hobbykritiker. In einem der Kommentare unter einem Video vom Mai 2009 schreibt der Nutzer »sunnyillianer« spöttisch: »Annas Stimme klingt nicht gut. Sie sollte besser pausieren und sich erholen.« Gleich rechts wird man durch einen Link auf den Videoblog des Klassikpapstes Joachim Kaiser verwiesen, der wöchentlich auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung unter dem Schlagwort »Kaisers Klassikkunde « provokante Fragen von Musikliebhabern beantwortet – wie es zum Beispiel um die wahren Gesangstalente von Anna Netrebko steht. »Kann sie wirklich singen?«, will einer der SZ-Leser wissen. Der Profi beantwortet diese Fragen salomonisch: Nach Kaisers Meinung wird erst die Zukunft darüber entscheiden, ob die Netrebko in die Annalen der Gesangsköniginnen eingehen wird –, er bekräftigt aber auch durch die Präsentation seines Beitrags, der im Internet kommentiert werden kann, dass die Meinung der Leser stärker ernst genommen wird. So schmelzen neue und alte Medien zusammen.
Eckart Runge vom Artemis Quartett weiß um die Schattenseiten von unliebsameren Videos bei Youtube. »Wenn ich einen Mitschnitt eines weniger gelungenen Abends finde, dann macht mich das natürlich nicht gerade glücklich. Man muss es sagen, wie es ist: Das Einstellen von privaten Mitschnitten ist eine Praktik an der Grenze zur Kriminalität.« Auch wenn der Blick in die Online-Welt manchmal Sorgen bereitet: Längerfristig werden sich Musiker der klassischen Musik damit abfinden müssen, dass das Internet eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Auf der anderen Seite müssen sich Künstler und Musiker wahrscheinlich keine Sorgen machen, dass mitgeschnittene Videos im Internet den Eindruck eines echten Konzerts ersetzen können. »Man kommt um den Live-Eindruck nicht herum. Das ist für uns beruhigend. Die Klassik erfüllt eben andere Ansprüche als zum Beispiel der Pop«, sagt Ute Fesquet von der Deutschen Grammophon.
Dass das Internet mit dem Live-Erlebnis nicht im Widerspruch steht, haben am besten Joshua Bell und Hillary Hahn bewiesen: Beide haben sich als besonders internet-affine Künstler herausgestellt, die das neue Medium dafür nutzen, um Kontakte zu ihren Fans aufzubauen und ein junges Publikum an die Klassik heranzuführen. Durch Blogs und Konzerttagebücher wird interaktive Nähe geschaffen, die Authentizität vermittelt. So fördert ein neues Medium einen alten Wunsch, dass nämlich am Ende mehr Menschen den Weg in die Philharmonien finden, um eine einzigartige Erfahrung zu machen: die Erfahrung eines echten und realen klassischen Konzerts.

Tomasz Kurianowicz, RONDO Ausgabe 4 / 2009



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