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Daniel Hope

Wie modern ist Barock?

Daniel Hope ist nicht nur der Autor eines neuen Buchs für Klassikeinsteiger »Wann darf ich klatschen? «, das im Herbst erscheint. Die darin aufgeworfene Frage »Wie modern ist Barock?« beantwortet er quasi auch mit seiner neuesten CD. Wir geben mit einem exklusiven Vorabdruck aus dem Barockkapitel seines Buchs schon einmal einen Vorgeschmack auf beide mit Spannung erwarteten Veröffentlichungen.

Anfangs hatte ich geglaubt, Barock sei etwas ganz Erhabenes, Edles, Unantastbares – und damit, zumindest für junge Leute, auch ein bisschen Langweiliges. Bis ich dahinter kam, wie radikal und revolutionär die »alten « Meister gewesen sind, wie viel Leidenschaft, Sinnlichkeit und Dramatik in ihrer Art zu komponieren stecken. Es ging so weit, dass ich ihre Perücken manchmal für reine Tarnung hielt, so als ob wir nicht gleich merken sollten, was sich in Wahrheit in ihrer Musik abspielt. Wieder stellte ich fest, wie wichtig es ist, etwas über die Hintergründe der Musik und ihrer Entstehung zu erfahren, sich ein Bild von der Zeit zu machen, in der sie geschrieben wurde, und die Verhältnisse kennen zu lernen, unter denen die Komponisten gelebt haben. Das allerdings ist ein großes Unterfangen, denn in den hundertfünfzig Jahren, die nach dem bewussten Epochen-Schema als Barock-Zeit gelten, hat sich unglaublich viel ereignet und verändert, von den Grauen des Dreißigjährigen Krieges bis zu Voltaires Kampf für die Vernunft. Wissenschaft, Philosophie, Malerei, Baukunst, Literatur nahmen eine ungeahnte Entwicklung, und auch die Musik bahnte sich einen neuen Weg.
Nach der in sich ruhenden Renaissance, die sich vom düsteren Mittelalter befreit und Kultur, Bildung und geistige Schönheit wieder entdeckt hatte, setzte um 1600 ein Umdenken ein: Nicht schlagartig, aber nach und nach begannen die Komponisten nach neuen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, schrieben Musik, die im Unterschied zu früher Raum für Pathos und leidenschaftliche Emotionen ließ. »Affekte« wurden diese Gefühle genannt, für die bestimmte Motive erfunden wurden, die sich jeweils durch ein ganzes Werk hindurch zogen und ihm seine Struktur gaben. Dass diese Revolution durchaus nicht unangefochten war, zeigt schon die Bezeichnung Barock. Sie stammt aus Portugal, wo man unter »barroca« eine unregelmäßige, schiefrunde Perle verstand. Barock galt also als etwas Minderwertiges, als der kümmerliche, wenn nicht lächerliche Abkömmling der edlen Renaissance.
Erst spät, Mitte des 19. Jahrhunderts, ist dieser negative Beigeschmack verschwunden. Manche Musikwissenschaftler haben denn auch lieber vom Zeitalter des »Generalbass’« gesprochen, einer der zentralen Erfindungen der Barockmusik oder, wie es Johann Sebastian Bach formuliert hat, ihr »vollkommenstes Fundament«. Gemeint ist damit, dass der Bass nicht mehr nur unterste Stimme einer Komposition ist, sondern darüber hinaus ihre Basis und Träger von Harmonie und Rhythmus. Die zweite große Neuerfindung war das Konzert: Zum einen das Orchesterstück mit dem Wechselspiel zwischen allen Instrumenten und einer kleinen solistischen Gruppe, zum anderen das Solo-Konzert, in dem sich das volle Orchester und ein einzelnes Instrument, in erster Linie die Violine, aber auch das Cembalo gegenüberstehen. Das Größte, was die barocke Konzertliteratur zu bieten hat, sind für mich die Kompositionen von Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach. Ich habe früh angefangen, sie zu spielen – und es war eine phantastische Entdeckung. Vor allem Vivaldis atemberaubende Originalität und Brillanz haben mich fasziniert – so wie sie schon Bach beeindruckt haben, der sich die Violinkonzerte seines italienischen Kollegen besorgte und für das Cembalo einrichtete. (…) Was die Beliebtheit der Alten Musik angeht, haben uns die Verfechter der historischen Aufführungspraxis nicht nur einen unglaublichen Dienst erwiesen, indem sie uns so viel über diese Zeit und die Art des Musizierens beigebracht haben, sondern sie haben mittlerweile auch einen eindeutigen Punktsieg errungen: Ihre Konzerte und Aufnahmen haben zu einem wahren Barock-Boom geführt und das Interesse an den alten Meistern sprunghaft steigen lassen.

Händel, Telemann, Bach u.a.

Air

Daniel Hope, Lorenza Borrani, Lucy Gould, Stewart Eaton, William Conway, Enno Senft, Jonathan Cohen, Kristian Bezuidenhout, Hans-Kristian Kjos Sörensen

DG/Universal

Rondo Autor, RONDO Ausgabe 4 / 2009



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