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Musik der Welt

Kleine Nester - Große Meister

+ Gongs aus Vietnam bannen die Geister – und ziehen uns Westler magisch in ihren Bann + Kassé Mady Diabaté aus Mali hat den Gesang im Blut – seine Geschichten ergreifen uns auch, ohne dass wir sie verstehen + Der türkische Lautenspieler Ulas Hazar macht das Griffbrett zur Rennbahn – von Folklore bis zur Paganini-Caprice lauschen wir gebannt +

Wenn es um Gongs und andere Metallophone geht, denkt der Musikfreund meist an Java und Bali. Dabei spielen Gongs im Leben von Angehörigen bestimmter ethnischer Minderheiten in Vietnam und Laos eine nicht wegzudenkende Rolle, nicht zuletzt bei der Kommunikation mit dem Jenseits. Sie werden angeschlagen, wenn gute Geister gerufen und hilfreich gestimmt werden sollen, aber ebenso, wenn man schädliche Geister vertreiben will. Abgesehen von ihrer zentralen Rolle im Toten- und Geisterkultus sorgen sie bei Festivitäten für feierliche, lebhafte Stimmungen und begleiten die dazugehörigen Tänze. Die Aufnahmen von »Vietnamese Gongs« (Air Mail/SunnyMoon SA 141178) entstanden nicht etwa bei einem Gastspiel oder der Studiositzung einer Gruppe, sondern wurden in sieben verschiedenen Ortschaften Vietnams, aber auch in vier Dörfern Laos‘ für Feldaufnahmen sehr guter Aufnahmequalität realisiert. Das gibt der CD eine klangliche und stilistische Vielfalt, unterscheiden sich die Gruppen doch in Besetzung, Stimmung und Spielweise. Von der Weihe eines neuen Hauses bis zum Begräbnis, von der Opferung eines Büffels bis zur Geisteranrufung – die Klänge der Gongs, die oft in ostinaten Strukturen und leicht variierten Motiven erklingen (was entfernt an Verfahren der Minimal music erinnert), sind schlichtweg faszinierend. Sie ziehen den Hörer hypnotisch in ihren Bann – und das sollen sie ja wohl auch bei den Geistern. Man kann sich vorstellen, dass längere Stücke eine Art Trance hervorrufen, allerdings dauern die Beispiele nur ein, zwei, maximal drei Minuten. Der Kommentar ist leider allzu kurz und bündig, Bilder der Instrumente und Gruppen gibt es leider keine, doch erscheint das Album als Schnäppchen einer Billigpreisserie.

Erbwalter einer alten Kultur

Wäre er in Mali nicht so populär, man feierte Kassé Mady Diabaté und sein Album »Manden Djeli Kan« (Wrasse Records/harmonia mundi WRA 5310671) als Entdeckung. Indes ist es das wohl vierte Album eines hier bislang nur Insidern bekannten Griots. Obgleich sich der Sänger mit der ausdrucksvollen Tenorstimme behutsam der Gegenwart anpasst – das Spektrum reicht von traditionell in der Malinke-Tradition verwurzelten Gesängen bis zu einer Art Mande-Rock, wie sie der berühmtere Salif Keïta pflegt –, gilt er durchaus als Erbwalter einer alten Kultur. Er stammt aus Kela, einem von nur 360 Menschen bewohnten Dorf. Vielen ehrwürdigen Griots war es schon Heimat, was Kela zu einem kulturellen Zentrum Malis macht, ist es doch Aufgabe der Griots (die in Mali Djeli heißen), die oral überlieferte Musik und Literatur, und damit die Geschichte, das kollektive Gedächtnis des Volkes zu bewahren und weiterzureichen. »Djeli« heißt auch Blut: Seit Jahrhunderten werden die alten Geheimnisse über Blutbahnen vom Vater auf den Sohn vererbt und es heißt ein sterbender Djeli käme einer verbrennenden Bibliothek gleich. Ein Djeli ist kein Popstar, sondern eine soziale Institution: Eine Feier ohne einen Griot wäre ein Unding und bei Konflikten sucht man gern nach einem Djeli als Schlichter. Um ein großer Djeli zu sein, braucht man nicht nur Musikalität und umfassendes Wissen, sondern Integrität und, mit alledem zusammenhängend, Beliebtheit – Eigenschaften, die an Diabaté gerühmt werden. Dem wegen seiner ungewöhnlichen Großzügigkeit bekannten Kassé Mady Diabaté, der erst jetzt im Alter von 60 Jahren »groß herauskommt«, attestiert man, jahrzehntelang die Wünsche seiner Leute zu den seinen gemacht zu haben, und auch jetzt, wo sich der Erfolg einstellt und er in der Hauptstadt Bamako lebt, die Anliegen seines Dorfes nicht zu vergessen. An seinem neuen Album wirken einige der größten Malinke-Musiker mit, unter ihnen der Kora-Spieler Toumani Diabaté. Schade, dass man die Texte des Barden im Booklet nicht nachlesen kann!
Aus einem Dreihundertseelendorf stammt auch der im Osten der Türkei geborene Ulas¸ Hazar. Der Albumtitel »Virtuoso« (Acoustic Music/Rough Trade 31914092) gibt eine genaue Bezeichnung seines Berufes. Wann wurde je einem Meister der Saz so Fingerbrecherisch-Sehnenverknotendes abverlangt? Die Saz ist eine Laute mit einem sehr langen Hals und weit auseinander liegenden Bünden. Um so schwerer hat es derjenige, der ihr Griffbrett zur Rennbahn machen will. Hazar ist jedoch kein Tempo zu schnell, kein Lauf zu diffizil, kein Stück zu entlegen (hier wagt er sich sogar an die Transkription einer Paganini-Caprice heran), um seine überlegene Fingerfertigkeit zu demonstrieren. Dabei stehen dem stark vom Gitarristen Paco de Lucia geprägten, wieselflinken Manne Flamenco und Jazz fast schon näher als die Musik seiner Heimat, weswegen er hier in de Lucias Bassisten Carles Benavent und dem Gitarristen Rafael Cortes (als bekannteste Mitglieder der internationalen Mitgliederschar) sehr kompatible Gefährten findet. Das Repertoire reicht von Mozarts »Alla Turca« über wirklich Türkisches bis Coreas »Spain«. Als sportive Leistung hört man sich »Virtuoso« gelegentlich erstaunt, durchaus auch amüsiert an, kaum aber gerührt. Wie oft bei solchen Alben zeigt da erst einmal ein junger Mann, was er alles kann, legt mehr Wert auf Perfektion als auf Gehalt und Seele. Aber das kann ja alles noch kommen, wenn er uns und sich nichts mehr beweisen muss. Ein außerordentliches Talent besitzt er allemal.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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