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Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Pianist Krystian Zimerman, der schon früher angekündigt hatte, aus politischen Gründen nicht mehr in den USA auftreten zu wollen, hat bei einem Recital in Los Angeles einen Eklat provoziert. Vor dem letzten Werk des Abends in der Walt Disney Hall hielt er inne, wandte sich zum Publikum und sagte mit leiser, erboster Stimme, in einem Land nicht länger spielen zu können, welches die militärische Kontrolle über die ganze Welt anstrebe. »Get your hands off my country«, sagte der aus Polen stammende, in Luzern wohnhafte Künstler. Als 30 bis 40 Leute – zum Teil mit aufgebrachten Ausrufen – den Saal verließen, rief er ihnen nach: »Richtig, einige Leute fangen an zu marschieren, wenn sie das Wort ›militärisch‹ hören.«
Klassikstars werden Werbe-Ikonen: Sopranistin Anna Netrebko wirbt für Haarfärbemittel. Ihre Kollegin Danielle de Niese hat einen Werbevertrag mit einem Brillantenhersteller an Land gezogen. Jeder, wie er’s mag. Tenor Plácido Domingo macht neuerdings Werbung für Hörgeräte.
Heutige Soprane leben länger. Während die Puccini-Sopranistin Licia Albanese (die klassische »Manon Lescaut« an der Seite von Jussi Björling) im Juli ihren offiziell 96. Geburtstag feierte, halten die Gerüchte an, sie sei in Wirklichkeit 100 geworden. Ohnehin steht im kommenden Jahr ein großes Doppeljubiläum bevor: Für März 2010 bereitet sich bekanntlich die Verismo-Diva Magda Olivero auf ihren 100. Geburtstag vor. Und im Mai folgt der 100. Geburtstag der legendären Mezzosopranistin Giulietta Simionato. In der Musikgeschichte wurde dergleichen bislang nicht überliefert. Einzige Ausnahme: der Komponist Irving Berlin. Er starb 1989 im Alter von 101 Jahren.
Wie der Londoner »Telegraph« berichtet, musste Bryn Terfel, als er kurz vor Beginn einer Vorstellung in Seoul im Theater eintraf, feststellen, dass er keine Hosen mitgenommen hatte. Das Hotel hatte er in Shorts verlassen. Terfel, im Theater Ausschau haltend, machte einen einzigen Besucher aus, der ungefähr ebenso groß schien wie er selbst, und überredete ihn zur Herausgabe seiner Beinkleider. »Was hätte ich tun sollen?«, erklärte Terfel den Vorfall. »Ich hatte nun mal meine Hosen im Hotel vergessen.«
Sopranistin Simone Kermes, die mit ihrer neuen »Lava«-CD auf dasselbe neapolitanische Repertoire setzt wie Cecilia Bartoli, hat auf die Frage, warum sie als »Crazy Queen of Baroque Opera« bezeichnet werde, geantwortet: »Weil ich’s halt nicht so langweilig mache wie die anderen!!!« Die Barockszene werde heute zu stark von einem britischen Schönheits- und Schlichtheitsideal dominiert. Dieses werde den wirklichen Ausdrucksqualitäten der Barockmusik nicht gerecht. Häufig sei sie selbst deshalb mit Ablehnung konfrontiert. »Wenn man’s mit Saft singt, so wie es gehört, stehen denen die Haare zu Berge«, so Kermes. »Mir egal!« Aufgrund eines Konflikts mit der Krimiautorin Donna Leon, die Kermes früher gefördert hatte, sei sie auch immer noch nicht da angekommen, wo sie hingehöre. »Man hat versucht, mich kaputtzumachen. Deswegen bin ich nicht ganz auf dem Star-Level.« Als Hintergrund werden persönliche Reibereien angenommen. »Natürlich war sie sehr verletzt«, so Kermes über die ihr ehemals zugetane Händelanbeterin Leon.
Die chinesische Pianistin Yuja Wang, die (mehr als der ohne Label dastehende Kit Armstrong) für eine mögliche Nachfolge von Lang Lang gehandelt wird, trägt selbst unter langen Kleidern am liebsten High Heels. Das verriet sie bei einem Interview in Berlin. Wie sie mit Pfennigabsätzen die Pedale tritt, ließ sie indes offen. Nach einem medienwirksamen Auftritt mit dem Youtube-Orchestra in der New Yorker Carnegie Hall hat die bekennende Schuhfetischistin kürzlich auch das Lucerne-Festival miteröffnet. Auf einer Party war sie dem Dirigenten des Abends, Claudio Abbado, empfohlen worden. Auch er weiß, wann man den Mechanismen des Marktes nachgeben muss.
Die holländische Geigerin Janine Jansen fühlt sich trotz ihrer 31 Jahre nicht mehr jung. »Ich bin alt und habe graue Haare«, sagte sie in einem Interview in Bremen. Auch könne sie es »nicht mehr hören, dass man sagt, die jungen Geigerinnen bekämen nur wegen des Aussehens einen Schallplattenvertrag «. Vor eigenen Plakaten, denen sie etwa in Amsterdam regelmäßig begegnet, erschrecke sie immer noch. Sie sei froh, weitab von der Großstadt zu wohnen. »In dem kleinen Ort 20 Kilometer von Utrecht, am Rande des Waldes, hängen gottlob keine Bilder.«

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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