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Musikstadt

Braunschweig

Auf ihren guten Ruf kann sich keine Musikstadt verlassen. Auch Braunschweig nicht, das laut Telemann früher sogar »Venedig die Ehren-Säulen« einriss. Carsten Niemann wirft einen Blick auf die glorreiche Vergangenheit und die rühmliche Gegenwart einer Stadt, die sich mit zwei hochkarätigen Festivals, einem spannenden Musiktheater und seiner langen Klavierbau-Tradition auch heute sehen lassen kann.

»Keinem Orte in ganz Deutschland bin ich so ungerne vorbey gereiset, als Braunschweig«, schrieb der englische Musikreisende Charles Burney 1773 in sein Tagebuch. Vorbey gereiset? Nun, auch heute gehen Musiktouristen nicht immer fair mit der niedersächsischen Metropole um. Wobei für Burney wenigstens noch dies feststand: »Die Musik wird an wenig Orten mit glücklicherm Erfolge kultivirt als in Braunschweig«. Auf diesen Ruf allein kann sich die Stadt heute nicht mehr verlassen. Nachdem das Zentrum im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört worden war, suchte die Stadt einen radikalen Neuanfang. Das beschädigte Stadtschloss wurde abgerissen, Braunschweig entwickelte sich zu einer autogerechten Stadt, die man fortan eher mit Wissenschaft und Technik, dem Luftfahrt-Bundesamt und der Atomuhr in Verbindung brachte. Daran änderten auch die soliden Sinfoniekonzerte in der 1965 errichteten Stadthalle wenig – einem vom coolem Retrocharme durchwehten Haus, das mit seinen großen Fenstern wie durch eine Ray- Ban-Brille auf die grünen Wallanlagen blickt. Im Gegensatz zu der amerikanisierten Shopping-Mall, die man wegen ihrer rekonstruierten historischen Fassade heute das »Schloss« nennt, tun sich rings um den 1861 errichteten Prachtbau des dreispartigen Staatstheaters produktive Gegensätze auf: Das großbürgerliche Haus wird architektonisch wie inhaltlich von seinem vis-á-vis gelegenen, postmodernen Kleinen Haus herausgefordert, in dem herrlich selbstironische Braunschweig-Revuen und experimentelles Tanztheater ihren Platz haben.
Am Domplatz mit der Burg Heinrichs des Löwen führt dennoch kein Weg vorbei. 2003 hat das Staatstheater Braunschweig den malerischen Ort für seine sommerlichen Open-Air-Aufführungen entdeckt – eine der vielen kleinen, aber wirkungsvollen Maßnahmen, mit dem der scheidende Intendant Wolfgang Gropper sein Haus aus dem behäbigen Abonnentenalltag heraus und hinein in die Mitte der Braunschweiger Gesellschaft navigiert hat. Es war eigentlich eine Rückkehr: Der Braunschweiger Löwe, der mit gespitzten Ohren zuhört, wie der neue Generalmusikdirektor Alexander Joel »Madame Butterfly« dirigiert, hat noch die Melodien der vier mittelalterlichen Osterspiele im Kopf, mit denen Braunschweigs Musiktheaterleidenschaft im 14. Jahrhundert begann. Eine Leidenschaft, die das Braunschweiger Wappentier und seinen Herrn, Herzog Heinrich, auf die Bühne des 1690 eröffneten ersten Opernhauses der Stadt katapultierte. Denn damals pflegte Braunschweig sein Stadtmarketing noch nicht mit Landesausstellungen, sondern mit Opern über berühmte Welfen durch- zuführen. Erfolgreich übrigens: »Venedig darff nicht mehr in Bühnen triumphieren «, schwärmte Georg Philipp Telemann, »denn Braunschweig reißet ihm die Ehren-Säulen ein«. Übertrieben? Nicht ganz: Mit Reinhard Keiser, Carl Heinrich Graun, Johann Adolf Hasse und dem Braunschweiger Kapellmeister Georg Caspar Schürmann starteten gleich vier der bedeutendsten deutschen Opernkomponisten ihre Karriere für das Haus am Hagenmarkt. Nur Händel nicht – dafür konnte man seine Werke hier in deutschen Erstaufführungen erleben – und zwar so, dass ein Musikreisender namens von Uffenbach »ohnmöglich glauben« konnte, »dass es besser in London selbst exequiret werden kan.«
Mit der Pflege des barocken Erbes tut man sich heute schwer. Zwar hat Braunschweig mit der Capella della Torre endlich wieder ein Spitzenensemble für Alte Musik hervorgebracht, doch ist dieses auf die frühere Musik der Stadtpfeifer spezialisiert. Botschafter des Hochbarock ist ein Import aus England: John Eliot Gardiner. Zusammen mit Günther Graf von der Schulenburg, einem musikbegeisterten jungen Altadligen der Region, gründete er 2006 »Soli Deo Gloria«, die »Feste Alter Musik im Braunschweiger Land«. Das »kurze und knackige« Festival erkundet das anmutige Gebiet des gesamten ehemaligen Herzogtums Braunschweig: vom romanischen Kaiserdom in Königslutter über die herzogliche Residenzstadt Wolfenbüttel bis hin zur stadtnahen Stiftskirche Steterburg, von welcher der Graf glaubhaft versichert, dass sie »auch in Bayern liegen« könne. Die Preise sind dank Sponsoren moderat, doch bei der Auswahl der Musiker (von Gardiner über Jordi Savall bis Christophe Rousset und The Sixteen) bemüht man sich um Exklusivität. Schließlich bedeutet kulturelle Identität für den Grafen auch, nicht bloß »Teil des Wanderzirkus« zu sein.

Musikalisches Bürgertum

Musikalisch aktive Geschlechter mit klangvollen Namen hat übrigens auch das braunschweigische Bürgertum aufzuweisen. Da ist zum einen die kleine, aber feine Klavierbaufirma Grotrian-Steinweg, deren Flügel schon Clara Schumann schätzte. Das Unternehmen wurde 1835 von eben jenem Klavierbauer Heinrich Engelhard Steinweg begründet, der später als »Henry E. Steinway« in New York die Firma »Steinway & Sons« aus der Taufe hob. Die Nachfahren von Steinwegs Compagnon Friedrich Grotrian leiten die Geschicke der Firma in der sechsten Generation. Auch die 1885 gegründete Pianofortefabrik Schimmel – seit 1929 in Braunschweig ansässig – befindet sich in Familienhand. Mit 144 Mitarbeitern und 23 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2008 ist das Unternehmen bisher der größte deutsche Klavierbauer. Die Ausweitung ihres USA-Geschäfts wurde von der Finanzkrise verhagelt, sodass Schimmel im Juli Insolvenz anmelden musste. Die Nerven verliert man deswegen nicht: An ihrem Engagement in der Kulturförderung wird die Firma festhalten. Eine gute Nachricht für die populäre Klavierbiennale »Tastentaumel«, das die beiden Braunschweiger Klavierbauer erst vor sechs Jahren zusammen mit der Stiftung Nord/LB · Öffentliche initiiert hatten, um den regionalen Nachwuchs zu fördern und das Bewusstsein für die Tradition des Klavierbaus vor Ort zu stärken.
Vorreiter aller Festivals in der Region bleibt das Braunschweig Classix Festival, das seit 1988 von seinem Gründer, dem Pianisten Hans Christian Wille geleitet wird. Hervorgegangen aus einer Initiative, die ein verfallenes barockes Herrenhaus durch eine Kammermusikreihe rettete, lockt das Festival inzwischen bis zu 25.000 Besucher in die Veranstaltungen, die breit über die Region und das Jahr verteilt sind. Stolz ist man, dass für Höhepunkte wie Cecilia Bartoli oder Ivo Pogorelich sogar süddeutsche Musikfans den Weißwurstäquator überschreiten und dass David Garrett dieses Jahr mehrmals die schwierige Klassikzielgruppe der unter 40-Jährigen bearbeitet. Dennoch: Sponsorenfinanzierte Festivals können die Basisarbeit und das Bekenntnis zur eigenen Tradition nicht ersetzen, das in erfolgreichen Musikstädten auch von öffentlicher Seite kommt. Symbolfigur dafür ist in seinem 150. Todesjahr ziemlich überraschend Louis Spohr geworden.
Mit ihrem berühmtesten musikalischen Sohn ist die Stadt nicht gut umgegangen. Die Gedenkstätte in dem Haus, in dem der Komponist 1784 geboren wurde, musste schließen. Spohr und seine Werke waren der breiten Bevölkerung kaum bekannt. Als Mitte der Neunzigerjahre auch noch der renommierte Spohr-Preis für neue Komponisten sang- und klanglos beerdigt werden sollte, platzte dem damaligen Domkantor Helmut Kruse der Kragen: Er gründete die wohl bundesweit einzige Bürgerinitiative für einen klassischen Komponisten – für Louis Spohr. Neben der Neukonzeption des Spohr-Preises, der Veranstaltung von Konzerten, Symposien und Musikfesten hat man inzwischen auch ein paar Selbstverständlichkeiten wie das Anbringen von ansehnlichen Plaketten an den Stätten von Spohrs Wirken nachgeholt. Und bis zum Jahresende, so versprach Braunschweigs Kulturdezernent im Januar, soll die Forderung des leider zu Jahresbeginn verstorbenen Kruse nach einem Louis-Spohr-Musikzentrum erfüllt werden. Wenn man im Sinne der Initiative handelt, wird es eine Abteilung im Kulturinstitut sein, mit der die Stadt aktive Verantwortung als Impulsgeber für die Spohr-Pflege, aber auch für die Belebung und Vernetzung der Musikszene übernimmt. Damit das Vorbeifahren in Zukunft wieder richtig wehtut.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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