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John Eliot Gardiner

Feuer und Kristall

Als wir Sir John das letzte Mal zum Interview trafen, hatte er sich gerade mit seinem Label »Soli Deo Gloria« selbstständig gemacht. Seine Einspielungen der Brahmssinfonien auf historischen Instrumenten sind nun vollendet. Und sie lassen, wie wir finden, die modernen, ebenfalls jüngst erschienenen Berliner Mitschnitte von Sir Simon ziemlich alt aussehen.

RONDO: Sir John, in den Booklets zu Ihrem Brahmszyklus betonen sie, wie gut Brahms sich in der Alten Musik auskannte. Merkt man das in seinen Sinfonien?

John Eliot Gardiner: Mir hat es bei meiner Annäherung an Brahms sehr geholfen, die großen Chorwerke von Schütz und Gabrieli im Hinterkopf zu haben. Natürlich findet man in den Sinfonien keine Zitate – das wäre zu simpel gedacht. Aber die Art, wie Streicher, Holzbläser und Blech chorisch eingesetzt werden, hat mich oft an die Komponisten des 17. Jahrhunderts erinnert.

RONDO: Seit der Uraufführung der ersten Sinfonie wird eher die Traditionslinie von Beethoven zu Brahms betont. Ist für Sie die Verbindung zu Bach stärker?

Gardiner: Nicht stärker, aber anders. Von Bach übernimmt Brahms Kontrapunkt, Fuge und Kanon, von Beethoven die dramatische Seite und die Kraft, Themen weiterzuentwickeln. Bei meinen Konzertaufführungen der Dritten war der Bezug zu Beethoven ja ganz direkt: Wir begannen mit der »Coriolan«-Ouvertüre.

RONDO: Das legt eine dramatischere Sicht auf die Dritte nahe als üblich.

Gardiner: Natürlich ist die Dritte nicht so brillant wie die anderen Sinfonien – denken Sie an das Finale ganz ohne Jubel! Für mich ist sie aber die größte der vier und ich finde, unsere Kette von Beethoven über polyfone Chorstücke hin zur Dritten funktioniert ausgezeichnet – mit dem Chorstück »Nänie« als Epilog!

RONDO: Sie haben in Ihrem Booklet die Äußerung von Jorge Luis Borges zitiert, Brahms habe »fuego y cristál«. Demnach wäre Bach Kristall und Beethoven Feuer?

Gardiner: Bach ist viel mehr als Kristall! Zumindest wenn Sie meine Aufnahmen hören, merken Sie, dass auch in Bachs Kantaten eine Menge Feuer steckt.

RONDO: Roger Norrington weist immer wieder gern darauf hin, dass das 19. Jahrhundert ein klassisches war. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

Gardiner: Was würde Wagner wohl darauf antworten? Aber im Ernst: Ich finde nicht, dass diese Etiketten etwas bringen. Waren Berlioz und Verdi klassische oder romantische Komponisten? In Wahrheit ist die Entwicklung der Musik immer im Fluss gewesen. Aber natürlich hat Norrington insofern recht, als Komponisten von Beethoven über Schubert und Schumann bis Brahms noch stark vom klassischen Formbegriff beeinflusst wurden. Jeder dieser vier hat eine ganz eigene Lösung gefunden. Schumann und Brahms zum Beispiel haben einander zwar respektiert, sind aber im Grunde überhaupt nicht zu vergleichen.

RONDO: Sie betonen immer wieder, dass Ihr Hauptanliegen die Frage ist, was die Musik uns heute zu sagen hat. Was sagt Ihnen Brahms?

Gardiner: Natürlich mache ich Musik für hier und heute – ich bin doch kein Archäologe, sondern Musiker. Zu wissen, wie man die Werke zu ihrer Entstehungszeit gespielt hat, ist zwar wichtig, aber letztlich nur der Ausgangspunkt für eine Interpretation. Und Brahms’ Chorwerke und Sinfonien zeigen für mich einen Weg, mit der Tradition umzugehen, indem man sie sich auf konstruktive Weise aneignet. So wie Goethe es ausgedrückt hat: »Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb’ es, um es zu besitzen«. Das gilt übrigens auch für Bach, der sich stark an Vorbildern wie seinem Onkel Johann Christoph Bach orientiert hat – ein »profunder Komponist«, wie er einmal schrieb.

RONDO: Sie machen nicht nur Alte Musik, sondern sind nebenher auch noch Öko-Farmer. Besteht da ein ideologischer Zusammenhang?

Gardiner: Nein. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ich bin einfach auf einer Farm aufgewachsen – und ohne meine Tiere, Bäume und Pflanzen wäre ich wahrscheinlich verloren. Ebenso wie ohne Musik.

Neu erschienen:

Brahms

3. Sinfonie, Chorwerke

John Eliot Gardiner, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, The Monteverdi Choir

SDG/harmonia mundi

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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