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Helmut Deutsch

Der Diener als Herr

»Bin ich zu laut?«, fragte einst der Liedbegleiter Gerald Moore und brachte damit das Schicksal seines Berufsstandes auf den Punkt. Der Pianist Helmut Deutsch kann selbst ein Lied davon singen. Im Sommer spielte er in München zusammen mit Jonas Kaufmann Schuberts »Schöne Müllerin« ein. Christoph Braun war dabei und sprach anschließend mit dem »Diener« und nicht mit dem »Herrn« …

Die im Dunkeln sieht man nicht. Brechts Diktum mussten die Liedbegleiter noch in den Siebzigerjahren fast wörtlich nehmen. Obwohl die Musikgeschichte seit Schubert diesem Beruf wahrlich mehr zuweist als bloß harmonische Stützfunktionen, so ist ihre Geschichte doch die purer Diskriminierung, deretwegen man noch heute bei Amnesty Anklage erheben sollte. Gegen wen? Gegen alle – glaubt man Gerald Moores berühmter Philippika: gegen die Sänger und gegen die Impresarios, gegen das Publikum und natürlich auch gegen uns Kritiker. Und schließlich machten sich auch die Betroffenen selbst schuldig, die nicht selten aus der Not des Dienen- Müssens die Tugend der unbedingten Selbstverleugnung ableiteten.
Davor und davon ist Helmut Deutsch, der bald 64-jährige Doyen der Liedbegleiter unserer Zeit, längst gefeit – und geheilt. Natürlich musste der 1945 in Wien geborene, heute in München lehrende Meister seiner Zunft auch Lehrgeld bezahlen. Jahrelang mühte sich der Student und Dozent der Wiener Hochschule mit Möchtegern-Sängerstars ab, war »Begleiter vom Dienst«, den man zu Liederabenden engagierte wie einen Klempner zum Rohreverlegen. Starke Zweifel an diesem Angestellten-Dasein stellten sich ein. Doch dann halfen zwei »zufällige« Begegnungen die Karriereleiter hinauf: eine Konzerttournee des 23-Jährigen mit Irmgard Seefried und das erste Konzert des 34-Jährigen mit Hermann Prey. Die Arbeit mit dem gefeierten Liederstar bot ihm einerseits prägende Lernmöglichkeiten, andererseits stellte Prey, der in Deutsch lange Zeit nur die Kopie seines früheren Begleiters Leonard Hokanson akzeptierte, dessen Selbstwertgefühl auf eine harte Probe. Deutsch ging gestärkt aus ihr hervor, gut 100 Plattenaufnahmen und die Präsenz auf nahezu allen berühmten Konzertpodien zeugen davon. Eine ganze Sängergeneration – Juliane Banse, Angelika Kirchschlager oder Diana Damrau, Matthias Goerne, Thomas Quasthoff, Michael Volle oder wie jetzt Jonas Kaufmann – schätzt sich glücklich, einen derart hellhörigen Begleiter, ja Lehrmeister zu haben. Vor allem Kaufmann, den Deutsch seit fast zwei Jahrzehnten kennt und betreut, und der sich jetzt in München wild, ungestüm und mitreißend in Schuberts »Schöne Müllerin « verliebt hat, tut ein derart erfahrener und sensibel Rat gebender Mentor am Klavier gut. Kann er doch dem extrovertierten Opernshootingstar die heiklen Klippen des Liedgesanges vermitteln wie kein Zweiter.
Bleibt noch die – unterschwellig lauernde – Frage, warum »nur« Begleiter und kein Solopianist? Wer sie Deutsch stellt, der hat, erstens, keine Ahnung von den pianistischen Anforderungen eines Liedbegleiters. Der erhält, zweitens, die ehrliche Antwort: »Mit Chopin oder Schumanns Soloklavierschaffen konnte ich noch nie etwas anfangen.« Und der erfährt, drittens, von einem damals 13-Jährigen, auf dessen Nachttisch Heine- und Eichendorff- Gedichte lagen und für den Hausmusik, insbesondere Lieder, bei denen er die Mutter begleitete, selbstverständlich war. Was also lag näher, als diese frühe Prägung zum Beruf zu machen? Und wie sollte ein derart altmodisch-bildungsbürgerlich Sozialisierter nicht darüber (ver)zweifeln, wie der Niedergang der Lied- und Lyrikgattung aufzuhalten ist? So überholt die steife Frackpräsentation auch ist: ob eine Bühnenshow, bei der sich die – hoffentlich attraktive – Sängerin auf dem Flügel räkelt oder Videoclips das Gehörte bebildern, die Tradition ersetzen können, das bleibt fraglich. Dabei genüge es doch, einem Schubertlied einfach nur zuzuhören. Wem, wenn nicht Helmut Deutsch, sollte man dies glauben?

Neu erschienen:

Schubert

Die schöne Müllerin

Jonas Kaufmann, Helmut Deutsch

Decca/Universal

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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