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Cecilia Bartoli

Musikalisches Opfer

Wer die Bartoli kennt, kann sich denken, dass es auf ihrer neuesten CD mit Namen »Sacrificium« durchaus nicht um einen geistlichen Thriller à la »Sakrileg« oder »Illuminati« geht, sondern um – was sonst? – die Kunst der Triller. Dass dies einmal mehr für Nervenkitzel sorgt, dafür stehen 80 Minuten Musik, die hier erstmals auf Schallplatte erscheinen. Mit Karl Dietrich Gräwe sprach die Sängerin in Zürich über ein folgenreiches medizinisches »Opfer«, über Glanz und Elend der Kastratensänger ...

RONDO: Cecilia Bartoli, Ihre neue CD trägt den Titel »Sacrificium«. Das klingt nach geistlichem Thriller, wie bei den Filmen »Da Vinci Code – Sakrileg« oder »Illuminati«.

Cecilia Bartoli: Das ist nicht gemeint, hinter »sacrificium« steht eine grausame Realität. Eine Opferung im wörtlichen Sinn, eine Selbstaufgabe junger Menschen der Gesangskunst zuliebe, die Kastration im Kindesalter. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts waren es Jahr für Jahr schätzungsweise 4.000 Fälle – allein in Italien! Der letzte Kastrat, der Bekanntheit erlangte, war Alessandro Moreschi, er war bis 1913 Mitglied des Chors der Sixtinischen Kapelle in Rom. Von ihm gibt es ein Foto, er hat ein paar Schallplatten aufgenommen. Sicher kein Sänger vom Rang eines Farinelli, aber ein wenig von der überirdischen Schönheit dieses Singens schimmert bei ihm noch durch.

RONDO: Unzählbar viele Menschen bringen zwei Jahrhunderte und länger eine solch unglaubliche Opferbereitschaft auf – nur im Interesse der Kunst?

Bartoli: Da trafen viele unterschiedliche Interessen aufeinander. Die unsägliche Armut vieler Familien, der verzweifelte Kampf ums Überleben. Den Knaben, die die Operation überstanden, die mit den körperlichen und psychischen Folgeschäden fertig wurden und dann noch Talent zeigten, stand an den vier berühmten Konservatorien Neapels, an den Musikschulen der Stadt eine glänzende Erziehung in Aussicht, ein Studium der Kunst, der Musik, der Literatur, eine gesangstechnische Ausbildung.

RONDO: Mit Billigung der Kirche?

Bartoli: Offiziell hatte die Kirche die Kastration ausdrücklich verboten. Auf die Stimmen der Kastraten wollte sie aber nicht verzichten. So kam ein Widerspruch zustande, eine Kuriosität, stillschweigend in Kauf genommen, aber für Jahrhunderte praktiziert. Allerdings: Die Hoffnung auf eine Karriere als Kastratensänger hat sich bei den wenigsten Anwärtern erfüllt. Farinelli, Caffarelli, Senesino, Salimbeni und hundert andere wurden in aller Welt gefeiert, manche wurden wie Fürsten empfangen, konnten sich Herzogtümer kaufen. Aber sie blieben die Minderheit, die Ausnahme. Für die Impresarii wiederum, die Theaterunternehmer und Kulturmanager dieser Zeit, konnte die Protektion eines »Shootingstars « das große Geschäft werden. Ungekrönter König dieses prosperierenden Unternehmertums im 18. Jahrhundert war der Neapolitaner Nicola Porpora, tonangebend in allen Sparten seines Berufs: als Komponist, Kompositionslehrer, Gesangspädagoge, Theaterdirektor und Künstleragent. Porpora trägt mit sechs Arien den Löwenanteil am Programm des »Sacrificium« davon.

RONDO: Über die Leistungen und Triumphe der Kastraten wurde Legendäres erzählt, aber abgesehen von dem späten Abglanz, der auf den Aufnahmen von Moreschi liegt, ist ihre Kunst akustisch mit keinem Ton überliefert.

Bartoli: Wir wissen, dass Kastraten Außerordentliches zu bewältigen hatten: perfekte Technik, Atemkontrolle, absolute Herrschaft über die Stimme, vokale Reife, Farbe, Ausdrucksreichtum. Der Kastrat war in den Höhenbereichen der Frauenstimme problemlos zu Hause, verstand sich auf die femininen Feinstrukturen, er verfügte aber zudem noch über die virile Durchschlagskraft des Mannes und über endlose Luftreserven. Er musste ja auch Männer- und Frauenpartien singen. Dabei setzte er, anders als der Falsettist, immer seine »natürliche« Stimme ein, er musste nichts manipulieren. Es gab übrigens Kastraten, deren erotische Ausstrahlung – auch die körperliche – durchaus keinen Schaden genommen hat.

Überflieger aller Klassen

RONDO: Was genau hat die Kastraten, jedenfalls die Elite der Erfolgreichen, zu den Überfliegern aller Klassen gemacht?

Bartoli: Die Kastration hatte dem kindlichen Körper eine hormonelle Konfusion, einen Gewittersturm zugefügt. Kastraten behielten ihren vorpubertären Kinderkehlkopf und blieben von der Mutation unberührt. Zugleich wirkte sich der veränderte Hormonspiegel nachhaltig auf Knochenbau und Wachstum aus, das Volumen des Atemtraktes und die Körperlänge des Kastraten überschritten auffällig das gewohnte Menschenmaß. Er kam beim Singen mit wenig Atem aus, besaß aber riesige Luftreserven. Er konnte einen Ton bis zu einer Minute halten, dazu Verzierungen und Triller einbauen, die Stimmstärke an- und abschwellen lassen, bis dem Zuhörer schwindelig wurde.

RONDO: Solche Fähigkeiten sind bei »Sacrificium« auch von Ihnen gefordert?

Bartoli: In der Arie »Cadrò, ma qual si mira« des heute fast vergessenen Francesco Araia muss ich 30 Takte zusammenhängend singen, ohne ein einiges Mal atmen zu dürfen. 30 Takte! Das musste ich erst einmal trainieren!

RONDO: Nun sind Sie, Cecilia Bartoli, eine Frau und erfüllen physiologisch keineswegs die Voraussetzungen eines Kastraten ...

Bartoli: (lacht herzlich) Ich habe mich gründlich auf dieses Programm vorbereitet. Mein Musikerteam, meine »Spione« – ich nenne sie »i miei«, die Meinen – und ich stöbern lange und geduldig in Bibliotheken, Sammlungen, Archiven nach Material, und ich wähle aus Hunderten von Arien die Titel aus, die mich ansprechen und mir liegen. Kein Sänger muss alles singen. Die richtige Auswahl treffen, die Ernte reifen lassen, sich mit ihr technisch und emotionell vertraut machen, die Vorschriften des Komponisten verstehen lernen – ich glaube, so bin ich auf dem richtigen Weg, zumindest das zuverlässige Abbild einer Musik zu liefern, die seit mehr als 200 Jahren stumm war. Außerdem teile ich mit den Komponisten und den Sängern der damaligen Zeit eine Eigenschaft: die Passion für diese Musik.

Neu erschienen:

Sacrificium

Cecilia Bartoli, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini

DG/Universal


Zwischen Paradies und Folterkammer

Das oft zitierte, vielleicht auch falsch gedeutete Wort des Apostels Paulus »In der Kirche soll das Weib schweigen« trug den Frauen drei Jahrhunderte lang strenges päpstliches Singverbot ein. Noch Rossini hat dagegen vergeblich interveniert. Auf die hellen, eine Oktave höher als beim Mann liegenden Stimmen wollten aber weder Kirche noch Oper verzichten, trotz Frauenverbots. Also mussten es Knaben und Falsettisten sein, die das Defizit im Klangspektrum deckten. Und die Kastraten – Senesino, Carestini, Farinelli, Caffarelli und tausend andere. Das 17. und das 18. Jahrhundert waren ihr Goldenes Zeitalter. Ausgehend von Neapel, dem europäischen Mekka der Musik, durchkreuzten sie, Aristokraten und Handelsreisende einer extrem verfeinerten Kunst und Kunstfertigkeit, den Kontinent und katapultierten die Massen allerorten in die Stratosphären akustischer Glückseligkeit.
Genauer gesagt: Erfolgreich war, vergleicht man die verführerische Schauseite und die brutalen Hintergründe dieser Kunstmode, nur eine unproportionale Minderheit derer, die um des lukrativen Singens willen Leib und Leben riskierten. In den verarmten Regionen Italiens, zumal des Südens, wuchs mit der Zahl männlicher Nachkommen die Illusion von Reichtum und sozialem Aufstieg. Ärzte, Veterinäre, Bader, Quacksalber, die für eine Kastration von Knaben zu passender Zeit (zwischen 7 und 12 Jahren) und mit Billigpreisen Reklame machten, waren trotz offiziellen Berufsverbots ein emsiger und florierender Handelsstand. Methoden und hygienische Begleitumstände der Prozedur spotteten meist jeder Beschreibung. Die statistische Zahl der Sterbefälle über Jahrzehnte hinweg liegt im Dunkeln, nach Schätzungen sollen 60 bis 80 Prozent der Kinder den Eingriff nicht überlebt haben – oder sie mussten allein die Folgen tragen, mit Blindheit, Taubheit, Lähmung, gesellschaftlicher Verbannung.


Karl Dietrich Gräwe, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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