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Klassik für Kinder

Wiegenlieder unter dem großen Schirm der Kanzlerin

Weihnachtszeit, Kinderzeit: Auch die Klassiklabels und Hörverlage lassen sich jedes Jahr eine Menge einfallen, wie sie die lieben Kleinen von Glotze und Gameboy weg und vor die Lautsprecher locken können. Christoph Braun, selbst Vater dreier Kinder, horchte sich geflissentlich durch die diesjährigen Weihnachtsneuheiten und trennte schon mal vorab die Spreu vom Weizen.

Kinder und klassische Musik: Da kommt einem der Untergang des Abendlandes in den Sinn oder zumindest das demografische Methusalem-Komplott, das unsere Konzertsäle und Opernhäuser zu reinen Ruheständler-Treffpunkten mutieren lässt. Oder man krempelt die nationalen, kulturpolitischen Ärmel hoch wie jetzt unsere Kanzlerin, die sich zur Schirmherrin eines einzigartigen Projektes hat machen lassen. »Wiegenlieder« heißt es und ist gemeinnützig, Cornelius Hauptmann hat es initiiert, nachdem er mit Schrecken feststellen musste, dass kein einziger Schüler einer Stuttgarter Gymnasialklasse (!) »Der Mond ist aufgegangen« kannte. Drei Chöre sowie 51 namhafte deutschsprachige Kollegen samt Begleiter, darunter altgediente Größen wie Peter Schreier und Kurt Moll, sprangen ihm bei und sangen honorarfrei beim SWR 52 Wiegen- und Abendlieder ein. Carus- und Reclam-Verlag druckten dazu ein edles Notenbuch mitsamt Mitsing-CD und Klavierbegleitungsband. Überdies kann man der Sammlung ab dem 28. November ein Jahr lang – ein Lied pro Woche – abends per ARD- und W-LAN-Äther lauschen.
Wem nutzt dieser multimediale Sandmann? Zunächst einmal, profanerweise, den Eltern, die ihre Lieben zum Schlummern bringen (wollen). Dann selbstredend den Kleinen, nicht weil sie besser einschlafen (was ja nicht immer der Fall ist), sondern weil unsere zukünftigen Leistungsträger laut mitgeliefertem ärztlichen Bulletin im elterlichen Vor- und eigenen Mitsingen ihre Hör-, Sprach- und Intelligenzentwicklung befördern. Und dabei auch noch unser nationales Kulturgedächtnis bewahren, dessen musische Grundlagen bekanntlich rasant schwinden. Neben der guten Absicht und der Aufmunterung zum Selbermusizieren bleibt die vorzügliche Präsentation der Publikationen sowie manch anrührender Hörgenuss. Zwar ist nicht alles – wie etwa das von Jonas Kaufmann vorgetragene »Aber Heidschi Bumbeidschi« – vor dem Kitschverdikt gefeit, aber selbst das ist noch weit »authentischer« als die schwachsinnigen prä- und postnatalen Mütterberuhigungsmittel à la »Sanfte Klassik«, »Bach/Mozart/Chopin for My Baby« oder »Baby Classics – Nur das Beste für mein Baby«.
Wahrlich keine Schlummerdroge ist die musikalische Adaption von Karla Kuskins »Das Orchester zieht sich an«. Oliver Verschs Idee, den amerikanischen Kinderbuchklassiker von 1982 für deutsche Kinderohren zu bearbeiten, dürfte wie seine Vorlage ein Junior-Klassiker werden. Wie sich 105 gewöhnliche Menschen freitagabends in seltsame Frack- und Kostümwesen verwandeln, um auf einer Bühne gemeinsam zu spielen – und zwar »Musik, wunderschöne Musik« –, diesen Weg vom häuslichen Bad zur festlichen Bühne hat Christian Brückner sonor und witzig vorgetragen und Marius Felix Lange anspruchsvoll in klangfarbenreiche Töne gesetzt. Schließlich lohnt die Platte schon des eigentlichen Verkleidungszweckes der Philharmoniker wegen: So feurig lenkt Markus Stenz sein Gürzenich-Orchester Köln durch den Finalsatz der Jupitersinfonie.

»König der Kinderkonzerte«

Mit zwei Akkordeons, dem (elektronischen) Theremin und Gitarre nicht gerade philharmonisch besetzt, gleichwohl ebenso einfallsreich gibt sich die neueste Produktion des Kulturkontors e.V. im Hörverlag, die Annelie Knoblauch konzipiert hat. Mit Ulrich Noethens unprätentiöser, dennoch fesselnder Lesekunst und Otto Lechners Kompositionsfantasie, die das Gelesene ohne vordergründige Malerei einfühlsam kommentiert, marschieren E. T. A. Hoffmanns Husaren und Mäusearmee im Märchen vom »Nussknacker und Mausekönig« (innerhalb der »Serapionsbrüder«) spannend und skurril aufeinander los – ein zauberhaftes Weihnachtserlebnis der besonderen Art, dem nicht nur die Kleinen hellhörig lauschen. Ziemlich aufgeweckt geht es auch bei der »Klangreise« durch die Welt der Blechblasinstrumente zu. Zwar liegt der Lehr- und Lernzweck der beiden SWR-Sendungen Anne-Marie Münchs auf der Hand. Da jedoch beim Blechblasen die Kinder selbst aktiv sind, und das Rennquintett bekanntermaßen virtuos und stilübergreifend von Dixie bis zur Bachfuge aufspielt, mutiert Musikpädagogik hier nie zum trockenen Brot von Harmonielehre und Instrumentenbau. Das gilt erst recht für Mike Svobodàs unkonventionelle Präsentation des urschweizerischen Alphorn-Ungetüms.
Dieselbe Tugend spielerisch im besten Sinne ein Instrument (oder in eine bestimmte Art von Musik oder Musizieren) vorzustellen, findet man auch im »Kleinen Hörsaal«, in dem Kinder Klassikstars befragen. Jetzt gab einer der renommiertesten Tastenexperten unserer Tage, Pierre-Laurent Aimard, sechs Berliner Kindern Auskunft über sein Instrument. Wobei der Franzose – in ärrlischem Aksend – weit mehr als nur doziert (über Geschichte und Bau des Klaviers). Dass man auch mit Unterarmen und, ja, dem Hintern, dieses Schlaginstrument traktieren kann, das dürfte nicht alle Klavierlehrer(innen) begeistern, aber ihre Schüler. Natürlich nutzt der Experte für moderne und zeitgenössische Musik solche Unterweisung dazu, um – ganz beiläufig – in diese scheinbar schwierige Materie anhand von Debussy, Messiaen und Kurtág einzuführen. Wie das Klavier »sprechen« kann – mal wütend, mal zärtlich –, das vermag er ebenso überzeugend, ja mitreißend zu vermitteln wie die Herrlichkeit des grandiosen, vierstimmi17gen Contrapunctus IX aus Bachs »Kunst der Fuge«. »Das macht Spaß!« ruft er den jungen Zuhörern zu. Nur dass er dafür früher bis zu zwölf Stunden täglich geübt hat, das wird sie vielleicht nicht ganz so begeistert haben.
Man mag Marco Simsa den »König der Kinderkonzerte« nennen, da er seit gut 20 Jahren und Dutzenden CD-Projekten den Kleinen die Großen der klassischen Musik näherbringt – auf durchaus lehrreiche Art. Aber sein Konzept der Hit-Auflistung, erst recht der scheinbar kindgerecht zoologischen Werke (Haydns Bär, Henne, Vogel, Beethovens Floh etc.) ist doch recht durchschaubar und überraschungsarm. Hinzu kommt ein oberlehrerhafter Vortrag und eine bemüht-kumpelhafte Anbiederung an seine jungen Dialogpartner, die er ständig »Lustig!« und »Sehr schön!« ausrufen lässt. Da klingen manche Fragen, die Peter Braun in seiner Anthologie »Lust auf Musik – Großen Komponisten auf der Spur« stellt: »Wozu brauchte Wagner Handgranaten?« oder: »Warum versuchte Robert Schumann, sich im Rhein zu ertränken?« schon interessanter. Überhaupt weht in dieser wie auch in anderen Igel-Genius-Produktionen ein schneidigerer Wind als beim »netten« Simsa. Hier lassen sich auch wirkliche Musik-Hörspiele erleben, die diesen Namen verdienen. Das gilt für die kurzen, aber blutvoll präsentierten »Musikgeschichten aus dem Leben von Beethoven, Domenico Scarlatti und Saint-Saëns« wie für die »Starken Stücke«, in deren Reihe jetzt Sylvia Schreiber Bachs Matthäus-Passion für Kinder ab zehn vorstellt. Wie sie den Hörer am Ameisenhaufen der Thomanerschlingel teilhaben und den frechen Carl Philipp die Arbeit seines Vaters an der »gruseligen« Passion beobachten lässt: Das ist nicht gerade ehrfürchtig-fromm, dafür aber lehrreich und erfreulich kurzweilig – gemäß dem berühmten, auch Bach‘schen Wahlspruch: »Prodesse et delectare« (»Nützen und erfreuen«). Womit auch wir hier unseren Beitrag zur Rettung des Abendlandes geleistet hätten.

CD- und Buch-Tipps:

Anne-Marie Münch: Klangreise. Zeit für kleine Forscher

Sprecherin: Ulrike Möller

Bayer Records/Note 1

Otto Lechner

E. T. A. Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig

Gelesen v. Ulrich Noethen

Der Hörverlag/Edel

Karla Kuskin: Das Orchester zieht sich an

Christian Brückner, Gürzenich-Orchester, Markus Stenz

Random House/Edel

Wiegenlieder Vol. 1

Carus/Note 1

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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