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Johann Sebastian Bachs Adventskantaten: Wie soll ich Dich empfangen?

Wenn im September die Spekulatius im Supermarkt prangen und uns die »Stille Nacht« den Weihnachtseinkauf versüßt – ja, wenn selbst am Heiligen Abend der Braten kaum mehr schmeckt, dann fragt man sich, ob der Advent nicht vielleicht doch die am meisten missverstandene Zeit des Jahres ist. In Bachs Adventskantaten begegnet uns dagegen noch eine karge Welt der Stille und Einkehr, findet Michael Wersin, der sich durch den Stapel der einschlägigen Aufnahmen gehört hat.

Der uralte Hymnus »Veni redemptor gentium« ist ein Ausnahmewerk: Gedichtet wurde er vermutlich um das Jahr 385 von Ambrosius, dem Bischof von Mailand, in religionsgeschichtlich bewegter Zeit. Die Mailänder Christen wehrten sich in jenen Tagen gegen den Irrglauben der Arianer, die die göttliche Natur Christi bestritten. Auch das in Mailand residierende Kaiserhaus neigte dem Arianismus zu, und im Vorfeld des Osterfestes eskalierten die Auseinandersetzungen. Die kaiserlichen Truppen belagerten eine Basilika, die von den Christen besetzt gehalten wurde. Dies, so weiß die Legende, sei die Geburtsstunde der »Ambrosianischen Hymnen« gewesen: Mit Liedern wie »Veni redemptor gentium« bekannten und verteidigten die Christen mutig ihren Glauben. Entsprechend explizit und offensiv wird darin die Thematik der Menschwerdung Gottes ausgebreitet: Christus möge seine Geburt aus einer Jungfrau vorweisen, wie sie nur einem Gott geziemt. Schon für die Zeugung war nicht der Samen eines Mannes, sondern der Heilige Geist verantwortlich. Der Gottessohn tritt seinen irdischen Weg als Gigant von zweifacher, göttlich-menschlicher Natur an und erleuchtet als strahlendes Licht die Nacht menschlicher Gottverlassenheit.

Nun komm, der Heiden Heiland

Über tausend Jahre wurde dieses Lied allein in seiner lateinischen Urfassung gesungen, weit hinaus über die Zeit, in der auch das Volk noch des Lateinischen mächtig war. Die christliche Liturgie wurde nicht zuletzt durch das Festhalten am Latein als einziger Kultussprache mehr und mehr zu einer Klerikerliturgie, bei der das Volk nur noch Zaungast war. Als Martin Luther in den 1520er Jahren seinen Kampf gegen diesen Missstand antrat, warf er nicht einfach alles über Bord, was durch Jahrhunderte hindurch im Schoß der Kirche entstanden war. Er griff unter anderem eine Reihe alter liturgischer Gesänge auf und machte sie mittels Übersetzung ins Deutsche dem Kirchenvolk zugänglich. Unter diesen Gesängen war auch der Hymnus »Veni redemptor gentium«: Als »Nu kom, der Heyden Heyland« trat er in Luthers Fassung sein »zweites Leben« an – heute findet er sich in verschiedenen Übersetzungen in allen deutschsprachigen christlichen Gesangbüchern.
Zur Zeit Johann Sebastian Bachs war »Nun komm, der Heiden Heiland« eines der wichtigsten Adventslieder: In drei der vier komplett überlieferten Adventskantaten Bachs spielt das Lied in seiner lutherischen Fassung eine zentrale Rolle. In BWV 61, entstanden 1714 in Weimar und 1723 in Leipzig wiederaufgeführt, erklingt »Nun komm, der Heiden Heiland« im Eingangssatz eingebettet in eine prächtige französische Ouvertüre, die nicht nur den Neubeginn des Kirchenjahres, sondern vor allem den bevorstehenden Einzug Gottes in seine Schöpfung versinnbildlicht. BWV 62, erstmals aufgeführt 1724 in Leipzig, ergibt sich textlich komplett aus dem Ambrosianischen Hymnus: Wie im sogenannten Choralkantaten-Jahrgang üblich, blieben die erste und die letzte Strophe textlich unangetastet und wurden zur Grundlage für ein ausgedehntes Choral-Concerto bzw. für einen schlichten Choralsatz. Die Binnenstrophen dagegen erfuhren dichterische Umgestaltung und wurden zu Arien- und Rezitativtexten. Und in »Schwingt freudig euch empor« (BWV 36) schließlich, erstmals erklungen 1731 in Leipzig, wird die erste Strophe des Hymnus zu einem kontrapunktisch raffinierten Duett für zwei Frauenstimmen, zwei Oboen d’Amore und Basso continuo. Die sechste (»Der du bist dem Vater gleich«) gehört textlich und melodisch unverändert dem Tenor, um dessen breiten Cantus-firmus-Gesang herum dieselben Liebesoboen lebhaft die Stärkung des schwachen menschlichen Fleisches durch die göttliche Kraft bejubeln. Die achte, Gott verherrlichende Strophe schließlich wird (wie in BWV 62) zum schlichten Choral-Schlusssatz.

Dein Krippen glänzt hell und klar

Wer sich die ganze reichhaltige Fülle von Bachs Adventskantaten in einer hochklassigen Aufnahme aus dem Geiste der historisierenden Aufführungs-praxis zu Gemüte führen möchte, der wird die soeben erschienene Neueinspielung von Sigiswald Kuijken und seiner Petite Bande begrüßen: Kuijken arbeitet wie gewohnt mit einer ausschließlich solistischen Besetzung, was vor allem dem lebhaften Eingangschor von BWV 36 sehr zugutekommt. Die Sänger, unter ihnen die geradezu unverschämt gewandte und leichtfüßige Gerlinde Sämann und die stets ebenso zuverlässig wie angenehm timbriert ihre Kantilenen durchmessende Petra Noskaiová überzeugen im Gesamteindruck vollkommen. Vor dem Hintergrund ihrer hohen interpretatorischen Qualität ist es ein unschlagbarer Vorteil der Kuijken-Aufnahme, dass sie als einzige derzeit im Handel befindliche CD sämtliche vier Bach‘schen Adventskantaten enthält – hinzu kommt zu den drei oben genannten »Bereitet die Wege, bereitet die Bahn« (BWV 132), die allen Solisten nochmals Gelegenheit zu brillanter Entfaltung bietet: Gerlinde Sämann gewinnt mit der herrlichen Eingangs-arie ein Paradestück hinzu, und Jan van der Crabben agiert absolut tadellos in der Bassarie »Wer bist du? Frage dein Gewissen«.
Gegen Kuijkens Einspielung fällt die auf den ersten Blick recht aparte Aufnahme von Kevin Mallon und dem Aradia Ensemble (mit BWV 36 in einer früheren, kürzeren Version sowie BWV 61 und BWV 132) leider deutlich ab. Auch Mallon arbeitet teilweise mit einer solistischen Sängerbesetzung, vor allem der Eingangschor von BWV 36 hinterlässt, so musiziert, einen guten Eindruck. Problematischer verhält es sich mit den solistischen Nummern: Bassist Steven Pitkanen weiß mit der deutschen Sprache leider überhaupt nicht umzugehen, und die für sich genommen sehr ansprechende Sopranistin Teri Dunn gibt sich in ihrer Version der Eingangsarie von BWV 132 etwas hölzerner als die großartige Gerlinde Sämann.

Die Nacht gibt ein neu Licht dar

Letzteres gilt leider auch für Ingrid Schmithüsen, die Masaaki Suzukis Sopranistin bei seiner Einspielung von BWV 132 war. Bei ihr kommen außerdem deutlich hörbare technische Probleme in der hohen Lage hinzu. Dieselbe Folge der Gesamtaufnahme enthält von Bachs Adventskantaten außerdem BWV 61, deren Sopranarie »Öffne dich, mein ganzes Herze« Frau Schmithüsen etwas besser gelingt. Dennoch bleibt im Gesamteindruck auch Suzukis Einspielung hinter der von Kuijken zurück: Zwar sorgt der (leider sehr früh bei Suzuki ausgestiegene) wunderbare Altist Yoshikazu Mera für einige Pluspunkte, aber Peter Kooijs eher unfreier Gesang trübt wiederum das Bild.
Ganz anders die weitgehend sehr gelungene, im Duktus kraftvoller als Kuijkens Version ausgefallene (und stärker besetzte) Einspielung von BWV 36, 61 und 62 durch John Eliot Gardiner, entstanden schon 1992 und von der Archiv-Produktion eigenartigerweise dennoch im Rahmen der Cantata Pilgrimage (2000) vertrieben: Anthony Rolfe Johnson erweist sich einmal mehr als rhetorisch-musikalisch gewandter Bachinterpret und Nancy Argenta überstrahlt das Geschehen mit aller wünschenswerten Glanzesfülle bei höchster stimmlicher Flexibilität.
Vier Jahre nach Gardiner, im Jahre 1996, widmete sich Philippe Herreweghe mit seinen Ensembles exakt demselben Programm. Herreweghe versteht es, die Partien des bei ihm mit 17 Leuten etwas kleiner als bei Gardiner besetzten Chores ein wenig differenzierter und lockerer zu gestalten. Seine Solistinnen Sibylla Rubens und Sarah Connolly mischen sich im Duett aus BWV 36 erstklassig, Frau Rubens kann ihre Solonummern allerdings nicht ganz so beglückend in Fluss bringen wie Argenta oder Sämann. Und auch Christoph Prégardien gibt sich als Tenorsolist bei Herreweghe gesangstechnisch etwas befangener als Anthony Rolfe Johnson bei Gardiner.

Dunkel muss nicht kommen drein

Wie sehr gerade Gesangsleistungen von der Tagesform abhängen, zeigt der Vergleich mit Ton Koopmans Einspielung von BWV 61 und BWV 132, entstanden für die zweite Box seiner Kantaten-Gesamtaufnahme im Jahre 1995: Hier agiert Prégardien viel freier und souveräner als im Jahr darauf bei Herreweghe. Überhaupt zeichnet bei allem rhetorisch-musikalischen Engagement diese frühen Einspielungen der Koopman-Edition eine große Ruhe aus. Man glaubte hier noch, das ganze Projekt unter sicheren wirtschaftlichen Bedingungen abschließen zu können. Auch hatte der Austausch der Sänger-Urbesetzung, mit der Koopman eigentlich alle Kantaten einspielen wollte, erst begonnen. Barbara Schlick ist noch mit von der Partie, aber in der exponierten Eingangsarie von BWV 132 treten ihre Abnutzungserscheinungen klar zutage – nochmals ein Lob für Sämann bei Kuijken, ihre Version bleibt die Spitzenleistung. BWV 36 spielte Koopman im Jahre 2002 für Folge 18 ein. Das Koopman‘sche Sängerkarussell hielt hierfür bei James Gilchrist und Sandrine Piau. Gilchrist, mittlerweile Bach-erfahren durch Gardiners Cantata Pilgrimage, liefert eine stimmschöne, aber sprachlich nicht übermäßig klare Tenorarie (im Continuo sehr reizvoll mit Orgel und Laute begleitet) ab. Piau klingt mulmig und leicht befangen. Die tiefe Lage ihrer Arie kommt ihr nicht entgegen. Nur solide gelang BWV 62 für Folge 13 im Jahre 2000: Klaus Mertens hetzt ein wenig durch die Bassarie »Streite, siege, starker Held« und Paul Agnews leicht überspannte Art, Bach zu singen, zeitigt kein ganz glückliches Ergebnis.
Zumindest partiell hörenswert ist BWV 61 in der Version von Eric Milnes und Montréal Baroque, dargeboten im Verein mit drei Weihnachtskantaten: Vor allem das orchestrale Niveau ist bis ins Detail durchweg hoch, unter den Solisten zeigen sich unter anderem Monika Mauch und Charles Daniels sehr profiliert, wenngleich rein stimmlich nicht immer restlos überzeugend.
Nur noch bedingt erfreuen können den heutigen Hörer die im Rahmen der Pionier-Gesamtaufnahme Harnoncourts und Leonhardts dokumentierten Interpretationen der vier Adventskantaten: Allzu hölzern und überakzentuiert gerieten Harnoncourt im Eifer des engagierten, musikalischen-rhetorischen Wollens die Eingangschorsätze von BWV 61, 62 und 36, und die Solisten des Tölzer Knabenchores – so erstaunlich ihre Leistungen teils sein mögen – erinnern schmerzlich daran, dass Bach seine Knaben oft bis zum 16. oder 17. Lebensjahr in Frauenstimmlage zur Verfügung standen und sie zu entsprechender sängerischer Reife führen konnte. Bis heute sehr ansprechend sind allerdings die zeitlos gültigen Darbietungen des Tenors Kurt Equiluz oder des Altus Paul Esswood.

Der Glaub bleibt immer im Schein

Eine etwas betuliche, aber klanglich freilich nicht unangenehme Legato- und Vibratowelt mit eher gemäßigten Tempi und sehr expliziter, gelegentlich steifer Textvermittlung ließ Anfang der Achtzigerjahre Thomaskantor Joachim Rotzsch mit BWV 61 und 36 noch einmal aufleben: mit von der Partie neben den hervorragend präparierten Thomaner-Knaben natürlich der unverwüstliche Peter Schreier sowie der interpretatorisch sehr gepflegte Siegfried Lorenz und Arleen Augér. Schlimm tadeln kann man hier kaum etwas – aber was möchte man wirklich loben? Wir glauben Bach heute anders zu kennen: eleganter, rasanter, geschmeidiger und vor allem mehr vom Sprechduktus her musiziert.
Arleen Augér und Peter Schreier, aber (wenigstens für ein Rezitativ) auch Kurt Equiluz begegnen uns wieder in Helmuth Rillings Produktionen der vier Adventskantaten. Orchestral bieten sie insgesamt ein weichgezeichnetes Bild, aus dem gelegentlich mit sanftem Nachdruck drohend Cantus-firmus-Töne oder ähnliche Besonderheiten hervorstechen. Musikalisch-rhetorisch herrscht, vor allem wenn die vokalen Kräfte hinzutreten, die biedere Öde einer letztlich nicht auf dem stetigen Wechsel von Akzent und Entlastung der vertonten Sprache basierenden Darbietung. Die Solisten neigen, oft sicher auch technisch bedingt, zum polterigen Skandieren (Philippe Huttenlocher) oder zum Schreien (Aldo Baldin), und auf der in stetigem Gleichmaß äqualistisch betonter Zählzeiten dahinstampfenden Orchesterebene wird dem nichts entgegengesetzt.
Nicht berücksichtigt wurden für diesen Hörtest Karl Richters Einspielungen der Adventskantaten: Zwar sind sie durchaus ein markanter Felsblock in der Geschichte der Bachinterpretation, sind aber derzeit auf CD nicht mehr lieferbar.

Empfehlenswert:

Kantaten für das Kirchenjahr Teil 9

Sigiswald Kuijken, La Petite Bande

Accent/Note 1

Kantaten Folge 2

Ton Koopman, The Amsterdam Baroque Orchestra & Choir

Challenge Classics/SunnyMoon

Kantaten – Advent

John Eliot Gardiner, Monteverdi Choir

Archiv Produktion/Universal

Auch interessant:

Kantaten Teil 7

Suzuki, Bach Collegium Japan

BIS/Klassik Center

Adventskantaten

Herreweghe, Collegium Vocale

harmonia mundi

Kantaten zu Advent und Weihnacht

Mallon, Aradia Ensemble

Naxos

Folge 13

Koopman, The Amsterdam Baroque Orchestra & Choir

Challenge Classics/SunnyMoon

Folge 18

Koopman, The Amsterdam Baroque Orchestra & Choir

Challenge Classics/SunnyMoon

Kantaten 131-133

Harnoncourt/Leonhardt, Concentus Musicus Wien/Leonhardt Consort

Teldec/Warner

La Nativité

Milnes, Montréal Baroque

Atma/Musikwelt

Kantaten

Rotzsch, Thomanerchor Leipzig

Berlin Classics/Edel

Nicht sehr empfehlenswert:

Kantaten BWV 35 u. 36

Harnoncourt, Concentus Musicus Wien

Teldec/Warner

Kantaten BWV 61-63

Harnoncourt, Concentus Musicus Wien

Teldec/Warner

Advents- u. Weihnachtskantaten

Rilling, Gächinger Kantorei

Hänssler/Naxos

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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