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Rachel Podger & Gary Cooper

Barockitis

Auch für die Geigerin Rachel Podger fing die Originalklang-Karriere mit Müsli und Birkenstock-Sandalen an. Raoul Mörchen besuchte sie in der englischen Hauptstadt und sprach mit ihr über ihre Kindheit bei Kassel, schockierte Lehrer und die »Barockitis«.

Rachel Podger ist eine wunderbare Gesprächspartnerin. Nur technisch ist sie heikel: Wenn die Geigerin lacht, zerreißt es dem Mikrofon fast die Membran. Und sie lacht viel und über vieles. Zum Beispiel über Müsli und Sandalen als frühe Erkennungszeichen der Alte-Musik-Spezialisten. »Ja, das gab’s auch bei uns! Birkenstock und Petticoat. Und einmal die Woche duschen. Höchstens. Doch das ist schon was her. Heute kommen die Damen mit hohen Absätzen und perfektem Make-up.« Bei uns – das ist übrigens England. Was sich bei Rachel Podger nicht von selbst versteht, denn immerhin hat sie elf Jahre bis zu ihrem Abitur in Deutschland gelebt, in einem kleinen Dorf westlich von Kassel. Die aus Hamburg stammende Mutter und ihr englischer Vater hatten sich in Cambridge kennengelernt. Als der Vater Pfarrer wurde, übernahm er drei Gemeinden im seelsorgerisch unterbesetzten Nordhessen. »Wir hatten eine schöne Zeit dort«, erinnert sich Podger in noch immer makellosem Deutsch, »auch wenn wir dann doch alle wieder nach England wollten.« Nicht zuletzt der Musik wegen.
Vater und Mutter hatten unter John Eliot Gardiner im Chor gesungen und wenn daheim Triosonaten gespielt wurden, saß Papa nicht am Klavier, sondern am Cembalo. Irgendwann begann dann auch Rachel, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Als der aus Riga stammende Lehrer (»Russische Schule«!) ihr eine uralte Ausgabe der Bachpartiten vorlegte, erhob sie endlich Einspruch. »Ich war 15 oder 16. Ich bemerkte, wie auf einer betonten Note das Zeichen für Aufstrich stand, und sagte, dass das ja eigentlich nicht richtig sein könne. Nun sei ich wohl auch infiziert von der barocken Krankheit, hat mein Lehrer nur geseufzt.« Das war sie in der Tat. Seitdem lebt Rachel Podger ausgesprochen gut von und mit der barocken Krankheit. Nach dem Studium auf der Guildhall School holte Trevor Pinnock sie 1997 als Konzertmeisterin zum English Concert, als Solistin erhielt sie immer häufiger Einladungen von renommierten Ensembles im In- und Ausland, und sie begann sich relativ früh auch mit Aufnahmen als eine der führenden Geigerinnen ihrer Generation zu profilieren. Der Höhepunkt ihrer bisherigen Studioarbeit ist aber zweifellos die in diesem Jahr vollendete Gesamtaufnahme der Mozartsonaten mit ihrem langjährigen Kammermusik- Partner Gary Cooper.
Produziert hat die meisten ihrer CDs Jonathan Freeman-Attwood. Der ist im Hauptberuf tor der Royal Academy of Music und hat in dieser Funktion Podger vor einiger Zeit überreden können, einen neu eingerichteten Lehrstuhl für Barockgeige am Institut zu übernehmen. Seinem Angebot legte er als kleines Bonbon eine Stradivari oben drauf. Leihweise zwar nur, aber immerhin. Das »Crespi« genannte Schmuckstück aus der reichen Instrumentensammlung der Hochschule ist kurioserweise ein »modernes« Instrument, wurde, wie die meisten großen Geigen, im 19. Jahrhundert umgebaut, mit einem neuen Hals und Griffbrett versehen. Gerne würde Podger den Hals wieder zurückrestaurieren, doch der ist Tabu. Das Griffbrett immerhin hat sie ändern lassen dürfen: »Die Crespi ist immer viel gespielt worden und hat viel Druck aushalten müssen. Heute klingt sie eher klassisch als barock. Mal sehen, ob sie sich mit der Zeit wieder ändern will.« Ins Konzert hat Rachel Podger ihre Stradivari schon mehrfach ausgeführt. Für ihre neue CD mit zwei Haydnkonzerten und der Sinfonia concertante von Mozart nahm sie nun die Crespi erstmals mit ins Studio. Wie man hören kann, war es ein schöner Ausflug, für beide.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn

Sinfonia concertante, Violinkonzerte

Rachel Podger, Pavlo Beznosiuk, Orchestra of the Age of Enlightenment

Channel Classics/harmonia mundi

Raoul Mörchen, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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