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Rafał Blechacz

Des Polen Reiz ist unerreicht

2005 gewann Rafał Blechacz den prestigeträchtigen Chopin-Wettbewerb in Warschau. Seine Einspielung der 24 Préludes machte die Entscheidung der Jury leicht nachvollziehbar. Nun ist Blechacz seinem Landsmann Chopin erneut auf der Spur. Zum 200. Geburtstag spendiert er ihm, sich und seinem Publikum die beiden Klavierkonzerte. Und er wird es, so verriet er im Gespräch Raoul Mörchen, dabei nicht belassen.

RONDO: Sie haben für ihre neue Aufnahme mit dem Königlichen Concertgebouw Orchester in Amsterdam als Dirigenten einen Landsmann gewählt, Jerzy Semkow. Verstehen Polen Chopin besser als andere?

Rafał Blechacz: Das würde ich nicht behaupten wollen. Dagegen sprächen allein die wunderbaren Interpretationen von Kollegen wie Maurizio Pollini, Martha Argerich oder dem Chinesen Fou Ts’ong, der 1955 den Mazurka-Preis gewann. Allenfalls hat man als Pole vielleicht einen leichteren Zugang im Rhythmischen zu solchen Werken oder Passagen, in denen Chopin auf polnische Volksmusik zurückgreift. Aber auch da wäre ich vorsichtig. Trotzdem gebe ich gerne zu: Für diese Aufnahme wollte ich einen polnischen Dirigenten.

RONDO: Wie kamen Sie auf Jerzy Semkow?

Blechacz: Er war mein Wunschkandidat. Ich habe ihn schon mehrmals dirigieren gehört, unter anderem mit Brahms, und war ganz begeistert. Im Übrigen auch von dem Amsterdamer Orchester, mit dem ich bereits viermal gespielt habe und bei dem ich mich ausgesprochen wohlfühle. Ich kannte auch den wirklich fantastisch klingenden Saal des Concertgebouw gut, in dem wir schließlich die Konzerte aufgenommen haben, ich kannte sogar den Flügel und den Klavierstimmer. Ideale Bedingungen also.

RONDO: Sie haben als Jugendlicher in ihrer Heimatstadt Nakel in Oberschlesien kaum Möglichkeiten gehabt, überhaupt ein Orchester zu hören, geschweige denn, mit einem aufzutreten. Wie kommen Sie jetzt zurecht mit der Rolle als Primus inter Pares?

Blechacz: Dieser Teil meines Lebens hat sich gleich nach dem Chopinpreis sehr verändert: In der Zwischenzeit habe ich viele neue Erfahrungen machen können, und es gab etliche Gelegenheiten, die großen Konzerte zu spielen, Liszt, Beethoven oder auch das erste von Saint-Saëns. Wichtig ist für mich, dass ich mich vorab mit dem Orchester und dem Dirigenten in Ruhe verständigen kann. Bei der neuen Chopinaufnahme war ich sehr glücklich damit, wie gut mir das Orchester zum Beispiel beim Tempo Rubato gefolgt ist, an dem mir gerade bei Chopin sehr viel liegt.

RONDO: Konzerte sind – vom Wortsinn wie von der Tradition her – Schauplätze für Kämpfe zwischen Solist und Orchester. Sie scheinen jedoch, so sah man im Konzert und so hört man nun auch auf der CD, nicht um jeden Preis streiten zu wollen ...

Blechacz: In der Tat, das liegt mir nicht. Zumindest nicht bei Chopin.

RONDO: Wie geht es nun weiter?

Blechacz: Im Chopinjahr werde ich natürlich viel Chopin spielen. Darüber hinaus plane ich, ein Album mit Musik von Karol Szymanowski aufzunehmen und ihn dabei mit Claude Debussy zu kombinieren, dem er ja sehr nahe steht. Ich habe recht viel Szymanowski im Repertoire gehabt in der letzten Zeit und finde, er ist in Europa immer noch unterbewertet. Das Publikum aber, das habe ich oft erlebt, liebt diese Musik.

RONDO: Ein letztes Wort zu Chopin: Bekommen wir von Ihnen eines Tages eine Gesamtaufnahme?

Blechacz: Ich möchte mich nicht festlegen. Jetzt würde ich aber sagen: eher nicht.

Neu erschienen:

Frédéric Chopin

Klavierkonzerte

Rafał Blechacz, Royal Concertgebouw Orchestra, Jerzy Semkow

DG/Universal

Raoul Mörchen, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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