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Neuerscheinungen auf CD

Bittersüße Erinnerung

Wie viele Elektronikhersteller wollte auch das 1891 von Gerard Philips gegründete Familienunternehmen – mit einer Produktpalette vom berühmten Trockenrasierer bis zu Phonogeräten – gerne eigene Tonträger produzieren, um den Absatz zu stützen. Nur dass man damit 1950 relativ spät auf die Idee kam, denn die etablierten Labels hatten alle großen Namen unter Vertrag. Dass es den findigen Köpfen der neu gegründeten Sparte Philips Phonographische Industrie (PPI) trotzdem gelungen ist, belegt eine beeindruckende Sammlung von 55 Aufnahmen, die nun mit ihren Originalcovern für diese Box zusammengetragen wurde. Unter den A&R-Managern Eric Smith und später Costa Pilavachi (heute Senior Vice President der selben Abteilung bei Universal) waren Dirigenten wie Seiji Ozawa, Valery Gergiev, Colin Davis und Neville Marriner Aushängeschilder des internationalen Anspruchs, der sich neben Bernard Haitink auch um kleinere holländische Namen bemühte wie Edo de Waart und Frans Brüggen. Hier glüht der blutjunge José Carreras als Verdis Corsaro an der Seite von Montserrat Caballé und Jessye Norman, letztere auch vertreten mit Strauss’ Vier letzten Liedern. Die gerade aus dem Sowjetreich geflohene Viktoria Mullova legt mit Sibelius und Tschaikowsky Zeugnis ihrer unaufgeregt-stupenden Violintechnik vor, kammermusikalisch gesellen sich Größen wie das Beaux Arts Trio und das Quartetto Italiano hinzu. Bei den Opern ist Rossinis „Barbier“ mit Agnes Baltsa und Francisco Arraiza von 1984 vertreten. Persönlichkeiten wie Clara Haskil, Claudio Arrau und Mitsuko Uchida unterstreichen auch bei der Klaviermusik die noch langfristig planende Repertoirepolitik. Oder John Eliot Gardiner, der 1992 mit dem Verdi-Requiem als Exponent der Aufführungspraxis – scharf beäugt – hier einen ersten Schritt in die späte Romantik wagen durfte. Ein unscheinbares Juwel: Die Platte des Ensembles „I Musici“, die 1969 die noch weitgehend unbekannten Violinkonzerte eines barocken italienischen Maestro einspielten – Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Doch auch Philips sättigte sich an den reichen CD-Absätzen, ohne ins Morgen zu investieren, sein wirtschaftlicher Niedergang nach den Einbrüchen ab 1992 ist beispielhaft für die Tonträgerindustrie. Als 1998 die Tonträgersparte an die Seagram-Tochter Universal verkauft wurde, geschah dies mit der Auflage, den Markennamen Philips nur noch 10 Jahre fortführen zu dürfen. Einige rechtliche Hürden wurden also genommen, um unter vertrautem Signet an das Archivvermächtnis der PPI und ihre goldenen Jahre erinnern zu können. Carsten Hinrichs

Philips Original Jacket Collection

Universal/Decca

Verdi auf gut deutsch

Bis weit in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden bei uns selbst an großen Häusern italienische Opern auf Deutsch gesungen. Entsprechend produzierte auch die Plattenindustrie für den deutschsprachigen Markt einen „Troubadour“ und keinen „Trovatore“. Auch die EMI machte da keine Ausnahme und brachte in den 50er-Jahren eine Reihe von deutsch gesungenen Verdi-Einspielungen heraus. Zum 200. Geburtstag des Komponisten hat das Label sie in eine äußerst preisgünstige 10-CDBox gesteckt, die sich viele Opernbegeisterte allein schon aus nostalgisch-sentimentalen Gründen zulegen werden und jüngere Fans als Anschauungs- bzw. Anhörungsmaterial unbedingt zulegen sollten. Hauptsächlich Querschnitte sind es, die hier versammelt sind. Und hauptsächlich mit Rudolf Schock in den Tenorrollen. Was ein Glück ist, denn in den 50er-Jahren war seine Stimme auf ihrem Höhepunkt, und seine natürliche, spontane Art des Singens begeistert durchaus noch heute. Ein mindestens ebenso großes Glück ist es, dass auch Josef Metternich in einigen seiner Glanzpartien vertreten ist. Die deutsche Sprache hat den Bariton nie daran gehindert, durch und durch italienisch zu phrasieren – der Faszination seines prachtvollen Organs kann man sich ohnehin nicht entziehen. Neben Querschnitten von „Rigoletto“, „Troubadour“, „Traviata“, „Maskenball“ und „Aida“ (sowie „Don Carlos“ von 1973) finden sich in der Box noch ein kompletter „Rigoletto“ sowie zwei CDs mit großen Szenen und Duetten aus weiteren Verdi-Opern. Auch davon etliche mit Schock und Metternich. Michael Blümke

Rehabilitierung einer Legende

So wurden in Zeiten des kalten Kriegs Nationalhelden geboren: 1958 hatte es der Amerikaner Van Cliburn bekanntermaßen nicht nur in die Höhle des kommunistischen Löwen geschafft, sondern in Moskau gleich noch mit Pauken und Trompeten den Tschaikowsky- Klavierwettbewerb gewonnen. 23 Jahre war der Texaner da erst. Doch der überragende Sieg wurde zum Fluch für einen Mann, der Pranken so groß wie Schaufelbagger besaß. Seit er sich Ende der 1970er Jahre aus dem Konzertbetrieb zurückzogen hat, erinnern Straßenschilder und seit 1962 ein renommierter Klavierwettbewerb zumindest an seinen Namen. Dass sich eine Wiederbeschäftigung mit dem Pianisten dennoch lohnt, dokumentiert eine CD-Box mit seinen sämtlichen Einspielungen aus dem Zeitraum 1958– 1975. Sieht man einmal von einer Barber-Sonate sowie dem 2. Klavierkonzert von MacDowell ab, hat sich Van Cliburn ausschließlich auf Standardwerke konzentriert. Chopin, Brahms, Tschaikowsky, Rachmaninow – das war seine Welt. Und die erkundete er nicht etwa mit suggestiver Pyrotechnik und sattem Pathos, sondern mit einer Natürlichkeit und Noblesse, die sich selbst gegen die (sensationelle) Sound-Kulinarik eines Eugene Ormandy oder Fritz Reiner behaupten kann. Guido Fischer

Van Cliburn: The Complete Album Collection

RCA/Sony

RONDO Ausgabe 1 / 2013



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