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Musik der Welt

von Marcus A. Woelfle

Manchmal veranstalte ich mit den ungehörten Rezensionsexemplaren ein Happening. Ich schiebe „blind“ irgendetwas in den Player. Diesmal ist es „Istanbul Tango 1927–1953 – Old World Tangos Vol. 4“ (Oriente Musik RIENCD80/Fenn): Die Anfangsfloskeln eines Pianisten lassen etwas Rhapsodisches erwarten, dann bewegt sich jemand im Niemandsland zwischen Gnossienne und Habanera. Ich passe. Es ist der Operettenkomponist Muhlis Sabahattin Ezgi mit seinem „Tango Türk“, der ersten türkischen Tangoaufnahme – noch ein verkappter Zeybek! Trotzdem wird man im Verlauf der CD in seiner Erwartung ge-, wenn auch nicht enttäuscht. Die meisten Stücke klingen nur geringfügig anders als man es von einem Tango der Schellack-Ära erwartet. Wenn es „richtig exotisch“ tönt, so bei der Sängerin Birsen Alan, hat es so viel mit Orient zu tun wie beim als Scheich kostümierten Rudolf Valentino (dessen Filme stark zur Tango-Mode beitrugen). Die Geiger haben jene Art Schmelz, der vermuten lässt, sie seien zuvor in Zigeuner- Kostümen aus einem Pariser Tanz-Tee gerissen worden. Was wohl ein türkischer Musiker vor 80 Jahren empfand, wenn er das westliche Spiegelbild des Östlichen zurückspiegelte? Hat er je auf der Kemençe stilecht Folklore gefiedelt? Dazu schmachten die Vokalisten so westlich, dass fast nur ihre Sprache, die man in diesem Umfeld schon mal für Ungarisch halten könnte, ihre Herkunft verrät. Bis 1938, als Ibrahim Özgur den Tango männertauglich machte, war es eine Domäne von Sängerinnen wie Seyyan Hanim. Sein früher Tod wurde in der Türkei so bedauert wie jener Gardels in Argentinien. Denn türkischer Tango war, in Tanzsaal, Operette und Film, sehr populär, auf hohem Niveau, hinreichend originell, und, diesen Schluss legt die chronologische Anordnung der Kompilation nahe, von zunehmender Sinnlichkeit. Die Auswahl regt den Appetit an, stillt ihn nicht ganz, wobei die Herausgeber sich auf die Tangos türkischer Komponisten beschränken (importierte Titel waren freilich verbreitet). Zugunsten seltener Aufnahmen wird vermeintlich Bekanntes weggelassen, etwa „Mazi“ (womit sich Necip Celal Andel 1932 als erster bedeutender Komponist des türkischen Tangos etablierte).

Istanbul Tango 1927–1953 – Old World Tangos Vol. 4“

Oriente Musik RIENCD80/Fenn

Die verblüffende Fähigkeit des Tangos, in unterschiedlichsten Sprachen Fuß zu fassen, als wäre dort seine eigentliche Heimstätte, sich in jedes erdenkliche musikalische Umfeld zu begeben und dabei doch zuallererst Tango zu bleiben, zeigt sich auch in Karsten Troykes „Noch Amul! – Tango oyf Yiddish Vol. 2“ (Oriente Musik RIENCD84). Troyke, der sich zuvor schon mit dem Album „Dus Gezang Fin Mayn Harts“ um die Wiederbelebung des Tangos auf Yiddish verdient gemacht hat, entreißt wieder ein Dutzend Lieder dem Vergessen. Sie stammen von Spezialisten wie dem Letten Max Perlmann und dem Galizier Ben-Zion Witler, die selbst in den 40er Jahren in Argentinien tätig waren. Aus zwei Traditionen gespeiste Klagen um das Verlorene werden in bittersüßer Wehmut eins. Die ernste Miene, die der Tango über die Sinnlichkeit wirft, wird vom jüdischen Witz aufgelockert und der Tango umhüllt die jiddischen Verszeilen, in denen Glück nur in ferner Vergangenheit oder ungewisser Zukunft existiert, mit der Eleganz der Verzweiflung. „Alles verschwindet mit dem Rauch, nichts bleibt: Liebe, Freundschaft, Lebenskraft, Glück.“ Mit leichtfüßiger Schwermut umranken der Klarinettist Jan Hermerschmidt und das Trio Scho, eine Troika aus Violine, Akkordeon und Bass, Troykes mannhaft entschlossenes Ansingen gegen die Trauer. Wie bei gutem Fado oder Blues, mit denen sich das Dasein immer auflichtet, empfindet man beim jiddischen Tango die transformierende Zauberkraft der Musik.

„Noch Amul! – Tango oyf Yiddish Vol. 2“

Karsten Troykes

Oriente Musik RIENCD84

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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