Startseite · Konzert · Musikstadt

Musikstadt

Bratislava: Zwischen K.u.K. und Wurstfabrik

Eine ganze Riege bedeutender Komponisten und Musiker hat Bratislava vorzuweisen – das einzige Problem: Sie alle verließen die Stadt über kurz oder lang ins nahe gelegene Wien. Wer aber glaubt, die slowakische Hauptstadt führe nur ein musikaliches Schattendasein, der irrt. Denn neben Nationaltheater und zahlreichen Festivals gibt es immer noch (und wieder) allerhand Interessantes zu entdecken.

»Natürlich«, sagt Stefan, mein Gastgeber und Stadtführer, »wir standen und stehen immer ein bisschen im Schatten.« Neben Wien, immer noch so etwas wie die europäische Hauptstadt der Musik, hat es Bratislava nicht leicht. Die Hauptstadt der Slowakei, einst auch Ungarns, im deutschsprachigen Raum auch als Pressburg bekannt, hat eine wechselvolle Geschichte. Mal von Slawen erobert, dann Krönungsort ungarischer Könige und später Teil der k. u. k. Monarchie. Nach dem Krieg verschwand die Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, doch inzwischen zahlt man in Bratislava in Euro, und von Wien aus fahren Ausflugsschiffe die 65 Kilometer Donauabwärts, man radelt auf dem Donau-Radweg durch die Karpatenausläufer und an historisch bedeutenden Burgen vorbei in den einst so fernen Osten. Am Anfang des Bratislava-Besuchs steht freilich immer ein leichter Schock: Zwei gewaltige Plattenbausiedlungen hat der Sozialismus im Süden und Westen der Stadt hinterlassen. Im Grunde sind auch sie eine Sehenswürdigkeit, Geschichte, wie so vieles hier. Aber die Geschichte beginnt natürlich woanders, auf dem Hügel der alles überragenden (Press)- Burg und in der mittlerweile wundervoll restaurierten und lebendigen Altstadt – nicht Prag, aber geschlossener erhalten als Wien und zumindest im Sommer voller Touristen, die sich die barocken Adels- und Kirchenpaläste ansehen und die durchweg angenehme und bezahlbare Gastronomie genießen – nicht versäumen sollte man zumindest einen Blick ins »Café Roland « (am gleichnamigen Brunnen) mit seiner aufwendigen Jugendstil-Dekoration.
In der Nähe finden sich auch Zeugnisse des bedeutendsten musikalischen Sohnes der Stadt: Im Hof hinter einem liebevoll ausgestatteten Musikalienhandel in der Klobucnícka 2 lädt Johann Nepomuk Hummels Geburtshaus mit einer kleinen Ausstellung zu Leben und Werk ein. Was nicht ganz korrekt ist, denn in Wahrheit wurde Hummel in einem bis 1910 davor stehenden Haus geboren. Aber auch so gehören die biedermeierlich ausgestatteten Räume zum Pflichtprogramm des Musikreisenden. Bekanntermaßen zog es den Komponisten schon bald nach Wien zu Mozart, aber sein Andenken wird hier hochgehalten, auch mit einer Stele vor der deutschen Botschaft. Im Frühjahr kommen Interpreten und Forscher regelmäßig zum kleinen, aber feinen Hummel-Festival nach Bratislava, zu Konzerten und einem Symposium (www.hummel-festival.sk). Eine musikalische Familie ist ebenfalls mit Bratislava verbunden: Ernst von Dohnanyi wurde 1877 in Pressburg geboren. Und 1874 der Komponist, Cellist und Pianist Franz Schmidt, der in seiner Musik gewissermaßen das Abbild dieser Stadt suchte, die sich nämlich aus ungarischen, slawischen wie deutschen Quellen nährt.

Die Jazzszene groovt in den alten Mauern!

Einem weiteren musikalischen Sohn der Stadt ist ein eigenes Festival gewidmet: dem Gitarrenkomponisten und -virtuosen Johann Kaspar Mertz. Er war Zeitgenosse Hummels und begann seine Karriere schon mit 12 Jahren als Flöten- und Gitarrenlehrer. Später landete er – natürlich – in Wien, geschätzt als romantischer Compositeur und Bearbeiter von Schubertliedern für sein Instrument. Seit 34 Jahren gehört das ihm gewidmete Gitarrenfestival zum Kultursommer in Bratislava, üblicherweise findet es im Juni statt. Besonders rät mein Stadtführer aber zum Chorfestival Slovakia Cantat (www.choral-music.sk), das regelmäßig im April veranstaltet wird. Im Dezember letzten Jahres stand außerdem bei einer Konzertreihe der Gregorianische Choral im Mittelpunkt – dargeboten von Chören aus ganz Europa und selbst Fernost. Die reiche Festivalkultur findet dieses Jahr bei den Musikfestspielen im November und Dezember ihren Höhepunkt (www.bhsfestival.sk). Neben einheimischen Künstlern, die regelmäßig am Festival teilnehmen, kommen jedes Jahr auch ausländische Gäste. Das Programm besteht aus Werken der Klassik, der Moderne und des Jazz – und alle Konzerte finden im Spiegelsaal des Primatialpalais’ statt.
Hauptträger des Bühnenwesens der Stadt ist aber das Nationaltheater, das Schauspiel, Oper, Ballett und Konzert bislang auf einer Bühne vereinte – im repräsentativen Altbau am Kopf der Flanierstraße Hviezdoslavovo. Das eklektizistische Gebäude entstand zwischen 1911 und 1915 anstelle eines älteren Theaters, ist aber seit Langem zu klein für die zahlreichen Veranstaltungen. Deswegen wurde schon in sozialistischer Zeit ein Neubau beschlossen, der kürzlich fertiggestellt und seitdem bespielt wird. Das Alte Nationaltheater soll nun umfassend restauriert werden, im Moment aber ist nicht einmal ein Beginn der Arbeiten abzusehen, geschweige denn deren Ende: Aus akutem Geldmangel aufgrund der Wirtschaftskrise stocken selbst die Restaurierungsarbeiten an der Pressburg. Über die Architektur des Neuen Nationaltheaters gehen die Meinungen auseinander. Das Haus ist Teil eines neuen Viertels längs der Donau, öffnet sich in Richtung Fluss zu einem repräsentativen Platz hin – gleichzeitig zeigt aber der Bühnenbau der Stadtseite nur eine Funktionsfassade, wie sie auch eine Wurstfabrik haben könnte. Dafür bietet das Gebäude neben moderner Technik vor allem zwei etwa gleich große Säle, je einen für Konzert und Schauspiel sowie für Oper und Ballett. Das Programm reicht von Verdi, Mozart und Donizetti bis hin zur slawischen Nationaloper »Svätopluk« von Eugen Suchoň (Programm unter www.snd.sk). Noch im alten Haus debütierte 1963 Lucia Popp als Königin der Nacht, die in Bratislava geborene Edita Gruberova begann ihre Karriere mit derselben Rolle – allerdings in Wien. Zurzeit sind besonders zwei Mitglieder des Ensembles hörenswert: Lubica Vargicová und Eva Jenisova. Deren Madame Butterfly gilt Liebhabern als wunderbar ausgereift und klangschön, Vargicová ist besonders beeindruckend als Lucia di Lammermoor, als Violetta in »La traviata« oder auch als Regimentstochter.
Das hauptstädtische Musikleben beschränkt sich aber keineswegs nur auf die Großeinrichtung Nationaltheater. Nicht zu vergessen sind das Slowakische Philharmonieorchester (Orchester Slovenská filharmónia), der Slowakische Philharmoniechor und das Sinfonische Orchester des Slowakischen Rundfunks. Letzteres wurde 1929 gegründet und feiert derzeit sein 80-jähriges Jubiläum. Und dann noch die kleineren Ensembles: das Bohdan Warchal Kammerorchester, die Cappella Istropolitana – Kammerorchester der Stadt Bratislava, das Moyzes-Quartett, das Pressburger Quartett und das Kammermusikensemble Musica Aeterna.
Und: Die Jazzszene groovt in den alten Mauern! Da sind zum einen die Jazz Days sehr zu empfehlen, aber auch in einigen Jazzlokalen herrscht reger Betrieb: Erst kürzlich eröffnete die »Buddha-Bar«, ein gemütlicher Keller, der tagsüber vor allem von Studenten besucht wird, abends dann der Verbreitung des Nu Jazz dient. Etablierter sind das »Kút-Café« mit gemischtem Programm (auch Lesungen) und »Pasná Basta«, wo auch mal live Kaffeehausmusik aus k. u. k Zeiten zu Gehör gebracht wird. »Die Atmosphäre war früher noch liberaler«, berichtet mein Gewährsmann, der bei seiner deutschsprachigen Großmutter aufwuchs. »Da war es egal, ob man Deutscher, Osterreicher, Ungar, Slowake oder Jude war. Man war einfach Bürger von Bratislava.« Der Sozialismus habe so viel zerstört … Aber die Stadt ist aufgebrochen, wirtschaftlich und kulturell – und in der Tat mehr als nur einen Abstecher von Wien aus wert.

Matthias Reisner, RONDO Ausgabe 1 / 2010



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Paul van Nevel

Das polyphone Schatzkästchen

Als Katholik hätte Claude Le Jeune der berühmteste Komponist des 16. Jahrhunderts werden können. […]
zum Artikel »

Pasticcio

Abseitiges im Spotlight

Diese Courage muss man erst einmal besitzen: Im Vorfeld der diesjährigen Grammy-Verleihung hatte […]
zum Artikel »




Top