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Arcadi Volodos

Ich lasse viele Töne aus

Arcadi Volodos gilt als einer der großen Virtuosen der Gegenwart. Immer wieder hat er versucht, sich vom Image des schwefelsprühenden Teufelskerls zu distanzieren. Robert Fraunholzer sprach mit ihm über seine Zufallskarriere, zu brillante Flügel und die Frage, warum er keinen eigenen besitzt.

RONDO: Herr Volodos, Sie gelten als Perfektionist. Geben Sie deshalb so wenige Konzerte?

Arcadi Volodos: Ich mache mich rar, weil Frische und Spontaneität für mich das Wichtigste sind.

RONDO: Sie sind spät entdeckt worden. Glauben Sie, dass sich große Talente von selbst durchsetzen?

Volodos: Nein, es war immer schon alles Zufall. Auf meinem Platz könnte jetzt auch ein ganz anderer sitzen. Das geschah nicht, weil ich so ungewöhnlich talentiert bin. Meine Mutter hatte mich in eine Chorschule gegeben. Das Klavier war nur Zusatzfach. Ich habe dann eigentlich Dirigieren studiert. Als ich 15 war, ist der Wunsch in mir entstanden, Klavier zu spielen. Mit 16 habe ich dann erst eine Klavierschule besucht. Das war sehr spät – und sehr schwer.

RONDO: Also doch kein Zufall?

Volodos: Doch, denn ich habe nie große Mühen für meine Karriere auf mich genommen. Ich war – und bin – gegen Wettbewerbe. Deshalb zog ich ein Lehramt in Spanien vor. Dann hat mich zufällig ein Platten-Producer gehört. Wenn er das nicht getan hätte, wäre ich heute noch dort, wo ich damals war – ein Lehrer an einer Schule. Und zwar gerne.

RONDO: Sind Sie unzufrieden, wie es gekommen ist?

Volodos: Es war schwierig. Auf den ewigen Reisen nach Amerika, das ich nicht sehr liebe, fühlte ich mich ziemlich einsam und isoliert. Beim Konzert hatte ich das Gefühl, Kontakt zu den Zuhörern zu finden. Dann gehst du ins Hotel und fühlst dich allein. In Amerika in den vielen leeren Städten haben sie Straßen, auf denen es nicht einmal mehr Gehsteige gibt.

RONDO: Fühlen Sie sich heute weniger allein?

Volodos: Seit Jahren reise ich gemeinsam mit meiner Frau. Dadurch hat sich mein Leben komplett verändert. Zwei Monate im Jahr meide ich das Klavier sogar völlig. Dann gehe ich sehr viel in die Natur, auch um dort Landschaften und Vögel zu fotografieren.

RONDO: Finden Sie immer das Klavier, das Ihnen gefällt?

Volodos: Nein, das ist meist kompliziert. Für das Konzert, das auf meiner neuen CD zu hören sein wird, habe ich einen Flügel aus München geholt. Heutzutage klingen sehr viele Klaviere wie auf Brillanz getrimmt. Intime Farben sind nicht mehr so wichtig. Als ich vor zehn Jahren begonnen habe, waren sie weicher und singender im Ton. Mir gefallen die heutigen Klaviere weniger. Instrumente für Schubert und Ravel zu finden, wird immer schwerer.

RONDO: Weshalb reisen Sie nicht mit eigenem Konzertflügel?

Volodos: Ich besitze gar keinen. Zuhause in Paris habe ich ein normales Klavier.

RONDO: Sie besitzen keinen eigenen Flügel?

Volodos: Die Nachbarn würden mir aufs Dach steigen.

RONDO: Üben müssen Sie bekanntlich nicht ...

Volodos: Man glaubt immer, dass das Klavierspielen eine physische Fähigkeit ist. Dem ist aber nicht so. Warum hören Tennisspieler nach drei, vier Jahren auf, während Pianisten 80 Jahre lang spielen können? Weil Klavierspielen physisch gesehen nichts Schwieriges ist. Klavierspielen ist zu 90 Prozent eine mentale Bewegung.

RONDO: Wie lange haben Sie geübt, als Sie anfingen?

Volodos: Ich habe niemals sehr intensiv geübt. Ich habe eher improvisiert, also nur das gespielt, was mir Vergnügen machte, und dabei nicht auf die Uhr geschaut. Ich glaube wirklich, die vielen Übungen killen die Spontaneität.

RONDO: Lassen Sie – wie andere Pianisten mit eher kleinen Händen – manchmal Töne aus?

Volodos: Ich lasse im Konzert ebenso wie auf der CD viele Töne aus. Wie jeder professionelle Pianist.

RONDO: Wie bitte? Sind Pianisten streng genommen Falschspieler?

Volodos: Wer das Gegenteil behauptet, der lügt.

Neu erschienen:

Volodos In Vienna

Sony Classical

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2010



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