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Musik der Welt

Jenseits von Afrika

+ Mit sattem Wohlklang widmet der Italiener Marco Zurzolo seine neueste Aufnahme den Menschen »jenseits des Mittelmeers« + Salif Keïta weiß wovon er singt: Seine CD »La différence« macht den »feinen Unterschied« + Ali Farka Tourés letztes Album ist ein Schwanengesang von »fast jenseitiger Schönheit« +

»Was ist denn das? Das macht ja glücklich! Das ist Kindermusik«, meint meine fünfjährige Tochter Seraphina und fängt gleich das Tanzen an, während ich noch sinniere, wie ich die behaglich wiegenden Rhythmen, den satten Wohlklang, den fast ohrschmeichelnden Klangfarbenreichtum und die, ja, Sandmännchen-taugliche Melodik von »Migranti« der Marco Zurzolo Band (Egea/SunnyMoon SCA 141) in Worte fassen soll. Ja, was ist es denn, was dieser Neapolitaner komponiert und mit unverstellter Emotionalität auf Sopran- und Altsax bläst (oder sollten wir sagen: singt?). Nennen wir es imaginären Folk Jazz, bei dem sich Melodik unverkennbar italienischer Prägung mit Elementen afrikanischer Musik auf höchst poetische Weise zu einem erstaunlich homogenen Opus verbindet, und dies in einer scheinbaren Simplizität, der auch Kinder »auf den Leim« gehen. Gewidmet hat er sie all jenen, die »am anderen Ufer des Mittelmeers ein würdevolles Leben suchen«, insbesondere den afrikanischen Emigranten. Das Thema hätte so manch Anderen zu bitteren, tragischen Klängen verleitet. Doch Zurzolo geht es weniger um Politik. Er baut Brücken und bringt dabei – darauf verweist der Untertitel »Un mare di sogni« (»Ein Meer von Träumen«) – das Prinzip Hoffnung zu Gehör, in einer Musik, die behaglich klingt und in ihrer Mischung doch so bunt ist wie die Menschen, die am Rande italienischer Großstädte leben.
»I am black, my skin is white and I like it.« Mit diesen Worten beginnt der Titelsong von »La différence« (Emarcy/Universal 8824026) des malischen Sängers Salif Keïta. Das Schicksal, als afrikanischer Albino geboren zu sein, überschreitet unsere Vorstellungskraft. Da im ländlichen Mali der Aberglauben herrscht, Albinos brächten Unglück, wurde er wie ein Paria ausgegrenzt. Trotzdem gelang es Salif Keïta zum musikalischen Botschafter seines Landes, ja zum Stolz seiner Nation zu werden. Sicherlich ging dies nicht ohne Verwestlichung, ja eine gelegentliche Verwässerung der so reichen malischen Musikkulturen unter Einfluss der Popmusik. Doch man müsste taub sein, die menschliche Tiefe seines Gesangs oder die starke Musikerpersönlichkeit Keïtas zu überhören, dessen Musik auch in einem vergleichsweise kommerziellen Umfeld von einer inneren, schöpferischen Notwendigkeit zeugt und stets zu rühren vermag. Auch setzt er mit »La différence« den in den letzten Alben eingeschlagenen Weg überwiegend akustischer Musik fort. In diesem dezidiert politischen Album sorgt er für viel Abwechslung, etwa indem er gelegentlich ein Orchester aus Beirut oder eine Jazzgröße wie den Gitarristen Bill Frisell einsetzt.

Zutiefst herzerwärmend, akustisch und (sofern einem Europäer so ein Urteil überhaupt zusteht) noch näher bei den Wurzeln ist »Ali and Toumani« (World Circuit/Indigo 943572), ein auf Sparflamme kochendes, kammermusikalisches Kleinod zweier großer Meister aus Mali in beglückender Zwiesprache. Der Kora-Virtuose Toumani Diabaté hatte bereits 2005 mit dem Gitarristen und Sänger Ali Farka Touré das mit dem Grammy ausgezeichnete Album »In the Heart of the Moon« aufgenommen, als er spürte, dass beide noch mehr, vielleicht auch Besseres, Vollkommeneres, Weiseres zu geben hätten. Touré war bereits todkrank und Diabaté dachte an ein persönliches Album mit privatem Charakter, eine Art Vermächtnis für die Hinterbliebenen. Als sie einige Konzerte in Europa gegeben hatten und die beiden Musiker immer mehr zu einer gleichzeitig fühlenden und denkenden musikalischen Einheit herangewachsen waren, überraschte Diabaté seinen älteren Freund mit einer erneuten CD-Aufnahme. Sie entstand in einem Londoner Studio, und doch hat man das Gefühl, bei intimen Dialogen in entspannter Wohnzimmer-Atmosphäre lauschen zu dürfen. Es heißt, dass Sterbende ihr Leben Revue passieren sehen. Touré mag gespürt haben, dass dies sein Schwanengesang sein würde und wählte spontan Lieder, die in seinem Leben besondere Bedeutung hatten, zum Beispiel »Sina mory«, den allerersten Song, den er auf einer Gitarre hörte und der ihn inspirierte, Gitarre zu erlernen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: »Wenn der Tod kommt, möge er dich lebend vorfinden.« Ein Album von fast jenseitiger Schönheit!

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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