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Musik-Krimi

Folge 1: Doktor Stradivari und der Tod bei der „Mondscheinsonate“. Von Oliver Buslau

Als Doktor Stradivari an Thiebold Aurichs Haus ankam, wimmelte es von Polizisten. Hauptkommissar Reuter holte den Doktor an der Absperrung ab. „Gut, dass Sie kommen konnten“, sagte er. „Wir brauchen Ihre Hilfe.“ Sie gingen ins Haus. Thiebold Aurich, ein international renommierter Pianist, saß an seinem Flügel. Sein Kopf war nach vorne gesunken. Ein langes Messer ragte aus seinem Rücken.
„Der Täter ist wohl durch die Terrassentür gekommen“, sagte Reuter. „Sie war offen.“ Doktor Stradivari sah sich die Noten genauer an, die auf dem Halter lagen. Es war Beethovens Klaviersonate op. 27 Nr. 2, die berühmte „Mondschein- Sonate“. Aufgeschlagen war der dritte Satz, das „Presto agitato“. „Erste Untersuchungen haben gezeigt, dass es keine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe gibt“, sagte Reuter. Da war plötzlich eine helle Frauenstimme von draußen zu hören: „Lassen Sie mich los.“ Und ein Mann rief noch lauter: „Ich muss doch sehr bitten.“ Der Kripobeamte und Stradivari gingen in den Flur. Polizisten führten zwei Personen herein. Die Frau war blond und sehr hübsch, der Mann mit grauem Bart und deutlich älter als sie. „Darf ich vorstellen?“, sagte Reuter. „Das Ehepaar Vollrath aus der Nachbarschaft. Wir haben ermittelt, dass Frau Vollrath ein Verhältnis mit Herrn Aurich hatte und dass ihr Mann ihm deswegen Gewalt angedroht hat.“ „Das ist Unsinn“, ereiferte sich die Frau. „Mein Mann ist unschuldig.“ „Und wo waren Sie vor zwei Stunden, als Aurich getötet wurde?“, fragte Reuter Vollrath. Seine Frau antwortete: „Wir waren zuhause. Das kann ich bezeugen.“ „Es stimmt“, meldete sich jetzt Herr Vollrath zu Wort. „Aurich und ich haben uns wieder vertragen. Er ist ein so bedeutender Künstler … Man muss ihm einiges durchgehen lassen. Wie es der Zufall will, haben wir vorhin wieder eine Aufnahme von ihm gehört, von der wir gar nicht genug bekommen können. Die Beethoven-Sonaten Opus 10. Herrlich!“ Seine Stimme wurde schwärmerisch. „Schon dieser melancholische Anfang der ersten Sonate. Tieftraurig und doch voller Hoffnung. Einfach ergreifend. Ich könnte niemals jemanden töten, der so großartig Musik macht.“ Stradivari kannte die Aufnahme, von der Vollrath sprach. Sie war vor kurzem erschienen und hatte beste Kritiken erhalten. Frau Vollrath sah erst Reuter, dann Doktor Stradivari an. „Bitte glauben Sie uns“, bat sie jammernd. „Mein Mann war es nicht.“ „Das kann ich letztlich nicht beurteilen“, sagte Doktor Stradivari langsam. „Aber ich bin ziemlich sicher, dass Sie ihm ein falsches Alibi gegeben haben.“
www.oliverbuslau.de

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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