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Neue Bücher zum Chopin-Jahr

Der Pole mit den Samtfingern

Nach wie vor ist unser Chopin-Bild von Mythen und Vorurteilen umrankt. Der vor 200 Jahren geborene Pole gilt uns als Inbegriff eines erzromantischen Komponisten und Pariser Salonvirtuosen. Wie viel Dichtung und wie viel Wahrheit in diesen Klischees steckt, versuchen drei sehr unterschiedliche neue Biografien zu lüften, die sich RONDO-Autor Guido Fischer einmal genauer angesehen hat.

Wer eine Biografie auf wasserdichter Grundlage schreiben will, kann gleich zu Beginn schon mal in Erklärungsnöte geraten. Wie im Fall Frédéric Chopins, für dessen exakten Geburtstag keine Beweise, sondern nur manche Indizien vorliegen. Dementsprechend unterschiedlich sind daher auch die drei Chopin-Biografen und ihre Verlage mit diesem nebulösen Sachverhalt umgegangen. Der polnische Musikwissenschaftler und Chopin-Forscher Mieczysław Tomaszewski lässt sich in seiner opulent aufgemachten Lebensbeschreibung in Bildern auf diese Diskussion erst gar nicht ein. Ihm reicht als erstes Dokument von der Existenz Chopins der Abdruck seiner Taufurkunde vom 23. April 1810. Bei den dickleibigen Chopin-Betrachtungen von Adam Zamoyski und Eva Gesine Baur haben dagegen die Presseabteilungen einfach mal das Heft in die Hand genommen und eindeutig Position bezogen. Obwohl Zamoyski sich bei den zur Wahl stehenden zwei Geburtsdaten nicht festlegen will, entschied sich sein Verlag bei der Ankündigung des Buches für den 22. Februar, während es bei Baur der 1. März ist. So sehr Chopins genauer Start ins Leben wohl ein Rätsel bleiben wird, so uneins ist sich inzwischen die Forschungsgemeinde auch über die Krankheit, an der der zarte Pole 1849 schließlich starb. So stellt Baur in ihrem Abschlusskapitel der alten These vom Tuberkulosekranken Chopin neueste Vermutungen entgegen, wonach er an der angeborenen Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose litt. Zwischen diesen beiden Fragezeichen bieten die 39 Lebensjahre von Chopin dennoch ausreichend Stoff, um damit Menschen und Künstler zu porträtieren, der wie kein Zweiter für viele das Sehnsüchtige verkörperte. Und JAHRbesonders Adam Zamoyski und Eva Gesine Baur haben sich für ihre Annäherungen knietief in die Archive vorgewagt und Zeitzeugen-Berichte durchforstet, um weitverbreitete Klischeebilder ein wenig zurecht zu rücken.
Vom Stil her wählen Zamoyski und Baur für ihre belletristischen Chroniken zwei unterschiedliche Wege. In seinen Rückbetrachtungen lenkt Zamoyski immer wieder dezent den Blick auf kompositorische Fragen, mit denen er Chopin zum kühnen Erneuerer der musikalischen Sprache überhöhen will (Robert-Schumann-Apologeten hätten wohl eine ganz eigene Meinung dazu!). Auch Baur weist zwar auf die dissonanten Sprengsätze hin, die aus dem Salonliebling Chopin einen visionären Revolutionär werden lassen. Ansonsten will Baurs in historischem Präsens gehaltene Biografie ein lückenloser Spiegel von Chopins Zeit sein, seiner einzelnen Stationen und Lebensumstände. Von dem im Luxus schwelgenden Paris etwa, das Chopin magisch anzog und nicht nur seine kostspielige Garderobe mitbestimmte. Minutiös werden Chopins diverse Wohnungen in Augenschein genommen. Diese Akribie mag Hand und Fuß haben. Gepaart mit einer Detailverliebtheit, was die Beschreibung enger und entfernter Freunde und Weggefährten angeht, nimmt dieses Chopin-Panorama aber bisweilen jene überbordend barocken Züge an, die Chopin bei Berlioz, aber auch bei den Kunstwerken von Rubens und Michelangelo so abstieß.
Adam Zamoyski zeichnet dagegen Chopins Karriereweg und seine Persönlichkeit entspannter ab – und kommt dabei, bis auf einige unbedeutende Ausnahmen, zu nahezu identischen Ergebnissen und Schlussfolgerungen wie Baur. Chopin war im Grunde ein durch und durch menschenscheuer Mann, der Konzerte vor großem Publikum nur mit Widerwillen gab, andererseits hatte er einen Schlag bei den Frauen (auf die er eher platonisch reagierte). In vertrauter Runde konnte er regelrecht zum Spaßvogel werden, wenn er Pianistenkollegen parodierte und imitierte. Natürlich kommt in beiden Bänden ausführlich Chopins Liaison mit George Sand zu Wort, und beide beleuchten natürlich auch sein Verhältnis zu den musikalischen Hausgöttern Bach und Mozart sowie seine Schwärmereien für inspirierende Belcanto-Opern. In einem gänzlich neuen Licht präsentiert sich Chopin dabei nicht.
Die speziell von Baur durchgehaltene Distanzierung zu Chopins Schaffen lässt zwar umso stärker den dünnhäutigen Polen in den Mittelpunkt treten, der sich stets in der Geborgenheit einzurichten versuchte. Warum er aber die in ihm schlummernde Sehnsucht nach seiner alten Heimat nicht stillte, indem er einfach wieder zurückkehrte, bleibt unerläutert. Und der Hinweis, dass Chopin später die Eltern nur ein einziges Mal wiedergetroffen hat, in Karlsbad nämlich, ist so lediglich eine Randnotiz, über die Baur nicht weiter spekulieren will. Das große Thema »Sehnsucht«, das im Untertitel von Baurs Buch angekündigt wird, bleibt so kurioserweise eine Leerstelle. Im Grunde wird es nur da spannend, wo das scheinbar Konflikthafte im Leben des Komponisten und Interpreten Chopin ein wenig Kontur bekommt.
Obwohl Chopin gerade mal 1,70 Meter groß war, knapp 50 Kilo wog und das Klavier mit kleinem Ton und »Samtfingern« (Sand) zu spielen pflegte, hat er unzählige Klavierstücke von Polonaisen bis zu den Balladen hinterlassen, die ein einziger Überschwang des Herzens sind. Dass dieses körperliche Leichtgewicht zudem mit seinen Etüden den »technischen, den musikalischen, aber auch den gesellschaftlichen Rahmen sprengte«, ist eine betrachtungswürdige und ausbaufähige Überlegung – die jedoch nicht von der Großbiografin Baur stammt, sondern schon 1985 vom hellhörigen Musikschriftsteller Dieter Hildebrandt angestellt wurde. So bleibt nach zwei Biografien und fast 1.000 Seiten doch wieder nur ein Chopin-Bild zurück, mit dem Adam Zamoyski schließt und dabei George Sands Tochter Solange sprechen lässt: »Liegt es daran, dass sein Leben eine neununddreißig Jahre währende Agonie war, dass seine Musik so erhaben, so lieblich, so entrückt war?«
Handfestes Augenfutter, aber auch einen Schlüssel zu der musikalischen Gedankenwelt Chopins bietet dagegen Mieczysław Tomaszewskis Band »Chopin – Ein Leben in Bildern«. Und anhand von exzellenten Reproduktionen, von Stichen, Gemälden und Noten sowie aktuellen Fotografien etwa vom Landgut in Nohant macht man mehr als nur eine Zeitreise mit. Ohne falsche Emphase und ohne Hang zum Dramatischen zeichnet Tomaszewski einen Lebensweg nach, der schließlich überaus pathetisch endete. Chopins Körper fand die letzte Ruhe auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Chopins Herz dagegen soll, eingelegt in Cognac, in der Warschauer Heiligenkreuzkirche eingemauert sein.

Mieczysław Tomaszewski: Chopin - Ein Leben in Bildern

Schott

Adam Zamoyski: Chopin - der Poet

Edition Elke Heidenreich

Eva Gesine Baur: Chopin oder die Sehnsucht

C.H. Beck

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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