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Retro-Diskothek

»O, hätt’ ich meiner Tochter nur geglaubt ... (Dideldum-bumm) O, hätt’ ich meiner Tochter nur geglaubt ...« Wolfgang Sawallischs 1956 in London entstandene Einspielung von Carl Orffs einaktiger Märchenoper »Die Kluge« gehörte auf LP lange zur Grundausstattung gymnasialer Musik-Vorbereitungsräume, und Generationen von Schülern haben den oben zitierten prägnanten Klagegesang des unglücklichen, im königlichen Kerker inhaftierten Bauern wohl in der unnachahmlichen Interpretation von Gottlob Frick zu hören bekommen. Nun gibt es die fabelhaft charakteristische Aufnahme, an der außerdem Elisabeth Schwarzkopf, Marcel Cordes, Hermann Prey und weitere Größen der Vergangenheit beteiligt sind, auf einer kleinen Silberscheibe im praktischen Doppelpack mit der 1957 verwirklichten Einspielung von Orffs »Der Mond« – ebenfalls unter Sawallisch, mit Hans Hotter, Karl Schmitt-Walter, Paul Kuén und Anderen. Ein Textbuch bietet die günstige Box freilich nicht, wodurch aber keinerlei Nachteile entstehen: Jedes Wort dieser ebenso skurrilen wie fesselnden Bühnenklassiker ist unmittelbar verständlich.

Carl Orff

Der Mond, die Kluge

EMI

Tief in die Partituren der großen Sinfoniker versenkt verbrachte der Dirigent Günter Wand einen großen Teil seiner Zeit. Die Früchte der entbehrungsreichen Studien dieses bescheidenen Mannes mit dem Wuppertaler Akzent haben viele von uns noch live erlebt. Glücklicherweise zeugen aber auch eine Menge Tondokumente von seinem Können. Da Wand sich nie in den Vordergrund drängte, erklomm er so manches Dirigentenpult erst in einem Alter, in dem Andere schon über einen Umzug ins Altersheim nachdenken. Auch das DSO, das »Deutsche Symphonie-Orchester Berlin«, dirigierte Wand zum ersten Mal im Frühjahr 1983 – mit 71 Jahren. Zehn Jahre später (!) ernannte der Klangkörper ihn zum ersten Gastdirigenten – und da legte der alte Herr erst so richtig los: Die meisten der hier auf acht CDs versammelten Liveproduktionen entstanden in den Jahren 1993 bis 1996. Edle Versionen unter anderem von Schumanns Vierter, Bruckners Fünfter und Neunter sowie Brahms’ Erster und Vierter künden von der ungebrochenen Schaffenskraft dieses faszinierenden Mannes.

Günter Wand: Die DSO-Aufnahmen

Hänssler Profil/Naxos

Nicht ganz so spät wie Günter Wand gelangte sein nicht minder bescheidener Zeitgenosse Rafael Kubelík zu angemessener Popularität: Ein Vierteljahrhundert (1960–1985) als Chef- und Gastdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beschäftigt, konnte er eine Reihe von weithin anerkannten Schallplatten für die »Deutsche Grammophon« einspielen. Bis heute sehr geschätzt ist etwa seine Gesamtaufnahme der Sinfonien von Gustav Mahler. Allerdings wurde Kubelík seinen Bayern regelmäßig untreu: Auch die Berliner Philharmoniker spielten gern unter seiner Leitung, und auch hier waren die Produzenten des Gelblabels zur Stelle. 1963 und 1964 gelangten in Berlin alle vier Sinfonien Robert Schumanns auf Vinyl – damals eine Überraschung für Kubelík-Fans, denn Schumanns Musik war bis dato eher ein Randbereich seines Repertoires gewesen. Dass ihm dennoch sofort eine unvergleichlich schöne Referenzeinspielung gelang, belegt seine hohe künstlerische Potenz. DG bringt nun Kubelíks Schumann zum Jubiläumsjahr des Komponisten auf zwei CDs in der Reihe »The Originals« heraus.

Robert Schumann

Die vier Sinfonien

Berliner Philharmoniker, Rafael Kubelik

DG/Universal

Wer kann, der kann: Eigentlich war der 1910 in London geborene Harry Blech von Haus aus Geiger, und als solcher musizierte er in jungen Jahren im Hallé Orchestra und im BBC Symphony Orchestra. Allerdings reizte ihn schon immer auch das Dirigieren, und so gründete er im Jahre 1949 kurzerhand sein eigenes Kammerorchester, die »London Mozart Players«. Später baute das bis heute existierende Ensemble mit Gastdirigenten wie John Eliot Gardiner, Roger Norrington oder Charles Mackerras seine Nähe zu einer historisierenden Musizierpraxis weiter aus. Doch schon in den Fünfzigerjahren klangen die LMPs ungemein durchsichtig, klar und vibratoarm, was die hier auf drei CDs versammelten wahrhaft begnadeten Mozartproduktionen eindrucksvoll belegen. Und so glauben wir ohne Weiteres der Witwe des 1999 verstorbenen Blech, die zum Beiheft dieser CD ein Grußwort lieferte: »Harry himself had an incredible musical instinct which, together with his charismatic if somewhat volatile personality and wicked sense of humour, seemed to inspire all those who played under his baton.«

London Mozart Players: Complete HMV Stereo Recordings

First Hand Records/harmonia mundi

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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