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Musikstadt

Istanbul: Entführung in das Serail

»Die Menschen in Istanbul hören Musik so, wie andere Leute essen. Sie kaufen Musik, wie andere Leute Brot vom Bäcker kaufen. Die Musiker dort haben eine Leidenschaft, die es hier viel seltener und mehr im Untergrund gibt«, sagt der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin. Jörg Königsdorf besuchte die Stadt am Bosporus, Grenze und Brücke zwischen Orient und Okzident. Bei der Eröffnungsfeier »Istanbul 2010« war allerdings von klassischer Musik nicht viel zu hören. Gott sei Dank gibt es private Initiativen, die vormachen, was man von einer europäischen Kulturhauptstadt erwarten darf.

Der Auftakt ist nicht gerade verheißungsvoll: Ganze fünf Minuten Musik haben die Macher der Eröffnungsfeier von »Istanbul 2010« der klassischen Musik zugedacht. Hier ein paar Takte Verdi-Requiem zwischen Schlagerschnulzen und Pseudofolklore gezwängt, dort ein Schnipselchen »Entführung « als Luxusrahmen für die Festreden der Regierenden und zum Abschluss ein kurz aufglimmender Götterfunke aus Beethovens Neunter als Initialzündung auf das Eröffnungsfeuerwerk. Wer sich von dem opulenten, landesweit übertragenen Festakt einen Impuls für die Auseinandersetzung mit der westlichen Hochkultur erhofft hatte, wurde von Istanbuls Start in das Jahr als europäische Kulturhauptstadt jedenfalls enttäuscht. Doch hat die 18-Millionen-Metropole am Bosporus in Sachen Klassik wirklich so wenig zu bieten, wie es den Anschein hat?
Auch der Blick in die dickleibige Veranstaltungsbroschüre zum Kulturhauptstadtjahr, das immerhin einige Millionen Touristen mehr ans Goldene Horn locken soll, hilft nicht weiter: Die Namen der international bekannten türkischen Klassikkünstler wie Idil Biret und Fazil Say fehlen, und während der traditionellen islamischen Musik etliche interessante Projekte gewidmet sind, wird die lange Beziehung, die Istanbul mit der westlichen Musik verbindet, weitgehend ignoriert. Dabei hätte Istanbul natürlich auch in dieser Hinsicht einiges zu bieten: Eine Tradition der Auseinandersetzung mit europäischer Musik, die bis ins Jahr 1543 zurückreicht, als der französische König Franz I. dem Sultan eine Truppe Musiker mit den neuesten Gaillarden und Passacaglien im Gepäck als Kulturbotschafter schickte. Oder auch türkische Komponisten, Sänger und Dirigenten, die hier seit den Zwanzigerjahren eine Musikszene nach europäischem Vorbild aufbauten, Operetten, Konzerte und Sinfonien schrieben – von den Einflüssen der klassischen türkischen Musik auf Mozart, Beethoven und Co. einmal ganz zu schweigen.
Dass die Erforschung solcher Bezüge auf der kulturpolitischen Prioritätenliste ziemlich weit unten steht, dürfte spätestens nach der Eröffnungsfeier klar geworden sein – und in gewisser Weise kann man das sogar verstehen. Angesichts einer ebenso riesigen wie verfallsbedrohten historischen Bausubstanz dürfte die Stadt erstmal andere Probleme haben. Gerade erst hat man Reste historischer Hafenanlagen entdeckt, die beweisen, dass es hier schon vor 9.000 Jahren eine städtische Siedlung gab. Vielleicht ist das Problem dieser Stadt einfach, dass sie viel mehr Erbe hat, als sie verkraften kann.
Zu dem peinlichen Auftakt passt, dass das Atatürk Center am quirligen Taksim-Platz, in dem seit 1977 die Istanbuler Staatsoper logiert, ausgerechnet zum Kulturhauptstadtjahr dicht ist. Oper gibt es derzeit nur im Ausweichquartier, einem hübschen, aber mit gut 500 Plätzen eindeutig zu kleinen alten Theater auf dem asiatischen Ufer. Immerhin taucht das Atatürk Center mit seiner markanten Sixties-Fassade als herausragendes Beispiel moderner türkischer Architektur auf der Liste der Denkmäler auf, die mit Mitteln aus dem Kulturjahr-Fonds saniert werden sollen. Nachdem zuerst sogar ein Abriss erwogen worden war, dürfen die türkischen Opernfans nun wenigstens langfristig profitieren und können hoffen, dass ihr Haus nach der Renovierung vielleicht auch in neuem künstlerischen Glanz strahlen wird.

Die Begegnung verschiedenster Musik, aber auch von Orient und Okzident ist hier Programmprinzip

Doch wer nach Anzeichen für eine vitale Klassikszene sucht, wird ohnehin nicht bei den dahindümpelnden staatlichen Institutionen fündig, sondern eher bei privaten Mäzenen. Bei der Akbank zum Beispiel, die seit 1992 ein Kammerorchester unterhält und nicht nur Geld für internationale Solisten bereitstellt – in den letzten Konzerten beispielsweise Natalia Gutman, Håkan Hardenberger und Evelyn Glennie –, sondern dem Chefdirigenten Cem Mansur auch freie Hand für die Planung ehrgeiziger Programme lässt. Beim letzten Konzert hätten Werke von Takemitsu, Walton, Corigliano und Rota auf dem Programm gestanden, erklärt Mansur stolz, »im Gegensatz zu manchen Metropolen Zentraleuropas bringt das Publikum hier keine feste Erwartungshaltung mit, wie ein klassisches Konzert auszusehen hat. Und wenn wir etwas spielen, was für die Leute erstmal seltsam klingt, greife ich eben zum Mikrofon und erkläre ihnen, warum das Stück so sein muss.« Mansur ist gebürtiger Istanbuler und hat selbst lange das Opernorchester geleitet. Die Gründung des Istanbul Festivals 1973, beschreibt er, sei eine Art Startschuss gewesen, der langsam auch das private Mäzenatentum in Gang gebracht habe. Mit dem Resultat, dass die Stadt heute neben den Konzerten der Akbank – die zusätzlich auch noch Initiativen wie ein Alte-Musik- Festival finanziert – mit dem Borusan Philharmonic Orchestra sogar über ein privates Sinfonieorchester verfügt. Und zwar eins, das gerade dabei ist, sich international einen Namen zu machen: Eben hat die Formation beim Label Onyx seine erste CD mit Werken von Respighi, Hindemith und Florent Schmitt herausgebracht, und im Sommer dürfen die Borusans mit ihrem jungen Chefdirigenten, dem charismatischen Wiener Sascha Goetzel, sogar die Salzburger Festspiele eröffnen. Wenn die Türken schon nicht Wien erobern konnten, versuchen sie’s jetzt wenigstens mit Salzburg.
Tatsächlich könnte sich mancher europäische Konzern eine Scheibe von dem Engagement abschneiden, das der türkische Rohrbaukonzern in Sachen Klassikförderung an den Tag legt. Statt auf Stars und Festivals zu setzen, haben Konzernchef Ahmet Kocabiyik und seine Schwester Zeynep Hamedi so sinnvolle Einrichtungen wie eine kostenlose, frei zugängliche Musikbibliothek, 180 Auslandsstipendien für junge türkische Musiker und einen Kinderchor geschaffen. Auch das Orchester gehört in diese Reihe: Statt sich Profis aus den USA und Russland zusammenzukaufen, setzt man hier auf eine Aufbauarbeit mit fast ausschließlich türkischen Musikern – harter Kern der Rohrbau-Philharmoniker ist übrigens das bis heute einzige reguläre türkische Streichquartett. Und sollte es wirklich Zufall sein, dass die Borusans ausgerechnet parallel zu den Eröffnungsfeiern des Kulturhauptstadtjahrs der Stadt ein Gebäude geschenkt haben, das sich sehr schnell zum Mittelpunkt einer innovativen Klassikszene entwickeln dürfte? Das siebenstöckige Music House in einem blitzblitzblank renovierten Jugendstilbau im »europäischen« Stadtteil Beyoglu beherbergt nicht nur einen kleinen Konzertsaal und Ausstellungsplatz für zeitgenössische Kunst, sondern auch Übungsräume für Musiker. Das Programm der Eröffnungsmonate ist jedenfalls vielversprechend und sieht fast aus wie aus dem ECM-Katalog: Barock und Zeitgenössisches trifft auf Jazz made in Istanbul, türkische Percussion-Ensembles und traditionelle Harfenmusik – die Begegnung verschiedenster Musik, aber auch von Orient und Okzident ist hier Programmprinzip. Und ist es nicht gerade das, was man von einer Kulturhauptstadt erwartet?

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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