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Berlin, Konzerthaus

„Beethovenmarathon“

Die in grellen popkommerziellen Farben gepinselte Reklame für den ersten Berliner Beethoven-Marathon im Konzerthaus am 10. November 2012 ließ mich ein ranschmeißerisches Potpourri des Allbekannten erwarten, das nur zu bald das müde Elendsgefühl ungesunder Überfütterung erzeugen könnte.
Aber weit gefehlt! Die eindrucksvoll durchdachte Dramaturgie umging die abgegrasten Stellen im OEuvre Beethovens mit einigem Mut und präsentierte uns das große Panorama seiner Schaffensphasen aus teilweise abenteuerlichen Blickwinkeln. Wer diesem langen, von 11 bis 23 Uhr währenden Parcours folgte, bewegte sich kaum im Schatten des Erhabenen, Kanonisierten. Die Gipfel der „Eroica“, der „Fünften“ oder „Neunten“ kamen nicht in den Blick. Unter den großen Solokonzerten lag allein das Violinkonzert am Wege, das Isabelle Faust in einer abweisenden Froststarre porträtierte, die mich erschaudern ließ, aber allgemein akklamiert wurde. Die Königsgattung Streichquartett war mit einem etwas uninspiriert heruntergemuckten op. 131 abgetan, die nicht minder schaffensprägende Klaviersonate lag in den Händen von Klavierstudenten.
Die eigentlichen Wunder warteten an entlegeneren Orten. Die Kammerakademie Potsdam begann mit einer fulminanten, bis ins letzte unter Spannung gesetzten „Ersten“, und mit der Konzertarie „Ah, perfido“ op. 65, von Maria Bengtsson mit umwerfender mezzavoce- Kultur hingelegt, war dann ein Niveau- Hochplateau erreicht, auf dem noch das abseitigste Opus zu glänzen begann.
Die Palme verdienten in meinen Augen Markus Becker und Alban Gerhard, die in zwei Programmblöcken frühe und späte Cellosonaten mit einem ruppig-spontanen Schwung kollidieren ließen und in der Fuge des op. 102/2 wirklich vulkanische Energien freisetzten, die auch nach 10 Stunden jede Ermüdung wegfegten. Könnte man besser beweisen, dass diese Musik, auf solchem Niveau erkundet, uns ohne jedes billige Event-Beiwerk durch den langen Tag tragen kann? Dessen Ende konnte man regelrecht betrauern, waren doch noch 4 Klavierkonzerte, 5 Sinfonien, 11 Violinsonaten und 15 Streichquartette „übrig“ geblieben. Genug für eine Fortsetzung …

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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