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Anne-Sophie Mutter

Lieben Sie Brahms?

Mozart, Mendelssohn und jetzt Brahms: Anne- Sophie Mutter macht sich daran, die vor vielen Jahren aufgenommenen Werke noch einmal einzuspielen. Hat sie etwas Neues zu sagen? Was treibt sie an? Christoph Braun traf die Über-Mutter in München und sprach mit ihr über historische Aufführungspraxis, Karajans Klangästhetik und ihre Ratschläge für die jüngere Geigergeneration.

Souveränität demonstriert Anne-Sophie Mutter wieder einmal gegenüber der Rotationsmaschine des Klassikmarktes. Mag alle Welt dieses Jahr Schumann feiern – sie veröffentlicht Brahms-Sonaten. Bereits 1981 spielte sie die Trias ein, mit Alexis Weissenberg. Jetzt, 29 Jahre später, begleitet sie ihr langjähriger Mitstreiter Lambert Orkis. Äußerlich fällt auf: die 18- Jährige ging im Tempo stürmischer zu Werke. Mit ihrer Aufnahme widerspricht sie aber auch dem beliebten Brahmsklischee, das den Komponisten schon zu Lebzeiten nur als wohlfeilen Seelentröster sah. Und das ihm – Genie hin oder her – eine »normale« bürgerliche Existenz, frei von Skandalen, andichten mochte. Da winkt Anne-Sophie Mutter nur ab: Normalität gibt es für Künstler, erst recht für Komponisten, nicht. Und führt zur Bestätigung – mit voller Bewunderung – Sir André Previn, ihren Ex-Ehemann, sowie Witold Lutosławski und Sofia Gubaidulina an, deren kompositorisches Ringen die Beteiligten restlos absorbiere. Im Übrigen habe sich Brahms gerade in seinen Violinsonaten bei aller biografischen Verankerung immer auch von rein künstlerischen Überlegungen leiten lassen. Die bewusst konträre Gestaltung der Trias: licht-hoffnungsvoll, schicksalhaft- trauernd und männlich-eruptiv, zeige dies. Vom Interpreten aber erfordert dies eine fein abgestufte Klangfarbenpalette, mithin differenzierteste Bogenführung und Vibrato-Intensitäten – bis hin zum radikalen Non-Vibrato.
Was hätte Herbert von Karajan, ihr ehemaliger Mentor, dazu gemeint? Natürlich sei dessen auf Schönheit gerichtete Klangästhetik – auch – eine zeitbedingte. Und die Behandlung des Orchesters als Samtvorhang, vor dem der Solist brillieren kann, sehr repertoiregebunden (wie man unschwer am Vergleich ihrer Mozartaufnahmen von 1978 und 2006 feststellen kann). Dennoch: Anne-Sophie Mutter bewundert Karajan nach wie vor, rückhaltlos, mehr noch: Zunehmend vermisse sie dessen zeitlose Kunst, große musikalische Zusammenhänge zu gestalten. Und der »Anti-Begriff« zu Karajan: historische Aufführungspraxis? Von ihr hat die Geigerin vielfältiges Artikulieren gelernt. Jedoch: Musik als mumifizierte Historie zu betrachten, lehnt sie strikt ab. Vielmehr gelte es, die Urtexte (die es früher noch nicht gab) mit möglichst vielen individuellen Klangfarben zum Leben zu erwecken. Selbst Sir Roger Norrington sei durchaus kein Sakrileg für sie – trotz seiner (vibratofreien) Klangästhetik. In den Achtzigerjahren, in Tanglewood, habe sie gerade mit ihm eines ihrer spannendsten Konzerte bestritten: Seine Orchesterbehandlung war derart aufregend, sprechend, dass die Karajanschülerin kaum noch wusste, wie sie ihren Solopart einbringen sollte.
Dasselbe Problem, wenn auch mit ganz anderen Vorzeichen, beobachtet sie heute an vielen jüngeren Kollegen und Kolleginnen, die sich zu sehr auf Glätte und ins Auge stechende Schönheit eingeschworen hätten: Es fehle ihnen der individuelle Ausdruck. So sehr ihr jenes »Über- Mutter«-Kompliment auch schmeichele (»Wäre schön, wenn das mit der ›Über-Mutter‹ auch meine 15- und 17-jährigen Kinder so sehen würden!«), sie rät der jungen Generation, sich endlich wieder mit den Großen der Vergangenheit auseinander zu setzen. Was Ginette Neveu, Nathan Milstein und David Oistrach (den sie als 6-Jährige in Basel noch erlebte) bei Brahms an differenziertesten Ausdrucksnuancen vollbracht haben, das sei bis heute unerreicht. Auch von ihr? Immerhin hält unser Kritikerpapst ihre Einspielung des Violinkonzerts unter Karajan mit für die beste überhaupt! Dazu kein Kommentar, nur ein vielsagendes Lächeln.

Neu erschienen:

Johannes Brahms

Violinsonaten

Anne-Sophie Mutter, Lambert Orkis

DG/Universal

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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