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Der Chor des Schleswig-Holstein Musik Festivals

Auf historischer Mission im Reich der Mitte

Morgens mit dem Bus durchs Chaos der 23-Millionen-Metropole Shanghai, mittags für Mutige panierte Hühnerkrallen, Entenkopf und Qualle, abends Brahms’ Deutsches Requiem als chinesische Erstaufführung und zum Ausklang ein Cocktail im 87. Stock eines der höchsten Gebäude der Welt – viel mehr kann eine Konzerttournee jungen Chorsängern nicht bieten. Entsprechend beeindruckt waren die 67 Mitglieder des Chors des Schleswig-Holstein Musik Festivals von ihrer achttägigen Reise durch das bevölkerungsreichste Land der Welt. China ist das Japan von morgen, nur zehn Mal so groß, sagen die, die den Ausbruch der Klassik-Begeisterung damals im Land der aufgehenden Sonne miterlebt haben. Auch der Dirigent und Musikmanager Rolf Beck gerät ins Schwärmen, wenn er von den Chancen im sich rasant wandelnden China spricht. Als Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals hat er 2012 das Land der Mitte in den Fokus gerückt, die Chinesen revanchierten sich mit einer Einladung an die von Beck selbst gegründete und geleitete Chorakademie.
Und die ist einzigartig. Wie fordernd und erfüllend Chor- und Ensemblegesang auf höchstem Niveau sein kann, erfahren viele der Gesangsstudenten, die seit 2002 jeden Sommer aus aller Welt anreisen, in Deutschlands Norden zum ersten Mal. „Erst hier habe ich gemerkt, dass man auch im Chor wachsen kann“, sagt etwa Berj Karazian aus dem armenischen Jerewan, für den der SHMF-Chor das Tor zur Welt geworden ist. Nicht wenigen, die immer nur von der Solistenkarriere träumten, eröffnen sich plötzlich neue berufliche Perspektiven.
Die besten des aktuellen und der vergangenen Jahrgänge bilden den Festivalchor, der, einer Lübecker Stiftung sei Dank, als Botschafter der klassischen Chormusik die Welt bereist – und den jungen Sängern dabei einen Bereich ihres künftigen Berufslebens zeigt, den sie auf der Hochschule nicht kennenlernen, wie Daniel Oleksy aus Danzig betont. Dass auch Sänger Anfang der 30 dabei sind, die inzwischen im Collegium vocale Gent, in deutschen Opernchören oder gar in ersten Solistenrollen an großen Opernhäusern singen, beweist die Verbundenheit der ehemaligen Absolventen mit der Chorakademie – und bürgt zugleich für hohe Qualität.
Das chinesische Publikum war denn auch begeistert. Brahms’ Requiem mit dem Shanghai Symphony Orchestra wurde in ausverkaufter Halle zum umjubelten Erfolg und bescherte Rolf Beck und seinem Chor gleich eine Wiedereinladung. Zu einem Highlight des Beijing Music Festivals wurde im Konzertsaal der Verbotenen Stadt Carl Orffs Carmina Burana – in der aparten Fassung mit zwei Klavieren und Schlagwerk (mit dem wunderbaren Ensemble Elbtonal Percussion). Und auch im nur sieben Millionen Einwohner zählenden Hangzhou klingelte im Konzert zwar immer mal wieder ein Handy, unterhielten sich einzelne Zuschauer oder gingen rein und raus, doch der Großteil des Publikums folgte gebannt den noch ungewohnten Kammerchorklängen von Brahms und Rossini. Mission geglückt, muss man sagen, und Appetit geweckt auf mehr. Apropos: wie Qualle schmeckt? Ehrlich gesagt nach nichts. Und eher knorplig als glibberig.

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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