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Vokal total

In Großbritannien stand 2013 nicht Verdi oder Wagner im Mittelpunkt von Jubiläumsfeierlichkeiten, sondern Benjamin Britten. Seine Werke prägten die Spielpläne und Konzertprogramme landauf landab, so gut wie jeder Künstler stand im Laufe des Jahres in oder mit einem Britten-Werk auf der Bühne. Auch das London Symphony Orchestra erwies dem Komponisten mit zwei konzertanten Aufführungen von „The Turn Of The Screw“ seine Reverenz. Der Mitschnitt unter der Leitung von Richard Farnes kann fast auf ganzer Linie punkten. Andrew Kennedy bringt für die dominierende Rolle des Peter Quint nicht nur alle wünschenswerten Tugenden eines lyrischen Tenors mit, sondern wirkt seines männlichen Timbres wegen deutlich interessanter als viele nur weich klingende Kollegen. Katherine Broderick hat schon mit ihrem Debüt-Recital (siehe RONDO 1/2013) bewiesen, dass sie eine tolle Stimme hat, die sie hier als Miss Jessel wirkungsvoll einsetzt. Auch die beiden Kinder und die Haushälterin sind sehr gut besetzt, lediglich bei der Gouvernante von Sally Matthews mit ihrem unruhigen Vibrato gibt es Abstriche zu machen. (LSO Live/Note 1)

Von Verdi lässt Riccardo Muti auch als Chef des Chicago Symphony Orchestra nicht. Nach einer fantastischen „Messa da Requiem“ (siehe RONDO 1/2011) bringt das orchestereigene Label jetzt einen nicht weniger begeisternden „Otello“ mit dem Maestro heraus. Aleksandrs Antonenko sang die Titelpartie bereits bei den Salzburger Festspielen 2008 unter Muti, er ist derzeit absolut konkurrenzlos als Otello. Was man auch von Krassimira Stoyanovas Desdemona sagen kann: Die Bulgarin hat alles, was man sich von einem Verdi-Sopran wünscht. Nur Carlo Guelfis Bariton ist für den Jago zu klein dimensioniert, zudem in der Höhe arg eingeschränkt. Dank der hervorragenden übrigen Besetzung lässt sich das aber gut verschmerzen. (CSO Resound/harmonia mundi)

Weit nach Russland hinein, nach Perm, 1400 Kilometer östlich von Moskau, hat sich Simone Kermes aus Liebe zu Mozart begeben, um dessen drei Da-Ponte-Opern mit Teodor Currentzis und seiner MusicAeterna einzuspielen. Als Einstieg wurde „Le nozze di Figaro“ gewählt, wo neben Kermes als Contessa zwar international nicht ganz so bekannte Namen auf der Besetzungsliste stehen, das sängerische Niveau aber dennoch recht hoch ist. Trotzdem ist der eigentliche Star der Aufnahme die fulminante MusicAeterna, die mit ihrem energiegeladenen, dynamisch weitgefächerten, ebenso frei wirkenden wie rhythmisch präzisen Spiel wirklich einen neuen Orchesterstandard für dieses Werk festgelegt hat. Allein schon wegen dieser unglaublichen Truppe und ihres unkonventionellen Leiters dürfen wir uns auf die anderen beiden Teile der Trias freuen. (Sony)

Durch einen kürzlich in Brüssel aufgefundenen Band mit den handschriftlichen Partituren von gleich vier Oratorien Gaetano Venezianos, kann man jetzt erstmals auch ein großes Vokalwerk des Scarlatti-Zeitgenossen kennenlernen, das knapp 70-minütige „La Santissima Trinità“. Antonio Florio und seinem Ensemble I Turchini (früher: Cappella de‘ Turchini) verdanken wir seit über 20 Jahren zahlreiche musikalische Entdeckungen der neapolitanischen Schule – mit diesem geistlichen Musikdrama von 1693 noch eine mehr. Die fünf Gesangssolisten zeichnen sich nicht vorrangig durch Stimmschönheit aus, sondern durch stilistische Kompetenz und Gestaltungskunst. Ein weiterer interessanter Blick auf die Musikstadt Neapel am Ende des 17. Jahrhunderts. (Glossa/Note 1)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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