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(c) Herwig Prammer

Café Imperial

Dass es das noch gibt: eine Premiere mit Plácido Domingo, der als Protagonist von Verdis „I due Foscari“ ein Rollendebüt gibt. Außerdem das wohl erste Mal seit Dezennien, dass sein wirkliches Alter (offiziell 73) dasjenige seiner Bühnenrolle um mehr als ein Jahrzehnt unterschreitet! (Francesco Foscari ist Mitte 80.) Unglaublich schließlich, wie sich Domingo – nach seinem Fiasko als Graf Luna in Berlin – als Doge in Wien ins Zeug legt. Kernig, bissig und ausdauernd in der Attacke, ist dies der eindeutig beste Domingo seit „Simon Boccanegra“, seiner anderen großen Verdi-Bariton-Partie. Auch sah man ihn lange nicht so glücklich ausgelassen und gelöst wie beim Schlussapplaus. Ganz erstaunlich.
Zwar begnügt sich die Inszenierung von Thaddeus Strassberger damit, auf Aqua alta- Stegen ein Kostüm-Venedig zu pinseln, in dem Domingo dekorativ im Lehnstuhl sitzt (oder im Bett liegt). Auch sind die anderen großen Partien nach dem Grundsatz besetzt: „Send in the clones“. Arturo Chacón-Cruz beweist, dass Domingo- Tenorklang in der Familie Foscari offenbar erblich ist. Davinia Rodriguez dagegen klont die Callas. In Gestik und mit Wasserglas- Röhre im Dauer-Forte. Nur leider als Nervensäge, was die Callas nie war.
Trotzdem ein großer Abend, auch wegen des in Europa nur noch selten präsenten Dirigenten James Conlon. Im Hexenkessel rührend belegt er, dass das ORF-Symphonieorchester immer noch das zuverlässigste Orchester von Wien ist. Angriffslustig und treffsicher, vielseitig und motiviert. Wegen Domingo und Conlon am Pult eine der erfreulichsten Erfahrungen zum Verdi-Jahr.
Unser Stammcafé im Hotel Imperial, das auch eine Stammadresse von Thomas Bernhard war, wird immer noch renoviert. Also ziehen wir um ins gern übersehene Café Sacher! Sind hier eigentlich auch Einheimische? Anscheinend. Selbst Renée Fleming, mit der ich mich hier kürzlich traf, kriegt keinen guten Platz. Sie nimmt’s gelassen. Man nennt’s Noblesse. Prompt gerät man ins Sinnieren über die gegenüber liegende Wiener Staatsoper, wo Fleming kürzlich ihr Wiener Rollen-Debüt (!) als Marschallin gab. Sogar sie selber, wie sie leise zugibt, fand das Orchester im „Rosenkavalier“ zuweilen etwas laut. Aber grundsätzlich: Verfolgt eigentlich noch die internationale Presse die Arbeit der Oper am Ring?
Naja, geht so. Interessante Premieren hat man kaum zu bieten. Franz Welser-Möst ist ein in Wien hochrespektierter, im Ausland eher achselzuckend betrachteter Kapellmeister. So lange die Wiener Journalisten den Deckel draufhalten, dürfte Intendant Dominique Meyer immerhin freie Fahrt haben. Aktuell liefert man mit einer szenischen „Adriana Lecouvreur“ für Angela Gheorghiu Solides für Diven-Anbeter und Primadonnen-Tröster (16.2. – 12.3.). Es ist die wohl beste Rolle der im Herbst ihrer Karriere angekommenen Sopranistin, die sich selber gerne als Diva assoluta stilisierte (tatsächlich war sie die größte Sängerin des italienischen Fachs unmittelbar vor Anna Netrebko).
Interessanter ist die Neuproduktion von Rameaus Opern-Ballettkomödie „Platée“ am Theater an der Wien. Prominent inszeniert von Robert Carsen und gut besetzt mit Cyril Auvity und Simone Kermes, letztere in der Rolle ihres Lebens: als „La Folle“ (ab 17.2.). Nimmt man die drei da Ponte-Opern von Mozart hinzu, halbszenisch dirigiert von Nikolaus Harnoncourt (8., 19., 29.3.), so bleibt das Theater an der Wien eine klug komplementäre Spielstätte zum Riesentanker am Ring. Es spielt zu selten. Doch die ‚auf Lücke’ produzierten Werke sind Trouvaillen nicht nur im gesamtösterreichischen Maßstab.
Noch eine schöne Sache: der neue „Albert Herring“ an der Volksoper (Inszenierung: Brigitte Fassbaender, ab 15.2.). Noch zum Britten-Jahr widmet man sich einer der wenigen Operetten der Moderne. Sehr britisch. Sehr lustig, wenn man es gut macht. Bis März befindet sich Wien tatsächlich im Opern- und Operetten- Glück ! Nicht nur mit üblichem Stamm-Essen von altgedienten Köchen. Sondern: Gustostückerl von überall. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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