Startseite · Künstler · Gefragt

Hier an der Bastille-Oper, doch bald auch in Wien: Philippe Jordan (c) Johannes Ifkovitz

Philippe Jordan

Der Hoffnungsträger

Mit dem Schweizer Dirigenten übernimmt nun erstmals seit Karajan ein Mann unter 40 die Wiener Symphoniker.

Manche Orchester haben Pech mit Chefs. Die Wiener Symphoniker etwa. Noch unter Furtwängler, Karajan, Sawallisch und Giulini etablierten sie sich fest in Wien, und zwar auf dem angestammt zweiten Rang hinter den Wiener Philharmonikern. Und dann? Kaum ein musikalischer Leiter blieb lange. Georges Prêtre (1986 - 91) war nur „Erster Gastdirigent“. Rafael Frühbeck de Burgos (1991 - 1996): kein Originalgenie. Wladimir Fedossejew (1997 - 2004) besaß eine eher zu kleine Kernkompetenz. Und Fabio Luisi? Verlor das Interesse, sobald sich für ihn in New York und Zürich glanzvollere Aufgaben boten. Unwürdige Verhältnisse eigentlich.
Mit Philippe Jordan kommt ab Herbst erstmals wieder ein zugleich junger und ausstrahlungsfähiger Chef. Er kann eine renommierte Position als Ausweis seiner internationalen Begehrtheit vorweisen, denn er ist zeitgleich Chefdirigent der Opéra National de Paris. Und er hat eine Beweislast: Für ihn ist es das erste wirkliche Sinfonieorchester. Jordan weiß, dass man seinen Ruf als Dirigent heute nicht mehr aus Operngräben heraus erwirbt. Sondern nur an der Spitze eines renommierten Konzertorchesters. Aus genau diesem Grund war schon Wolfgang Sawallisch 1960 hierhergekommen.
Jordan will bei seinem Programmschwerpunkt der nächsten Jahre, Wiener Klassik, ein Stammterritorium der Wiener Symphoniker zurückgewinnen. Recht so. Etliche der wichtigsten Aufnahmen des Orchesters, darunter Mozart-Klavierkonzerte mit Clara Haskil und Lili Kraus, Schubert-Sinfonien mit Nikolaus Harnoncourt (der dem Orchester früher als Solo- Cellist angehörte), ebenso Carlo Maria Giulinis Beethoven-Konzerte (mit Arturo Benedetti Michelangeli) sind umwölkte Höhepunkte der Diskografie dieses Ensembles.
Man hörte es in den letzten Jahren bisweilen schwächeln. Rätselhaft etwa, wie man Harnoncourt bei Strawinskis „Rake’s Progress“ im Theater an der Wien hängen ließ. Auch wurden die Symphoniker von der Wiener Presse, z.B. soeben in „I due Foscari“, nicht gerade schonend behandelt. Bekanntlich musste auch Philippe Jordan in Österreich schon erste, kleine Nackenschläge innerhalb seiner Karriere einstecken. Nach Jahren in Ulm und Berlin (als Assistent Barenboims) kam er an die Oper Graz. „Da war ein Punkt erreicht, wo ich dachte: jetzt erstmal keine feste Stelle mehr“, so Jordan im Interview mit RONDO. „Das war eigentlich eine Identitätskrise. Ich war ausgelaugt.“
Er verlängerte seinen Grazer Vertrag nicht, sondern begab sich auf Wanderschaft ohne festen Vertrag, unter anderem als Gast bei den Wiener Philharmonikern und als Kapellmeister der Berliner Staatskapelle. Zwischenzeitlich starb sein Vater (2006), der Dirigent Armin Jordan. Dies war ein Grund dafür, einen Weg nach Frankreich einzuschlagen, wo Philippe Jordan 2009 mit Wagners „Ring“ seinen Einstand als Chefdirigent gab. Jordan ist ehrgeizig, selbstkritisch und handwerklich sattelfest. Optisch gute Figur macht der 39-Jährige ohnehin. Beste Aussichten für die Wiener Symphoniker. Endlich!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Olga Peretyatko

Rotkehlchen

Die Sopranistin widmet sich auf ihrem neuen Album „Russian Light“ Raritäten des russischen […]
zum Artikel »

Da Capo

Berlin, Staatsoper

Dmitri Tschernjakov, der 2011 das Bolschoi- Theater wiederöffnete (mit Glinkas „Ruslan und […]
zum Artikel »




Top