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Hörtest

Beethoven: "Erzherzogtrio"

Mit dem Klaviertrio B-Dur op. 97 führt Beethoven die von Haydn etablierte Besetzung auf einen neuen Gipfel. Die Uraufführung wird hingegen sein Abschied von der Konzertbühne.

Drei Fürsten schließen ein Bündnis. Denn Jérome Bonaparte, Napoleons Bruder und König von Westfalen, will 1808 Ludwig van Beethoven 600 Dukaten jährlich zahlen, wenn er als Kapellmeister an den Kasseler Hof wechselt. Das wissen dessen Verehrer zu verhindern: Fürst Kinsky, Fürst Lobkowitz und Erzherzog Rudolf von Habsburg bieten dem Komponisten in einem „Rentenvertrag“, der ihn in Wien hält, mehr als das Sechsfache an, 4000 Gulden jährlich. Denn nur ein sorgenfreier Mensch könne sich seinem Fach widmen, und „diese, vor allen übrigen Beschäftigungen ausschlüssliche Verwendung“ sei nötig, um „grosse, erhabene, und die Kunst veredelnde Werke zu erzeugen“, wie es weiter heißt. Beethoven, der in Bonn als livrierter Kapellmusiker begann, ist endgültig freischaffender Komponist. Und Erzherzog Rudolf, seit 1804 Beethovens Klavierschüler, wird zu einem Freund. Als solcher ist er Widmungsträger etwa der Missa solemnis, der Klavierkonzerte Nr. 4 & 5. Und eben auch des Klaviertrios op. 97, das bis heute den Beinamen „Erzherzogtrio“ trägt.

Nicht ohne mein Cello

Und auch das Cello befreit sich zu dieser Zeit: 1796 auf Konzertreise lernte Beethoven in Potsdam von Jean Pierre Duport, dem Cellolehrer des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II., über welch große technische Möglichkeiten das tiefe Streichinstrument verfügt. Bislang stand es stets in Abhängigkeit anderer Stimmen, vor allem als Teil des Generalbasses, und das Klaviertrio verstand sich auch eher als eine Sonate für Klavier mit klanglich reizvollen Verdopplungen von Violine und Cello. Im Notfall konnte man die Streicher ohne Verlust einfach weglassen. Da der Generalbass mit seinen improvisierten Harmoniestimmen aus der Mode kam, konnte man aber nun alle Stimmen gezielt formulieren und festlegen. Parallel dazu machte auch der Klavierbau um 1800 große Fortschritte in der Klangfülle der Bassregister, und das Cello war aus seiner Verstärkerfunktion befreit. Spürbar geht Ende des 18. Jahrhunderts ein erleichtertes Ausschütteln durch den Kammermusiksatz: Zeit für was Neues!
In einer Art produktivem Trotz trat Beethoven ein Jahr später nicht etwa mit Streichquartetten – wie es einem Haydn-Schüler eigentlich angestanden hätte – sondern mit drei Klaviertrios als seinem „Opus 1“ an die Öffentlichkeit. Schon diese sehen Cello und Violine erstmals als echte Partner und vollwertige Gegenspieler des Klaviers. Das „Erzherzogtrio“, als letzter veröffentlichter Beitrag zur Gattung, verströmt – anders als die vorangegangenen, von diszipliniertem, selbstbewusstem Gestaltungswillen durchdrungenen Trios – vor allem ein ganz entspanntes, majestätisches Melos. Fast möchte man sagen: eine herrschaftliche Melodienseligkeit.

Fürstlich entspannt

Lässig, im fast heiteren Wiegen, seilt sich das fürstlich-vollgriffige Klavierthema aus der Höhe. Nur Haupttonart und Subdominante im Wechsel, eine ruhige Pendelbewegung. Seltsam, dass Beethoven hier auch weit weniger als sonst versucht, im Mittelteil die thematischen Gedanken in allen Scharnieren zu drehen, miteinander zu verschränken und auf ihre Möglichkeiten zu prüfen. Stattdessen immer wieder Momente gelöster Ruhe: Klaviernebel, aus dem die Streicher mit Themenfragmenten nur hervor blitzen. Ein Scherzo mit unerwartet trittfestem Ländlerrhythmus schließt sich an, ihm folgt ein Andante cantabile- Thema, dessen vier Variationen in Empfindungswelten vorstoßen, die man sonst nur in seinen späten Klaviersonaten betritt: wehmütige Gelöstheit, schimmerndes Licht. Doch Kammermusik kann schon als Gemeinschaftskunst nicht in dieselbe Weltverlorenheit münden wie nach innen gespielte Sonaten: Das drollig dahergetrillerte Presto stellt als Kehraus die volle Lebenswirklichkeit wieder her, mit einer guten Portion Übermut und Waghalsigkeit für die Streicher.
Beethovens „Erzherzogtrio“ leuchtet als Vorbild weit ins 19. Jahrhundert hinein. Für sein eigenes Leben bedeutet es hingegen einen Schlusspunkt: Die Uraufführung am 11. April 1814 im Haus zum Römischen Kaiser in Wien ist sein letzter öffentlicher Auftritt als Pianist. Louis Spohr berichtet von einem Probenbesuch: „Ein Genuss war’s nicht. Denn erstlich stimmte das Pianoforte sehr schlecht, was Beethoven wenig bekümmerte, da er ohnehin nichts davon hörte, und zweitens war von der früher so bewunderten Virtuosität des Künstlers infolge seiner Taubheit fast gar nichts übrig geblieben.“

Schlank, aber heißblütig

Die für den Hörtest ausgewählten Aufnahmen bewegen sich allesamt musikalisch auf sehr hohem Niveau. Der wichtigste Unterschied: Das hochemotionale Beethovenspiel der früheren Jahre ist inzwischen schlankeren, deshalb aber keineswegs nüchternen Lesarten gewichen.
Ein minimales Rauschen ist bei Kempff, Szeryng und Fournier (1970) im Hintergrund geblieben, und die Aufnahme wirkt durch den nicht ganz transparenten, in den Mittelregistern verdichteten Klang ein wenig, als musizierten die Musiker im Nebenzimmer. Darüber hinaus trübt auch der penetrant näselnde Klang von Pierre Fourniers Cello etwas die Freude an dieser ansonsten souveränen Altherrenrunde. Im Vergleich dazu ist die Aufnahme von Barenboim, Zukerman und Du Pré (1970) von fast angriffslustiger Präsenz, knackig und klar. Man fühlt sich wie umstellt von den Musikern. Hat man sich aber erst einmal auf den sehr leidenschaftlichen Beethoven-Zugang eingelassen, lässt es sich in dieser ebenfalls schon 44 Jahre alten Aufnahme in Vibrati und Schwellern, in Verzögerungen und Schleifern nur so baden.
Das ist freilich Geschmackssache. Wer die Musik weder emotional noch klanglich auf dem Schoß sitzen haben möchte, greift vielleicht lieber zum Beaux Arts Trio (1979). Wie sich zeigt, lässt sich das „Erzherzogtrio“ auch herrlich entspannt, und dennoch hellwach musizieren, dazu der berühmte warme, geradezu noble Ton des langjährigen – ja: Marktführers in Sachen Klaviertrio. Die Streicher schaffen mit einem sehr flexiblen Einsatz von Lautstärkekontrasten einen ständigen Vorwärtsdrang, ohne Druck aufzubauen. Zwanzig Jahre später starteten Immerseel, Beths und Bylsma (1999) einen ersten Versuch mit historischem Instrumentarium. Leider gemahnt das Pianoforte an Spohrs Beschreibung der Originalprobe. Der kurze Nachhall verlangt zudem nach recht zügigen Tempi. Doch entsteht anders als in den übrigen Aufnahmen hier zwischen den Streichern nur sehr wenig Spannung, die emotionale Amplitude bleibt für eine historisch informierte Lesart unerwartet flach.
Mag auch das Trio Parnassus (2002) kein Freund von Ausbrüchen sein, wendet sich das hier jedoch ins Vorteilhafte. Klanglich ordnet sich das Klavier hier vergleichsweise stärker dem Streichersatz ein, fast unter, was angesichts der tief ausgeleuchteten Räumlichkeit angenehm und ungemein plastisch wirkt. Auch die Interpretation ist ausbalanciert in jeder Hinsicht, in den Tempi, den Affekten, dem achtsamen Miteinander der Streicher – eine rundum saubere Sache. Auch die Einspielung des Trio Élégiaque (2012) punktet ebenfalls mit der Tonqualität der Aufnahme. Cello und Violine auf gleicher Höhe mit dem Klavier, doch von warmer Temperatur mit klaren Tiefen. Zwar fließt der Klavierpart nicht ganz so makellos dahin wie beim Beaux Arts Trio, doch als Budgetproduktion ist diese Aufnahme eine echte Empfehlung für Neugierige.
Offen, klar und brillant im Klang, fast sogar etwas kühl durch die leicht zurückgenommenen Tiefen, wirkt die Aufnahme des Trio Wanderer (2011), die im Spiel auch gestraffte Tempi anschlagen. Ihr ruhiges, aber stets gespanntes Vorwärtsschreiten lässt kein Pathos aufkommen. Diese Aufnahme vermittelt die Atmosphäre eines „modernen“, fast rationalen Beethovenbildes. Temposchwankungen werden zum Beispiel in jeder Form ganz bewusst vermieden.
Brandneu ist noch eine Aufnahme erschienen, die mit Melnikov, Faust und Queyras (2014) drei Musiker eint, die nicht nur intensiv als Kammermusikpartner zusammengearbeitet haben, sondern aus Erfahrungen mit historisch informierten Ansätzen einen verwandten Blick auf das Repertoire um 1800 pflegen. Starteten Immerseel und Bylsma 1999 erste Gehversuche in Abgrenzung zum romantischen Stil à la Barenboim und Du Pré, ist hier das Pianoforte „nur“ Voraussetzung historischer Klangbalance und Klangfarbenfülle, kein Dogma. Musikalischer Horizont und Ausdruckswillen der Musiker sind zeitgenössisch und zielen auf ein heutiges Publikum. Klanglich tritt das Klavier deutlich zurück, bleibt durch sein hochtöniges Timbre aber vernehmbar. Setzt das Trio Wanderer auf klare Nonchalance, so verströmt die Aufnahme von Melnikov, Faust und Queyras eine ungeheure, alle anderen Aufnahmen übersteigende Intensität, die die tradierten Manieren der 70er gar nicht braucht, um zu fesseln.

Souverän:

Beaux Arts Trio

Decca/Universal

Isabelle Faust, Alexander Melnikov, Jean-Guihen Queyras

harmonia mundi

Bürgerlicher Fleiß:

Daniel Barenboim, Pinchas Zukerman, Jacqueline Du Pré

EMI/Warner

Trio Parnassus

MDG/Naxos

Trio Wanderer

harmonia mundi

Trio Élégiaque

Brilliant Classics/Edel

Abschiedsvorstellung:

Kempff, Szeryng, Fournier

Immerseel, Beths, Bylsma

Sony

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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